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Jürgen Trittin

Der Papst ist eben Papst

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2011

In seiner Rede vor dem Bundestag fragte Benedikt XVI., wie Parlamentarier zwischen gut und böse unterscheiden können

In seiner Rede vor dem Bundestag fragte Benedikt XVI., wie Parlamentarier zwischen gut und böse unterscheiden können, wie sie gerecht sein können. Dass sich dieses Europa auf der Tradition des Glaubens an den jüdischen Gott, der hellenischen Vernunft und des römischen Rechts entwickelt hat, dass es sein Recht aus Quellen schöpft, die weit zurückreichen, trifft ohne Zweifel zu. Dass sich die Kirche – nicht mehr – anmaßt, diesen fälschlich Naturrecht genannten Wertekanon exklusiv zu definieren, unterstreicht die inzwischen auch von der katholischen Kirche akzeptierte Trennung von Kirche und Staat.

Doch eine neue Botschaft ist dies nicht. Die Unveräußerlichkeit der jedem Menschen zustehenden Rechte ist Kern unseres Grundgesetzes. Sie steht nicht zur Disposition einer Mehrheit. Sie entzieht sich der Legitimation durch Verfahren. Die aus der Katastrophe des deutschen Unrechtsstaates geborene Verfassung hat einen ausgeprägten – und guten – rechtspositivistischen Charakter. Sie beruht auf einem starken Wertefundament.

Dieser Wertekanon wurde vor 20 Jahren erweitert im Artikel 20?a: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen.“ Das ist der historische Wind, den die ökologische Bewegung und die Grünen ins Grundgesetz gebracht haben. „In Verantwortung für die künftigen Generationen“ haben die Grünen auf einem ihrer Wahlplakate so übersetzt: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.“

Dies trifft sich mit dem christlichen Gedanken von der Bewahrung der Schöpfung, ist aber nicht das Gleiche. Man kann dieser Verantwortung gerecht werden, ohne an die Kreation durch einen Schöpfer zu glauben. Gleichzeitig kann man sich als Katholik bei den Grünen gut aufgehoben fühlen. Das hat der Papst zum Ausdruck gebracht. Damit wird der Papst kein Grüner und die Grünen nicht katholisch. Denn zum Kernbestandteil grüner Werte gehört die Gleichberechtigung von Mann und Frau, und eine Kirche, die Frauen das Priesteramt verweigert, steht im Widerspruch zu diesen grünen Werten. Zum Grünsein gehört der Kampf um die Gleichberechtigung unterschiedlicher sexueller Orientierungen. In all diesen Fragen ist Benedikt XVI. dezidiert anderer Auffassung als die Grünen.

Der Papst ist eben der Papst.

Jürgen Trittin ist Fraktionsvorsitzender von
Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag.

 

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Jürgen Trittin (Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
keine