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Protestantismus

Jesus darf Vegetarier sein

Aus: Christ & Welt Ausgabe 37/2011

Zu viel Zeitgeist attestierte vor einer Woche der junge Theologe Sebastian Moll seiner Zunft. Propst Johann Hinrich Claussen widerspricht: Simpler Biblizismus reicht in der Moderne nicht.

Der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen ist Hauptpastor an der Kirche St. Nikolai in Hamburg und Propst des Kirchenkreises Hamburg-Ost. © Frederika Hoffmann

Protestantismus und Journalismus haben eines gemeinsam: Sie leben von der Debatte. Gerade der moderne Protestantismus vereinigt in sich so viele Brüche und Spannungen, dass sein eigentliches Lebenselement die kontroverse Auseinandersetzung sein muss. Das ist zwar manchmal anstrengend, aber sonst nicht weiter besorgniserregend. Denn der Protestantismus hat gelernt, Dauerdiskussion und Dauerreflexion zu institutionalisieren. Gerade weil er nicht in eine autoritäre Amtskirche gezwängt ist, besitzt er die Flexibilität, auch scharfe Gegensätze auszutragen und zu vermitteln. Wirklich Angst muss man um ihn erst haben, wenn in ihm nicht mehr scharf diskutiert wird. Das scheint gegenwärtig der Fall zu sein. Die heutige Theologen- und Pastorenschaft bringt wenig hervor, was zum engagierten theologischen Wettstreit Anlass böte. Vielleicht fehlt ihr die Kraft dazu. Auch gibt es keine geschlossenen Milieus mehr, die gegen dieses oder für jenes zu Felde ziehen könnten. Schaut man also auf den heutigen Protestantismus, sticht vor allem eine matte Friedfertigkeit ins Auge. Nur hin und wieder versuchen einige Herren an und jenseits der Pensionierungsgrenze, den Laden aufzumischen. Doch der Protest von Altbischöfen gegen Homosexuelle im Pfarramt oder Friedrich Wilhelm Grafs schrille Polemiken sind viel zu sehr vergangenen Frontstellungen verhaftet, als dass man sie mit dem Würdetitel „Debatte von heute“ adeln könnte.

Nun versucht zur Abwechslung einmal ein junger Theologe eine Debatte vom Zaun zu brechen. Der 30-jährige Mainzer Habilitand Sebastian Moll hat ein sehr luftig gesetztes Buch veröffentlicht, in dem er gegen einige Lieblingsprojekte des älteren Linksprotestantismus zu Felde zieht. Leider aber verfolgt sein Rundumschlag ein arg begrenztes Argumentationsziel. Er beschränkt sich darauf, zu prüfen, ob es für ein kirchliches Engagement im Umweltschutz, für die Frauenordination, die Zulassung von Homosexuellen zum Pfarramt oder die Abkehr von der Judenmission direkte biblische Begründungen gibt. Er will allein „die Aussagen der Schrift zu den genannten Themen so objektiv wie möglich herausstellen und sie somit vor ideologischem Missbrauch schützen“. Ob die Sachen selbst gut oder schlecht sind, möchte er nicht fragen. Damit allerdings nimmt er seiner biblischen Ideologiekritik schon im Ansatz die Pointe.

So geht er dann einige ältere und recht willkürlich ausgewählte Texte durch – Synodenresolutionen, EKD-Erklärungen, Pfarrerdienstrechtsparagrafen, Proklamationen längst vergessener Öko-Grüppchen – und kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass das alles doch so gar nicht in der Bibel steht. Dabei aber übersieht er, dass diese Texte für sich allein genommen wenig aussagekräftig sind. Sie ergeben einen Sinn erst, wenn man sie im Zusammenhang der Debatten sieht, die sie bündeln und strukturieren. Und die Debatten in den vergangenen Jahrzehnten zu diesen Themen sind durchaus niveauvoll und ertragreich gewesen. Sie haben dazu geführt, dass es in der evangelischen Kirche ein waches Umweltbewusstsein, eine selbstverständliche Gleichberechtigung von Mann und Frau, eine neue Umsicht im Umgang mit dem Judentum sowie eine ehrliche und erwachsene Haltung zur Homosexualität gibt. Diese Errungenschaften verdanken sich weniger bestimmten – isoliert betrachteten – kirchenamtlichen Texten als dem unendlichen Gespräch evangelischer Christen darüber, wie man in einer rasant sich verändernden Moderne leben soll.

Leider geht Moll ein grundsätzliches Verständnis für die Dialektik des Protestantismus ab. Dieser kann sich von seinem Selbstverständnis her nicht in antimoderne Gegenwelten zurückziehen, sondern sieht sich gerufen, die Lebensdienlichkeit des christlichen Glaubens in der Gegenwart wirklich werden zu lassen. Das führt natürlich dazu, dass er besonders versucht ist, sich der jeweiligen Zeit anzupassen. Um dies zu verhindern, ist der ständige Rückbezug auf die biblischen Quellen so notwendig. Nur kann dies nicht bedeuten, dass man in einen simplen Biblizismus verfällt. Der aufgeklärte Protestantismus versucht deshalb, mit Blick auf Bibel und Gegenwart danach zu fragen, was das Wesen des Christentums ist. Und dieses ist nicht einfach identisch mit dem Textbestand der Bibel. Deshalb geht es bei aller Herkunftstreue nicht ohne Brüche ab. Die Verantwortung von bewusst gewählten Traditionsbrüchen und kritischen Umformungen der Kirche ist deshalb eine der Hauptaufgaben moderner Theologie.

Das aber scheint Moll zu kompliziert und zu reflektiert zu sein. Er begnügt sich damit, laut zu rufen: „Jesus war kein Vegetarier!“ Wer denn das je behauptet hat, möchte man ihn fragen und hinzufügen: „Übrigens, um noch ein skandalöses Geheimnis auszuplaudern, seinen Müll hat der Heiland auch nie getrennt.“ Doch heißt das, dass ein heutiger Christ sich nicht um den Umweltschutz kümmern sollte? Wäre Moll in seiner Beschränktheit wenigstens konsequent, müsste er fordern, dass die genannten Modernisierungen rückgängig gemacht würden. Doch obwohl er dies in seinen Schlussworten andeutet, traut er sich letztlich nicht, explizit die Abschaffung der Frauen?ordination, die Entlassung von Homosexuellen oder die Wiedereinführung der Judenmission einzuklagen. Das wirkt dann etwas unmutig und passt nicht recht zu dem forciert schneidigen Ton, den er ansonsten anschlägt. Anstatt offen für seine eigene Position einzustehen, führt er lieber triumphierend seine Entlarvungskünste vor.

Doch es ist keine große Leistung, die biblischen Begründungen mancher kirchenamtlicher Erklärung zu zerpflücken. Man muss bedenken, dass es sich bei ihnen meist um Verständigungsdokumente handelt, an denen viele Menschen in unterschiedlichsten Gremien mitgewirkt haben. Nicht selten enthalten sie das, was man in der Diplomatiegeschichte „dissimulierende Konsensformeln“ nennt, also Formulierungen, die weit genug sind, um gravierende Differenzen so zu beschreiben, dass sie nicht zu Trennungen führen. Das ist keine Heuchelei, sondern schlicht diplomatisches Handwerk, das man in der Kirche eben auch manchmal braucht. Aber natürlich darf man diese Texte nicht überbewerten. Das eigentlich Entscheidende ist das freie Gespräch evangelischer Christen untereinander und die Art, wie sie ihr Zusammenleben gestalten. Aber für dieses bunte christliche Leben und die Natur kirchlicher Verständigungsprozesse hat Moll keinen Blick. Das mag an mangelnder Lebenserfahrung liegen, was man ihm nicht vorwerfen kann. Nur möchte man ihm raten, es mit der öffentlichen Zurschaustellung von Doktoranden-Dünkel und Habilitanden-Hoffart nicht zu übertreiben.

Es ist nun reichlich onkelhaft und auch vergeblich, von einem Jüngling Respekt vor den Lebensleistungen der Alten einzufordern. Von einem akademischen Theologen aber darf man schon einen gewissen Sinn für geschichtliche Gerechtigkeit erwarten. Man muss ja nicht jede Lebensäußerung des alten Protestprotestantismus für eine unmittelbare Wirkung des Heiligen Geistes halten, aber man sollte ein Gespür dafür haben, was dieser gegen große Widerstände geleistet hat. Denn als Nachgeborener ist man – so konservativ man sich auch gerieren mag – ein 68er-Gewinnler. Man profitiert von einer Freiheit, die die Vor- und Vorvorgänger gegen eine noch sehr viel autoritärere kirchliche Obrigkeit erstritten haben. Das zeigt sich nicht zuletzt in dem Freimut, in dem man heute auch über die Grenzen und Ambivalenzen des Linksprotestantismus diskutieren kann. Ehrlich gesagt, in kaum einer anderen deutschen Großorganisation kann man so offen seine Meinung sagen wie in der evangelischen Kirche. Ich wüsste nicht, in welcher Partei oder Behörde, welchem Verband oder Wirtschaftsunternehmen eine so angenehme Unverdruckstheit herrscht.

Auf manchen Themenfeldern aber muss man sich immer noch vorsichtig bewegen. So ist ungeklärt, wie man so über den Nahostkonflikt sprechen kann, dass neben den Traumata und den legitimen Interessen Israels auch die Leiden und Bedürfnisse der Palästinenser berücksichtigt werden. Ein heftiger Streit, der gerade um einen schroff propalästinensischen Artikel im „Deutschen Pfarrerblatt“ entbrannt ist, zeigt dies überdeutlich. Aber für diese Kommunikationshemmnisse gibt es Gründe. Die deutsche, christliche Schuldgeschichte sowie die schier unlösbare Lage im Nahen Osten lassen es geraten sein, sich als evangelischer Christ in Deutschland mit flotten Urteilssprüchen und Pro- oder Contra-Meinungen zurückzuhalten. Das hat nichts mit einer „theological correctness“ zu tun – die ist ein bloßes Phantom –, sondern damit, dass man seine Meinungsfreiheit in hochkomplexen Konflikten verantwortlich und weise nutzen sollte.

Bedenklicher als der offenkundige Mangel an Nachdenklichkeit, Lebenserfahrung, Urteilskraft und Takt ist aber noch etwas anderes an Molls Polemik. Es berührt seltsam, dass er keine neue Frage stellt, auf kein einziges von den Alten noch nicht wahrgenommenes Zeitphänomen aufmerksam macht. So ist man erstaunt über das Vorgestrige an Molls kirchlicher Zeitdiagnose. Ist ihm nicht aufgefallen, dass es den alten Protestprotestantismus gar nicht mehr gibt? In den aufgewühlten politischen Diskursen der Gegenwart spielen Theologen – akademische wie praktische – keine Rolle. Man möchte fast fragen: Liebe Kirche, wo bleibt der Protest? Wenn man schon ein solch dünnes Bändchen eilig auf den Markt wirft, sollte es wenigstens aktuell sein. Dass einem so jungen Autor nichts anderes einfällt, als die Meinungsführer von vorgestern abzuwatschen, ist ein bedenkliches Anzeichen von Frühvergreisung. Wenn man da an den vitalen Protest seiner Altersgenossen in Südeuropa, Israel und der arabischen Welt denkt…

Klappt man das Büchlein zu, kann man einen Seufzer nicht unterdrücken. Ach, denkt man, die Konservativen sind auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Besonders die jungen nicht. Sie sind keine wehrhaften Kämpfer gegen den Untergang des christlichen Abendlandes, sondern nur ein weiteres Symptom des allgemeinen Niedergangs.

Erschienen in:
Ausgabe 37/2011
Redakteur:
Johann Hinrich Claussen (Hauptpastor in Hamburg)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Jesus