Noizen für die Ewigkeit
Judenmission impossible
Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2012
Der jüdisch-christliche Dialog geht in neue Hände über. Ist da noch Dialog zu erwarten?
Wusste Rita Süssmuth eigentlich, wen sie da vor sich hatte? Man darf es bezweifeln. Die CDU-Politikerin und frühere Bundestagspräsidentin grüßte die Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Wannseekonferenz. Und sie erinnerte daran, wie die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach dem Krieg den Dialog mit den Überlebenden der Schoah begannen – „das, was Sie heute weiterführen und mit neuen Initiativen auf den Weg bringen“. Unter den Veranstaltern sind Menschen, die erkennbar Sympathie für Judenmission zeigen. Juden lehnen das strikt ab. Ist das noch Dialog?
Das Treffen wurde von der Münchner „Initiative 27.?Januar“ und dem christlichen Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“ organisiert. Beide bestehen zu nicht geringen Teilen aus evangelikalen und charismatisch geprägten Christen aus Landes- und Freikirchen. Dem Vorstand der „Initiative 27.?Januar“ gehört etwa der Religionslehrer Andreas Späth aus Ansbach an. Als Vorsitzender der „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern“ setzt er sich für engere Kontakte seiner Kirche zu sogenannten messianischen Juden ein: Splittergruppen, die an Jesus Christus als den Messias glauben, aber viele jüdische Feste feiern. Kritiker halten sie für getarnte Christen, die unter Juden missionieren wollen.
Während die Evangelische Kirche in Deutschland und die Landeskirchen die Judenmission ablehnen, ist sie im frömmeren Teil des Protestantismus akzeptiert. Das sieht auch der Anti?semitismus-Bericht des Deutschen Bundestags so, der am Montag in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: Es sei unklar, „inwieweit der christlich-jüdische Dialog zu einer Überwindung antisemitischer Vorurteile in den Kirchen beiträgt und nicht nur auf einer Metaebene stattfindet, die die Mitglieder der Kirchen an der Basis nur selten anspricht“. Erreicht der Dialog, so fragt der Bericht, „auch jene Gruppen, die nach wie vor am Dogma der Judenmission festhalten?“ Doch was können die zum Teil überalterten Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit noch leisten? Früher wäre die Veranstaltung in der Friedrichstadtkirche ihre Aufgabe gewesen. Heute scheinen sie solcher Verantwortung kaum noch gewachsen.
Zwei Tage nach dem Treffen am Gendarmenmarkt eröffnete die Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eine Ausstellung mit Biografien jüdischer Zeitzeugen. Im angestaubten Rathaus Schöneberg, dem Regierungssitz des alten Westberlin, weit weg vom Herzen der Hauptstadt. Statt einer ehemaligen Bundestagspräsidentin erscheinen eine Bezirksbürgermeisterin als Ehrengast und ein Mitglied des Abgeordnetenhauses.
Die Gästeliste in der Friedrichstadtkirche las sich ganz anders: Eine Delegation der israelischen Regierung stand darauf, dazu die Knesset-Abgeordnete Lia Shemtov. Sie leitet ein Komitee zur Stärkung der Beziehungen Israels mit evangelikalen Christen. Überschwänglich dankt sie ihnen für die Unterstützung. Als die „Initiative 27.?Januar“ in den letzten Jahren Gedenkveranstaltungen im Bayerischen Landtag durchführte, nahmen daran auch die damalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, und Vertreter des Zentralrats der Juden teil. Da deutet sich ein Paradigmenwechsel in der kirchlichen Gedenkkultur an.





