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Philippinen

Jesus, tanz mit mir!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 03/2012

Auf der Insel Cebu feiern Gläubige die wundersame Rettung ihrer Erlöserstatue. Und sich selbst.

Santo Niño: Zur Prozession für das heilige Kind strömen jedes Jahr am dritten Wochenende im Januar eine Million Menschen nach Cebu. Der C & W-Autor Fritz Schaap war im vergangenen Jahr dabei. © Jay Directo/AFP/Getty Images

Ein wenig verloren steht Tänzerin Nummer eins zwischen Holzbalken und Müll unter einem weißen Partyzelt. Um sie herum proben Männer in giftgrünen Kostümen das letzte Mal ihre Schritte, werden Frauen in überbordendem Kopfschmuck geschminkt, fuchteln Choreografen nervöse Anordnungen in den Nachthimmel. Vor Tänzerin Nummer eins dröhnen laute Bässe. Wie aus dem Nichts schiebt sich ein Gesicht mit überdimensionierten Kopfhörern vor sie. „Go!“, formen die Lippen. Schnell schiebt sie ihr federumranktes Kleid durch einen schwarzen Vorhang und steht auf der Bühne des Cebu City Sports Center. Sie lächelt unsicher und reckt eine kleine Plastikpuppe in den philippinischen Nachthimmel: „Viva Pit Señor!“, schreit sie. Das restlos gefüllte Stadion jubelt. Endlich. Sinulog kann beginnen.

Es ist das dritte Wochenende im Januar und wie jedes Jahr strömen Massen von Filipinos in die Millionenmetropole Cebu City. Der Geruch von Gebratenem liegt wie eine Glocke über der Hauptstadt des Visayas-Archipels, überall herrscht Tanz und Jubel, angetrieben von Trommeln und Trompeten. Der Anlass ist vergleichsweise unscheinbar: eine leicht angesengte, gut 30 Zentimeter messende Holzfigur, gehüllt in einen purpurfarbenen Samtmantel, mit Zepter in der Hand und Krone auf dem Haupt. Dieses Miniatur-Christkind ist der Hauptdarsteller des mehrere Tage andauernden Sinulog-Festivals – des religiösen und kulturellen Höhepunkts der Philippinen südlich von Manila. Sinulog, damit ist keine mathematische Formel gemeint, sondern die Auf-und-Ab-Bewegungen des Flusswassers, die heute auch Synonym für die Schritte der Straßentänzer sind.

Früher Freitagabend, der Auftakt zum dreitägigen großen Finale. Wie jedes Spektakel dieser Art braucht auch das Sinulog eine Festivalkönigin. Sie gewinnt nicht nur 50 000 Pesos, knapp 900 Euro, sie darf auch den gut fünf Kilometer langen Straßenparcours am Sonntag, Höhepunkt des ganzen Festes, tanzend anführen. Die Wahl der Queen findet im maroden Cebu City Sports Centre statt, wo sich nun aus einem Pulk von kostümierten Tänzern die Kandidatin Nummer drei schält. Ihr fein geschminktes Gesicht wird umrahmt von einem meterhohen Kopfschmuck, dessen Ende ein Kranz grellgrüner, blauer, roter und rosa Federn ziert. Ein ausladendes gelb-goldenes Kleid verschluckt ihren zierlichen Körper und die unzähligen aufgenähten Paletten verwandeln sie im grellen Scheinwerferlicht in eine lebendige Discokugel. „As-Salamu alaikum!“, möge Friede mit euch sein, ruft sie der Menge auf der Haupttribüne zu, obwohl sich nur Christen an der Prozession beteiligen. Sie tanzt mit einer kleinen Jesusfigur – mal liebevoll im Arm gehalten oder hochgereckt in die mittlerweile tiefschwarze Nacht. Durch die Anmut dieses Tanzes gilt es, die fünfköpfige Jury zu überzeugen.

„Nein, Muslima bin ich nicht, ich bin Katholikin“, sagt sie kurz nach ihrem Auftritt hinter der Bühne. „Aber dort, wo ich herkomme – aus Mindanao –, leben viele Muslime.“ Im normalen Leben heißt die junge Frau Zeny Alcantara, 21 Jahre, geboren in Maigo, Südphilippinen, Studentin der Wirtschaft. Doch heute Abend spiegelt sie die Hoffnungen einer ganzen Nation. Denn die Philippinen sind zerklüftet und gespalten. Nicht nur geografisch. Das Land zerfällt in drei große Regionen, die mit ihren Tausenden von Inseln eher einem stark zerrissenen Teppich gleichen, das Volk ist bitterarm, die Politik korrupt, im Süden des Landes wütet immer wieder islamistischer Terror. Das dünne Band, das die Philippinen einigt, ist die Religion. Über 80 Prozent der Filipinos sind katholisch, und gerade sie umarmen ihren Glauben oder halten ihn stolz so hoch, dass alle Sorgen und Probleme des Landes vom weiten Mantel ihrer Christusfiguren überdeckt werden könnten.

„Wir sind alle Filipinos, und wir sind alle gleich, egal welcher Religion wir angehören“, sagt die junge Schönheit noch, bevor sie in eines der weißen Zelte verschwindet, um sich für die Preisverleihung nachschminken zu lassen, in der sie sich schließlich wie 19 andere Kandidatinnen einer Schönheit im blauen Kleid geschlagen geben muss. Oder wie der Präsident der Philippinen, Benigno Aquino III., es am Sonntag zur Abschlusskundgebung formulieren wird: „Wir träumen gemeinsam.“ Solche Gesten sind auch bitter nötig, wie Gespräche im Publikum zeigen. Die Muslime häuten angeblich in ihrer Provinz die Christen und bestreuen sie dann mit Salz, weiß eine 14-Jährige aus der Oberschicht Cebus zu berichten. Warum sie das tun? „Weil sie gerne foltern.“ Die Gräben sind tief.

Die Ursprünge der überschwänglichen Preisung des kleinen Jesus liegen Jahrhunderte zurück. Es war Fernando Magellan, der den katholischen Glauben 1521 ins gottlose Cebu brachte. Die erste Tat der Europäer nach monatelanger abenteuerlicher Reise über die Weltmeere: eine heilige Messe im Namen des Herrn, für die der portugiesische Entdecker ein meterhohes Holzkreuz in die Küste des Eilandes wuchtete: das berühmte Kreuz von Magellan.

Beeindruckt vom ungewöhnlichen Verhalten dieser eigenartigen Weißen, ließ sich selbst der damalige Herrscher der Insel taufen. Als Zeichen des guten Willens schenkte ihm der Eroberer eine kleine Holzpuppe, die ihn auf dem ganzen Weg aus Europa stets begleitet hatte: das Ebenbild des heiligen Christkindes, Santo Niño. Bereits nach wenigen Wochen sind Hunderte weitere Cebuanos gläubige Christen. Weitere Inseln folgten. Den letzten Widerstand brach 40 Jahre später die zweite Expeditionsflotte der Spanier. Sie ließen kurzerhand die Kanonen ihrer Fregatten auf die Küste richten und setzten einen Großteil der Küste in Brand. Etwas allerdings fiel den Flammen nicht zum Opfer. In einer verkohlten Bambushütte, eingebettet in einer kleinen Holzkiste, fanden Soldaten die Figur, die Magellan Jahrzehnte zuvor als Geschenk überreicht hatte. Fast unbeschädigt. Ein Wunder? Zumindest ein Zeichen göttlicher Vorsehung. Eine Kirche wurde errichtet und mit einer Flussparade sowie Prozession und heiligen Messe feierlich eröffnet. Es ist April 1565, Cebu ist jetzt Christenland. Genau dieses wundersame Wiederfinden des kleinen Jesus, dieses christliche Zeichen der Hoffnung, ist seit über 400 Jahren der Anlass, zu Ehren von Santo Niño ganz Cebu in ein Meer aus Fahnen, Blumengirlanden und Musik zu verwandeln.

Es ist sechs Uhr früh, der Samstag erwacht in tristem Grau, doch bereits jetzt ist die Mandaue-Mactan-Brücke so überfüllt, dass sich der morgendliche Berufsverkehr im Schritttempo über den alten Betonkoloss quälen muss. Nur mit Mühe fassen die schmalen Bürgersteige den Andrang der Gläubigen, die von der Brücke aus kleine rote und gelbe Nelkensträuße samt Gebet auf den rosenumrankten Glasschrein der Santo-Niño-Figur werfen wollen. Mit der Fluvial Parade, der großen Flussprozession im Morgengrauen, beginnen wie jedes Jahr einen Tag vor dem großen Straßenumzug die religiösen Feiern des Sinulog.

Am Nachmittag folgen die Gläubigen dann der Statue zum religiösen Höhepunkt des Wochenendes – der Schweigeprozession. Rund eine Million Menschen, so die Schätzungen, ziehen durch die Straßen der Innenstadt. Unbeirrt von Wind und Wetter pilgern sie, Gebete murmelnd, die sieben Kilometer lange Route in Richtung der Basilica del Santo Niño entlang. Vor Magellans Kreuz, das kurz vor der Basilica liegt, steht ein alter Mann, in einen durchsichtigen Regenmantel gehüllt. „Seit 70 Jahren nehme ich an der Parade teil“, erzählt er. 92 sei er heute. Den Lohn für seinen treuen Glauben hat er vor vier Jahren erhalten. 2006 sagten ihm die Ärzte, er müsse sich einer Bypass-Operation unterziehen. „Aber ich ließ mich nicht operieren, sondern betete zu Santo Niño.“ Blitze zucken durch die bedrohlich wirkende Wolkendecke, während er eine Kerze durch das Gitter des steinernen Oktogons wirft, das das Kreuz umgibt. „Und ich lebe immer noch, auch ohne Bypass.“

Persönliche Schicksale und vermeintliche Wunder – sie sorgen dafür, dass der Strom der Gläubigen stetig anschwillt. Zum Tanz kommt es am Sonntag, dem Tag des großen Umzuges. Schon im Morgengrauen begeben sich die Tanzgruppen der verschiedenen Gemeinden auf die Umzugsstrecke, werden geschminkt, richten die prachtvollen Kostüme und warten voller Vorfreude auf den Beginn der Parade. Von Grundschulkindern bis zu alten Männern reichen die Auserwählten, für die allein die Teilnahme eine große Ehre ist. Über 150 Gruppen sind es, jede einzelne besteht aus mehr als 80 Tänzern und Musikern. Allein das Alter der jeweiligen Prinzessinnen ähnelt sich – von ihnen ist keine über 21.

Zeny Alcantara steht müde vor ihrem Umzugswagen, hinter ihr in Reih und Glied ihre Tänzer. Ein kleiner Junge bringt ihr einen Energydrink. Sie sieht müde aus. „An Schlaf war nicht zu denken“, sagt sie und versucht einer Prinzessin würdig zu lächeln. Hinter ihr werden nochmals die Tanzschritte geprobt, dann geht es los. Langsam defilieren die Teilnehmer Richtung Stadion. Mit dem Banner des Heimatortes vorweg, reckt die jeweilige Prinzessin das Jesuskind in die Höhe, gefolgt von ihrer Tanzgruppe, die sie mit der monatelang einstudierten Choreografie unter lautem „Viva Pit Señor, Viva El Señor Santo Niño!“ umtanzen – ohrenbetäubend laut angetrieben von Pauken, Trommeln und Trompeten der ebenfalls kostümierten Musiker.

Auf der Hauptstraße berauschen sich die Zuschauer an den immer wilder werdenden Tänzen, in den Nebenstraßen am Rum, bis am frühen Abend noch einmal die Festival-Queen mit ihren Tänzern im Stadion einläuft und das Festival im Schein des Feuerwerks zu seinem offiziellen Ende kommt. Die Erschöpfung und der Schlafmangel der letzten Tage stehen Ricky Ballesteros, dem Veranstalter, ins Gesicht geschrieben, als er neben Zeny im Stadion steht und die aufsteigenden Raketen betrachtet. „Erst mal Urlaub“, sagt er mehr zu sich selbst. Zeny nickt. Doch schon bald geht es weiter, der nächste Sinulog will vorbereitet werden. Schon im Februar geht es los. Nach dem Sinulog ist vor dem Sinulog.

Erschienen in:
Ausgabe 03/2012
Redakteur:
Fritz Schaap und Patrick Witte (Freie Autorin)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität, Kirchen, Kultur