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Haltung, bitte!

Jetzt mal ehrlich!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

„Kürzlich hatte mir eine Verkäuferin in der Bäckerei zu viel Geld zurückgegeben. Ich habe es erst zu Hause bemerkt und dann die fünf Euro zurückgegeben. Anstatt sich zu bedanken, steckte die Verkäuferin den Schein mit bösem Blick in die Kasse, offenbar fühlte sie sich vor den anderen Kunden blamiert. Falls das noch mal vorkommt: Soll ich das Geld behalten?“

Ach, wäre es einfach, Haltung zu zeigen, wenn jede Geste der Ehrlichkeit mit Dankbarkeit quittiert würde. Es tut gut, wenn die eigene Moral auch goutiert wird. Ja, es ist leicht, sich an der goldenen Regel entlangzuhangeln, wenn es einen kleinen Applaus dafür gibt. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem anderen zu“, heißt es ja so schön in Reimform.

Leider reimt sich nichts auf die Unberechenbarkeit der Nächsten, die oft gar nicht daran denken, dankbar oder beeindruckt zu sein. Sie sind mit Recht verärgert über die Reaktion der Verkäuferin. Schließlich haben Sie sogar den Umweg zurück in die Bäckerei in Kauf genommen und auf dem Weg einen kleinen Streit mit sich selbst ausgefochten. „Was wäre, wenn ich die fünf Euro einfach behielte? Schließlich bin ich für die Schlamperei an der Kasse ja nicht selbst verantwortlich. Von fünf Euro kann ich mir eine schönes Stück Torte mit Kaffee genehmigen.“

Jeder kennt diese Stimmen. Sie sind aufdringlich und oft ziemlich überzeugend. Doch Sie haben sie überhört und den Geldschein zurückgetragen, weil Sie niemanden übervorteilen wollten. Das hat Anerkennung verdient. Und nun lässt die Frau an der Kasse Sie auch noch schlecht aussehen, als hätten Sie einen Fehler gemacht. Da steht die eigene Moral schon mal infrage und der Gedanke liegt nahe, dass Ihre Ehrlichkeit vergebliche Liebesmüh ist. 

Aber wenn auch Ihre Erwartungshaltung enntäuscht wurde, wollen Sie Ihre innere Haltung tatsächlich von der Reaktion des Gegenübers abhängig machen? Wollen Sie Ihre Ehrlichkeit, Ihre Integrität, Ihr Wohlwollen daran binden, dass die, die von Ihrer Haltung profitieren, das auch anerkennen, am besten mit sichtbaren Zeichen? Haltungen sind keine Investitionen in ein Tauschgeschäft, bei denen der moralische Einsatz mit der Antwort so verrechnet wird, dass Sie am Ende gut dastehen. Ihre Ehrlichkeit ist schließlich ein hohes Gut, das aus der inneren Freiheit lebt, die letztlich auch frei macht von der erhofften Reaktion.

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Ethik, Tod, Lebensstil