Theologie
Johannes Paul II.: Pontifex mit Leib und Seele
Aus: Christ & Welt Ausgabe 18/2011
Kein anderer Papst hat sich so intensiv mit Liebe, Lust und Leidenschaft befasst. Die Rehabilitation des Leibes war sein Lebensthema. Warum merkt das kaum einer?
Könige kamen, Könige gingen, Reiche erodierten, der Papst sprach über die Liebe. Sowjetische und amerikanische Truppen marschierten in Afghanistan ein, Ronald Reagan und François Mitterrand wurden zu Präsidenten ihrer jeweiligen Länder gewählt, der Papst sprach über das Verlangen. Prinz Charles heiratete Lady Diana, Iran und Irak führten Krieg, Ägyptens Staatschef Sadat und Indira Gandhi wurden erschossen, der Papst sprach über Libido, Lust und Leidenschaft.
So trug es sich zu zwischen September 1979 und November 1984, als Johannes Paul II. in insgesamt 133 Katechesen seine „Theologie des Leibes“ entwickelte. Auch als ihn eine Kugel getroffen hatte, im Mai 1981, dauerte es nur zwei Wochen, bis er seine Betrachtungen bei der Generalaudienz am Mittwoch mit der 58. Ansprache fortsetzte. Sie enthielt eine wahrlich nicht nebensächliche Mahnung: „Der innere Mensch muss sich dem ‚Leben aus dem Geist‘ öffnen, damit er … den Wert des Leibes, der durch die Erlösung von den Fesseln der Begehrlichkeit befreit wurde, wiederentdeckt und verwirklicht.“
Wenig anderen Themen widmete sich Johannes Paul II. mit einer vergleichbaren Ausdauer wie der theologischen Rehabilitation des Leibes, der bei ihm fast in den Rang eines Gottesbeweises erhoben wurde. Neben biografischen Gründen – er hatte die Betrachtungen vor seiner Wahl zum Papst konzipiert, sie knüpften an seine philosophischen Hauptwerke „Person und Tat“ und „Liebe und Verantwortung“ an – war es eine christliche Grundüberzeugung, die Johannes Paul II. zum Anwalt des menschlichen Körpers machte: „Dadurch“, sagte er Anfang April 1980, „dass das Wort Gottes Fleisch wurde, ist der Leib … wie durch das Hauptportal in die Theologie eingetreten.“ Was also folgt aus der Inkarnation Christi für unser aller Leib, für unsere sterbliche Hülle, die wir eben sind und die wir nicht nur haben, die uns ausmacht und nicht bloß Werkzeug ist?
Angesichts der zentralen Bedeutung der „Theologie des Leibes“ ist das bisherige Echo niederschmetternd gering. Während heute jede päpstliche Äußerung in Windeseile den Erdball durchmisst, dank Internet und neuer sozialer Medien kommentiert, eingeordnet, weitergeleitet wird, musste man zwischen 1979 und 1984 zu den Beziehern des „Osservatore Romano“ gehören, um mit gehöriger zeitlicher Verspätung teilzuhaben am anspruchsvollen Gang der Gedanken. Auch der Charakter einer fortlaufenden Vorlesung stand dem spontanen Verstehen im Wege. Die 2008 in zweiter Auflage erschienene deutsche Ausgabe ist 700 Seiten stark und endet mit einem gerade einmal neun Titel umfassenden Literaturverzeichnis. Die Herausgeber Norbert und Renate Martin konstatieren, „auch nach über 20 Jahren“ hätten die Auslegungen „im deutschen Sprachraum noch wenig Beachtung gefunden“.
International sieht es kaum besser aus. Papstbiograf George Weigel schreibt in „Zeuge der Hoffnung“ (1999), Kirche und Welt befänden sich „weit im 21. Jahrhundert, bevor die katholische Theologie den Inhalt dieser 130 Generalaudienz-Ansprachen vollständig assimiliert hat“. Nur einmal habe die Lectio continua einen „Aufruhr in den Weltmedien“ verursacht. Johannes Paul II. sprach im Oktober 1980 über Jesu Wort vom Ehebruch, der „im Herzen“ vollzogen werde, wenn ein Mann eine Frau ansieht, „um sie zu begehren“, und folgerte: Einen solchen „Ehebruch im Herzen“ könne es auch innerhalb der Ehe geben.
Wer seine Ehefrau, seinen Ehemann „zu einem Objekt der potenziellen Befriedigung des eigenen sexuellen Bedürfnisses“ mache, sie oder ihn zur bloßen Triebbefriedigung gebrauche, breche die Ehe. Diese nämlich beruhe auf gegenseitiger Achtung, auf der Ehrfurcht vor dem Leib und der Seele des anderen. Ehe, hieß es gar an einem anderen Mittwoch, sei das „ursprünglichste Sakrament“.
Wegen solch eigentümlicher Formulierungen nennt Weigel die „Theologie des Leibes“ eine der „kühnsten Neustrukturierungen der katholischen Theologie in Jahrhunderten“ und „eine Art theologischer Zeitbombe, die mit dramatischen Konsequenzen irgendwann im dritten Millennium der Kirche explodieren wird“. Vielleicht ist nun, da vor der Seligsprechung die Augen der Welt auf den Papst aus Polen gerichtet sind, der Augenblick gekommen. Um welche Explosionen, welche dramatischen Konsequenzen könnte es sich handeln? Dass die Ehe, historisch zuletzt in den Kreis der Sakramente aufgenommen, an deren Spitze gestellt wird, gibt die Richtung dieser Totalrevision vor. Die „ganze Sendung Christi“ hat laut Johannes Paul II. ihr Ziel in der Erlösung des Leibes. Damit der „innere Mensch“ an diesem Ethos der Erlösung Anteil habe, müsse er den eigenen und den fremden Leib so behandeln, wie es einer Gottesgabe zukommt: im Zweifel beherrscht und im Akt hingegeben, ehrfürchtig und treu, ohne die „Dynamik der Spannung und der Lust“ zu verleugnen. Im Dialog der Leiber, ließe sich sagen, wird die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung erfahrbar wie nirgends sonst – sofern ihr Raum die göttlich gestiftete Ehe ist, denn „am Anfang als Mann und Frau geschaffen“ (Mt 19,4) wurden die Menschen.
Ein Sakrament definiert Johannes Paul II. klassisch als „sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit“. Insofern „der Leib und nur er das Unsichtbare sichtbar machen kann, das Geistliche und das Göttliche“, ist bereits er ein Sakrament. Im „Sakrament des Leibes“, der nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde, zeigt sich die Berufung des Menschen zur Herrlichkeit, zum ewigen, erlösten Leben. Der einzelne Leib aber bleibt defizitär, so wie das Schöpfungswerk unvollkommen war nur mit Adam. Johannes Pauls II. vielleicht tiefster Satz lautet darum: „Der Mensch wird nicht so sehr im Augenblick seines Alleinseins als vielmehr im Augenblick der Gemeinschaft zum Abbild Gottes.“ Die berühmte Formel Martin Bubers, am Du erst werde das Ich, nahm der Papst hinein ins Zentrum christlicher Trinität. Vergleichbar dem in sich bewegten, beziehungsreichen Gott, „findet in gewissem Sinn die Weiblichkeit sich selbst angesichts der Männlichkeit, während die Männlichkeit durch die Weiblichkeit ihre Bestätigung erfährt“. Weiblichkeit und Männlichkeit, polar aufeinander bezogen, offen für neues Leben, nennt der Papst „das ursprüngliche Zeichen des schöpferischen Schenkens“.
Die Schöpfung durch Gott am Anfang aller Zeit wird gedeutet als „schenkende Hingabe Gottes“ – ein wunderbarer und weitreichender Gedanke. Christen sind demnach jene, die schenken und die sich verschenken, sich hingeben, weil sie selbst unüberbietbar beschenkt worden sind: einerseits mit der Schöpfung, der sie angehören, andererseits mit der Erlösung durch Christus, der Befreiung aus aller Schuld einer anfangs ganz unschuldigen Geschichte. Und weil das Wesen Gottes die schenkende Hingabe ist in unwandelbarer Treue, ahmen Mann und Frau den Bund Gottes mit den Menschen nach, wenn sie sich in ebensolcher Treue einander hingeben. Der eheliche Vollzug wird Liturgie.
Kein Papst dachte größer von Mann und Frau und deren wechselseitigem Verlangen – und vom Leib, der hineinragt in die anfängliche Vollkommenheit und der auch den Keim endzeitlicher Zukunft trägt. Er ist Subjekt der Erlösung und sündhaft zugleich. Mit der Ursünde kam der begehrliche Blick in die Welt, die Versuchung, im Gegenüber ein Objekt zu sehen. Diese „anhaltende Neigung, Fleisch und Sinne zu befriedigen“, ist in den Augen Johannes Pauls II. nicht nur inhuman. Sie schändet das Bild Gottes, das in Mann und Frau, in Frau und Mann seinen vollkommenen Ausdruck findet und nicht in der Ausbeutung der einen durch die andere Person. Untreue und enthemmte Libido, aber auch Leidenschaftslosigkeit und sexueller Egoismus beleidigen Gott; Prostitution und Pornografie erst recht.
Vor allem biblisch argumentiert Johannes Paul II., nimmt das Buch Genesis, die Bergpredigt und paulinische Briefe zum Ausgangspunkt, befragt diese immer und immer wieder, wodurch die Ansprachen einen meditativen Zug erhalten. Auch die Frage nach der Gottgewolltheit des Zölibates wird so beantwortet. Die „Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen“, von der Christus spricht, drücke eine „besondere Empfänglichkeit des menschlichen Geistes“ aus, „der bereits in dieser Zeit gleichsam das vorwegnimmt, was jedem Menschen bei der künftigen Auferstehung geschenkt wird“. Bekanntlich wird dann niemand mehr heiraten (Mk 12,25), weshalb der Papst den Zölibat eine „charismatische Ausrichtung auf den eschatologischen Zustand“ nennt und als solche „besonders wertvoll und wichtig“, eine „Ehelosigkeit, die bewusst aus übernatürlichen Beweggründen gewählt wird“. Zudem stelle er ein „Siegel der Ähnlichkeit mit Christus“ dar, welcher selbst diese Lebensform gewählt hatte. Im Konzert der Charismen ergänzen sich Ehe und Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen – nur von ihr ist die Rede – wechselseitig. Beiden ist derselbe Prüfstein vorgesetzt: die Liebe, nichts sonst.
Obwohl Karol Wojtyla jeden Ausflug in die Kontroverstheologie mied, behutsam die Worte der Bibel durchschmeckte, sie hin und her wendete wie kostbare Saphire, sind die Folgerungen seiner Katechesen unabweislich: All jene Gemeinschaften, die Ehescheidungen oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften gutheißen, bewegen sich demnach im außerbiblischen, ja außerchristlichen Raum. Sie missachten den Willen des Schöpfers, wie er „am Anfang“ sich kundgetan hat und bindend blieb. Sie verlassen den von Christus vorgezeichneten Pfad. Zählt auch diese kristallklare Konsequenz zu den Explosionen der „Zeitbombe“?
Wollte man die Moral der fast fünfjährigen päpstlichen Vorlesung zusammenfassen, besagte sie: Wo Menschen schenken, waltet Gott. Wo in liebender, treuer Hingabe Eheleute sich verbinden, ist ihre Leidenschaft gesegnet. Wo zwei Leiber nach einander verlangen, ohne das fremde Fleisch zu unterjochen und ohne dem begehrlichen Blick ehrfurchtslos die Zügel schießen zu lassen, da beginnt der Himmel. Am Umgang mit dem Leib erkennt man den Christen, denn der Leib ist das geöffnete oder aber verschlossene Tor zur Erlösung.
In seiner Betrachtung zum Hohenlied der Liebe deutete Johannes Paul II. schließlich noch einmal die „gegenseitige Bezauberung“, wie sie in der „Sprache des Leibes“ ganz ohne Worte zum Ausdruck komme. Deren Frucht aber sei: der Friede.
Von Alexander Kissler ist soeben erschienen: „Der Jahrhundertpapst. Seliger Johannes Paul II.“ Pattloch Verlag, München 2011. 96 Seiten, 10 Euro.





