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Sterben

Jeder Augenblick ist ewig

Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2012

Ein Suizid kann ein menschenwürdiger Tod sein. Das sollte auch die Kirche anerkennen, fordert der Liedermacher Konstantin Wecker. Wie stellt sich der 65-jährige Künstler echte Seelsorge am Sterbebett vor?

Foto: Thomas Karsten

Vor einigen Tagen wurde in der ARD-Talkshow „Hart, aber fair“ die Frage „Darf ein Arzt beim Sterben helfen?“ diskutiert. In dieser Sendung beschrieb der Schweizer Unternehmensberater Walter Bolinger das freiwillige Sterben seiner Frau mithilfe der Sterbehilfeorganisation Exit auf sehr einfühlsame Art. Er erzählte, wie sie schon lange beschlossen hatte, mit ihrer Alzheimer-Erkrankung und der damit verbundenen Pflegeabhängigkeit nicht mehr leben zu wollen, und wie sie nach einem langen Prozess ärztlicher Untersuchungen friedlich, ja sogar heiter aus dem Leben schied. Worauf dem medienerprobten Kapuzinermönch Bruder Paulus nichts anderes einfiel, als mit stechend scharfer Stimme zu zischen: „Warum sollte Ihre Frau den Suizid mithilfe eines Arztes machen? Warum haben Sie ihr nicht eine Rasierklinge besorgt, mit der sie sich die Pulsadern aufschneiden kann?“

Ja warum denn, Bruder Paulus? Ich glaube, weil diese Frau sich bei vollem Bewusstsein für diese Art des Sterbens entschieden hat und ihr Mann und ihre ganze Familie sie liebevoll begleitet hat bei ihrem Wunsch. Und weil die Kirche kein Recht hat auf das Leben eines Menschen. Und weil ich es nicht mehr hören kann, dass diese Erde doch ein Jammertal sei, das man zu durchschreiten habe, um dann – mithilfe eines Priesters und der Kirchensteuer – ins Paradies zu gelangen.

Mir war dieses Paradies immer schon suspekt, ein leeres Versprechen; den einen erwarten Jungfrauen, den anderen fröhliches „Hosianna“-Singen. Und das Himmelreich des von mir so geliebten Mannes aus Nazareth ist für mich mehr im Hier und Jetzt angesiedelt als in den ewigen Jagdgründen.

Bruder Paulus hat in dieser TV-Sendung viel von Mitgefühl gesprochen. Er ist Seelsorger, und man sollte Mitgefühl erwarten. Im entscheidenden Moment schien er jedoch mitleidslos zu sein: Als es darum ging, dass sich erwachsene Menschen das Recht auf ihren selbstbestimmten Tod zusprechen wollen. Mir hat der Schierlingsbecher des Sokrates immer großen Respekt eingeflößt. Er stand sozusagen für den Höhepunkt eines selbstbewussten Lebens. Keiner Institution, keinem Führer und keinem Vaterland räume ich das Recht ein, meinen Tod zu bestimmen oder zu verhindern. Staaten schicken ohne Bedenken junge Menschen in den Tod fürs Vaterland – oder für die freie Marktwirtschaft. War die Kirche nicht immer sehr großzügig, wenn es um die Ermordung Andersdenkender ging, und sehr kleinlich, wenn sich ein armer Teufel das Leben genommen hat?

Mag sein, dass Gott uns das Leben geschenkt hat. Vielleicht werde ich es ja einmal erfahren. Aber bis dahin will ich es selbst in die Hand nehmen. „Heute nehm ich mir das Leben, um es nie mehr zu verlieren“, habe ich vor 20 Jahren geschrieben. Ab einem gewissen Punkt scheitert jeder am Leben, ob man nun ein reiches Leben hatte oder ein armes, ob man glücklich war oder schmerzbeladen, ob man erfüllt war oder frustriert, oberflächlich oder tiefschürfend – wir sind sozusagen von Geburt an zum Scheitern verurteilt.

Das Leben ist von Anfang an auf den Tod hin ausgerichtet. Er ist seine Erfüllung. Keine Niederlage ist so fruchtbar wie diese, keine Erkenntnis so weltbewegend, wenn man sie nicht verdrängt, wenn man sich ihr stellt, wenn man sie zulässt.

Aber wir Menschen sind absolute Meister im Verdrängen. Wir verdrängen den Tod, weil wir unsterblich sein wollen, solange es einigermaßen gut läuft und die Schmerzen nicht zu groß sind. Wir wollen unsterblich sein, weil wir nicht verstehen, dass alles vergänglich ist, jeder Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Wir glauben, dass wir mit der richtigen Lebensversicherung, mit dem richtigen Bausparvertrag das Schicksal austricksen können. Man führt uns kerngesunde, blendend aussehende Senioren vor, die mit kerngesunden, blendend aussehenden Kindern auf sonnigen Wiesen vor einem blendend aussehenden Haus spielen. Wenn wir bezahlen, wird die Zukunft rosig.

Wer arm ist, hat sowieso keine Zukunft. Sind wir nicht längst eine Gesellschaft von Kontrollfreaks? Wir wollen das Heft in der Hand behalten, die Kontrolle über unseren Mann, unsere Frau, unsere Kinder, unsere Zukunft und vor allem: unser Schicksal.

Doch die Angst ist groß. Es sind die verklemmten Erwachsenen, die sich davor fürchten, mit ihren Kindern auch vom Tod zu reden. Dabei wissen Kinder so viel mehr von Geburt und Sterben und Da-sein im Augenblick als wir. Ich weiß um die Gefahr des Missbrauchs eines medizinisch herbeigeführten Sterbens, gerade in Hinblick auf unsere Geschichte. Aber ich bin auch Humanist genug, um dem Menschen das Recht der Entscheidung zu lassen, ob er dieses Leben noch erträglich findet oder nicht. Und ich bin stark engagiert für die Hospizbewegung. Dort werden Menschen beim Sterben begleitet und nicht zu Tode gebracht. Ich bin Pate für das Kinderhospiz „Löwenherz“ und habe mich lange nicht zu einem Besuch entschließen können. Ich hatte Angst. Und als ich da war, wollte ich nicht mehr fort.

Ein Hospiz ist ein Haus des Lebens, nicht des Todes, ein fröhliches Haus, in dem der ungeheure Schmerz nicht ausgeklammert wird. Dort erlebt man, wie Schmerz und Glück und Tod und Neubeginn zusammengehören. Dort wird das Leben nicht vom Tod besiegt, aber der Tod dennoch nicht ausgeschlossen.

Meine Mutter hatte das große Glück, für die letzten Wochen ihres Lebens einen Hospizplatz in München zu bekommen. Ich werde allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sie begleiteten, bis ans Ende meines Lebens dankbar sein. Ein Hospiz ist ein Haus, in dem gelacht und geweint und geschwiegen und gebetet wird, ein uneitles Haus, denn im Angesicht des Todes relativiert sich so viel, und Dinge, die uns gestern noch unendlich wichtig waren, ehemals große Dinge, werden ganz schnell ganz klein.

So sollte man sterben dürfen, von körperlichen Schmerzen weitgehend befreit, umsorgt, behütet, gestreichelt und umarmt. In Liebe aufgehoben. Diese Art von Seelsorge wünsche ich jedem Menschen.

Viele Pflegerinnen und Pfleger, mit denen ich gesprochen habe, sagten mir, sie würden um nichts in der Welt ihren Beruf gegen einen anderen eintauschen wollen. Vielleicht, weil sie durch den selbstverständlichen Umgang mit dem Tod die Nähe zum Leben umso intensiver spüren? Die Diskussion bei Frank Plasberg im Rahmen der ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“ zeigte, dass wir mittlerweile offen und öffentlich über dieses scheinbare Tabuthema sprechen können, das wir für uns selbst in unserem privaten Kämmerlein noch immer aussperren möchten.

Und das ist gut so und richtig.

Für mich ist es sehr wichtig, dass wir beim Nachdenken über den Tod das Nachdenken über das Leben, ja, das Leben selbst nicht vergessen. Dass wir uns der Augenblicke bewusst sind, die wir erleben. Über diese kostbaren Momente habe ich ein Gedicht geschrieben:

Jeder Augenblick ist ewig,
wenn du ihn zu nehmen weißt.

Ist ein Vers, der unaufhörlich
Leben, Welt und Dasein preist.
Alles wendet sich und endet
und verliert sich in der Zeit.
Nur der Augenblick ist immer.
Gib dich hin und sei bereit!

Wenn du stirbst, stirbt nur dein Werden.
Gönn’ ihm keinen Blick zurück.

In der Zeit muss alles sterben,

aber nichts im Augenblick.

Erschienen in:
Ausgabe 49/2012
Redakteur:
Konstantin Wecker ()
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Spiritualität, Innenpolitik, Tod