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Das Wesentliche: Besinnung

„Ist echt die Zeit, müde zu sein“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2011

Kaum zu glauben: Auch das coole Berlin sehnt sich nach Glühweingemütlichkeit.

Freitag, Viertel vor sieben abends in Berlin-Dahlem. Letzte Studenten ziehen durch die Rostlaube, den Zentralbau der Freien Universität. Vor der philologischen Bibliothek haben zwei Männer, einer mit kurzem Bart, der andere in roter Lederhose, ihr Thema gefunden: Erschöpfung. Während Rot-Schwarz den Bürgern einen Neuanfang vorgaukele, sagt der Bart, sitzen die Leute rum und erzählen einander, wie müde sie sind. In Zeitungen und Fernsehern tobt der Kampf um den Euro, Hertha hält sich auf Platz zehn – alles egal, sagt Lederhose, die Berliner seien nur müde, fügt er an, und dass er, zum Glück, kein Berliner sei. Ein paar Korridore weiter feiert ein junger Professor seinen Abschied. Er hat neue Arbeit gefunden in der Schweiz. Auch da sei viel zu tun, aber man sei doch netter zueinander dort. Hier wird er sehr fehlen. Auf den Tischen liegen rote Servietten und kleine Zweige. Ein langer Mann hält eine kurze Rede. Es gibt keinen Glühwein, keine Lebkuchen, doch bald schon fühlt sich der Abend adventlich an. Eine Frau in schwarzem Kostüm wirft zum Abschied einen Handkuss in den Flur.

Tags drauf im Hauptbahnhof: Drei Arbeiter in Cargohosen nehmen stählerne grüne Segmente einer Gitterkonstruktion von einem Gestell und fügen sie zu einem runden Aufbau zusammen. Links ein Kran, sein Arm ragt hoch in die Halle. Ein paar Schritte daneben ist die Basis des alljährlichen Weihnachtsbaums zu sehen, geschmückt mit Plastiktannenzweigen und Glitzerkugeln in Türkis, Weiß, Silber, vielleicht vier Meter hoch. „Ist nicht von Svarovski dieses Jahr“, sagt ein Arbeiter mit fast kahl rasiertem Schädel, „die haben die Verträge geändert, ich denke, Mittwoch sind wir fertig. Vielleicht schon Dienstag.“

„Bist du auch immer so müde?“ Die junge Frau auf dem Washington-Platz vor dem Bahnhof zieht dicke wollene Handschuhe über. Neben ihr verstaut ein Mann ein schlafendes Kind in einem Fahrradanhänger. „Müde ist gar kein Ausdruck“, sagt er, „seit der Zeitumstellung bin ich nur noch platt. Die Kinder auch.“ – „Na, wird ja auch Zeit“, sagt sie. „Wieso?“, fragt der Mann und richtet sich auf, „wieso wird es Zeit?“ Die Frau blickt ihn an und zögert. „Ich meine, weil ja bald Weihnachten ist“, sagt sie, „da kann man ruhig schon mal müde sein.“ Der Mann schiebt seine Mütze auf dem Kopf nach hinten: „Stimmt, du hast recht. Ist echt die Zeit, müde zu sein.“ Er nimmt eine Einkaufstüte vom Boden und hängt sie an den Lenker. „Dann macht’s mal gut“, sagt sie, und „Grüß schön!“ Drüben, am anderen Ufer der Spree, strahlen die Lichter des Kanzleramts. Es ist halb fünf, es ist fast finster, es ist kühl. So war der ganze Tag: kalt, dunkel, halb fünf.

In der S-Bahn gibt ein Mann mit klarer Stimme in einem Satz bekannt, dass es gerade in diesen Tagen der Finanzkrise verstärkt darum gehe, das Ansteigen der Dunkelziffer der Obdachlosigkeit unter jungen Menschen zu mindern, wozu jeder S-Bahn-Fahrgast seinen Beitrag leisten möge, in Form einer Spende, da ja der Verkauf von Straßenzeitungen im öffentlichen Nahverkehr zurzeit wenig ergiebig sei. Er hält den Leuten eine kleine Ausweiskarte hin und sammelt Münzen in einer durchsichtigen Tüte. „Danke Ihnen“, sagt er, „kommt auch da an, Spendenausweis Nummer 38.“ Dann kommt Bellevue.

Auf der anderen Seite der Brücke zieht ein Dutzend junger Leute am Innenministerium entlang. Die meisten halten Bierflaschen in den Händen, zwei ziehen einen Leiterwagen. Rotes Verdeck, rote Räder. Drinnen klirren Flaschen, über den hinteren Rand des Karrens ragt eine Thermoskanne mit Druckspender. „Das ist das Innenministerium“, ruft einer und zeigt auf das Gebäude, „da sitzt der Westerwelle.“ Die Gruppe schaut. Ein junge Frau sagt: „Echt? Wusst ich gar nicht!“ Sie springt zum Leiterwagen. Aus ihrer Manteltasche zieht sie einen Plastikbecher und hält ihn unter den Ausguss der Thermoskanne. Als sie auf den Hebel drückt, schießt dampfende Flüssigkeit in den Becher. Dann ist er da, weich, süß und alkoholisch, der Zimtgeruch der kommenden Wochen, der Nelkenduft des Glühweins.

Erschienen in:
Ausgabe 48/2011
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Lebensstil