Todsünden
Ist die Hölle noch zu retten?
Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2012
Kaum jemand glaubt mehr an die ewige Verdammnis, das war die Drohbotschaft von gestern. Doch wo bleibt der Himmel, wenn wir die Hölle entsorgt haben? Zwei Positionen, zwei flammende Bekenntnisse von Christiane Florin und Jan Ross

Die Hölle ist verbrannt. Die Deutschen fürchten sich lieber vor der Erderwärmung als vor den Flammen der ewigen Verdammnis. Die Hölle wurde abgeschafft, damit die Welt menschlicher und angstfreier werde. Tatsächlich wurde bloß die Glaubenswelt so kuschelig wie das Titelbild auf dem Ikea-Katalog. Wir spirituellen Schweden richten uns die Religion ein wie das Wohnzimmer. Da macht man es sich mit wärmenden Patchworkdecken bequem, in der selbst zusammengeschraubten Bücherwand steht der Dalai Lama neben Hans Küng. Gott soll einem gelingenden Leben dienen, fürs ewige Leben ist die Decke zu kurz. Dieser Glaube ist gewoben aus Nächstenliebe und Gerechtigkeit, bei Auferstehung, Pfingstwunder und Jüngstem Gericht reißt der Faden. In der Wohnst-du-noch-oder-lebst-du-schon-Welt ist das ewige Leben tot. Im Himmel wirkt ein freundlicher Greis, der die Sünder duzend durchwinkt. Doch wer immer ja sagt, hat nichts mehr zu sagen. Wie trostlos.
Die Hölle hat einen Rettungsschirm verdient, sie ist systemrelevant. Das Gute braucht das Böse, die Tugend die Sünde, der Menschensohn den Teufel. Jesus selbst, nicht die Kirche, hat die Feuerstelle ins Zimmer gerückt: Er werde seine Engel aussenden und alle zusammenholen, „die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt“, zitiert ihn Matthäus. Das Feuer werde ewig sein. Dieser sperrige Jesus passt nicht zu Flickendecke und Eigenbauregal. Wie spießig von uns.
Laut einer neuen Studie der Katholischen Fachhochschule Freiburg für den Hessischen Rundfunk sagen 30,6 Prozent der Katholiken: „Es gibt die Hölle.“ Damit liegen sie ein paar Prozentpunkte vor den Protestanten, aber deutlich hinter den Muslimen. Von denen bekundeten gut 95 Prozent, an die Hölle zu glauben. Befragt wurden ausschließlich Menschen in Hessen, doch in Unterwelts¬angelegenheiten dürfte der Föderalismus irrelevant sein.
Der durchschnittliche Kirchenmann droht nicht mehr mit kurzem Prozess vorm Jüngsten Gericht, er nimmt sich in einem Dialogprozess gebrochener Lebensläufe an. Diese Haltung ist so sympathisch wie das schwedische Möbelhaus, aber sie enthält einen Teil der Wahrheit vor. Verkündigung ohne Heulen und Zähneknirschen duckt sich weg vor der Unterscheidung in Gut und Böse, sie tut bloß so, als gebe sie Halt und Orientierung. Einst gemahnte das Glaubensbekenntnis an die Höllenfahrt, nun klingt es so, als sei der Weg mit Nordic-Walking-Stöcken zu bewältigen: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“.
Die Konsequenz ist brutal: Das Bewusstsein einer jenseitigen Hölle könnte so manche Hölle auf Erden ersparen. Hitler, Stalin, Pol Pot – sie alle wähnten sich einer höheren Gerichtsbarkeit entzogen. Sie waren Allmachtsphantasten. Alternativgötter. Dass Despoten oft den Segen der Kirche hatten, spricht nicht gegen die Hölle, sondern gegen die Würdenträger.
Derzeit bastelt sich der Mensch im Schöpfungswahn nicht nur seinen Glauben. Er macht sich auch das Inferno selbst. Und fragt hinterher betroffen: Wo war Gott in Auschwitz? Wo beim Völkermord in Ruanda? Wo in Fukushima? Wie vermessen.
Hölle ist, was man draus macht. Jahrhundertelang hat die katholische Kirche das Feuer der Verdammnis groß aufgeblasen, um kleinlich sein zu dürfen. Sie bahnte Heiligen den direkten Weg in den Himmel, dem wesentlich verbreiteteren Typus des Nichtheiligen drohte sie mit Jüngstem Gericht und Highway to Hell, eventuell mit einem Zwischenstopp im Fegefeuer. Der Teufel in der Wüste bot Jesus die Weltherrschaft an, Jesu Stellvertreter auf Erden dagegen leiteten aus der Bibel eine Geschlechtsverkehrssünderkartei ab. Die Gläubigen zitterten in der Kirchenbank, wenn Hochwürden am Altar die Strafe für Onanie und Schundromankonsum in allen Röstgraden ausmalte.
Die Hölle redlich zu retten heißt nicht, in die schlechte alte Zeit zurückzufallen, als die Kirche ihre Macht missbrauchte, um Angst einzujagen. Es bedeutet vielmehr, das Leben nach dem Tod mit Leben anstatt mit Phrasen zu füllen. Für Geistliche ist die Hölle eine Gratwanderung. Plötzlich geht es ums Ganze: Steht Gott selbst am Grill? Ist er so grausam? Womöglich beschert den Kirchen das ehrliche Ringen um das Gott-am-Grill-Problem mehr Glaubwürdigkeit als das 132. Positionspapier zum Klimawandel.
Der Theologe Hans Urs von Balthasar suchte nach einer nicht banalen Theologie des Bösen: Es gibt die Hölle, aber sie ist leer, sagte er. Gott kann die Grillschürze ablegen. Allen winkt Erlösung. Das brachte ihm bei Fachleuten den Häresievorwurf ein und entfachte beim gemeinen Gläubigen neue Fragen: Wenn alle Sünder dank eines gnädigen Gottes straffrei ausgehen, was ist dann mit Hitler, dem deutschen Höllenkandidaten Nummer eins? Hitler im Himmel? Wie ungerecht!
„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen”, singt Mozarts Königin der Nacht. An dieser Partie müssen sich Sopranistinnen messen, mogeln geht beim dreigestrichenen F nicht. Der Hölle lässt sich kein Loblied in den höchsten Tönen singen, aber sie gibt dem Glauben Tiefgang. Glaube ist die Möglichkeit des Schrecklichen und die Wahrscheinlichkeit des Guten. Ohne Hölle keine Hoffnung. Diese Erkenntnis fällt auch jenen tröstlich schwer, die die Wahrheit amtsbedingt gepachtet haben: Joseph Ratzinger widmet ein Kapitel in seiner „Einführung ins Christentum“ der Hölle. Er droht den Gläubigen nicht mit entsetzlichen Qualen, sondern dreht und wendet den Satz „Gott ist tot“. Ratzingers Fazit: Nicht der lebendige Gott ist grausam, sondern der vom Menschen getötete. Gott suchen helfen, anstatt mit Strafandrohung Macht zu behaupten – ungewohnte Lehrtöne.
Das unterscheidet den Gelehrten von jenen unbelehrbaren gesinnungskatholischen und evangelikalen Glutbürgern, die sich den stramm strafenden Gott zurückwünschen. In deren Hölle sollen immer nur die anderen schmoren: Schwule, Pornogucker und Ehebrecherinnen. Wie verlogen.
Als Papst Benedikt XVI. rettet Ratzinger mit seiner Mischung aus Kinderglauben und Intellektualität die Hölle noch einmal. Sein Gott ist nicht lieb, aber liebend. „Es kann Menschen geben, die in sich den Willen zur Wahrheit und die Bereitschaft zur Liebe völlig zerstört haben. Menschen, in denen alles Lüge geworden ist; Menschen, die dem Hass gelebt und die Liebe in sich zertreten haben. Dies ist ein furchtbarer Gedanke, aber manche Gestalten gerade unserer Geschichte lassen in erschreckender Weise solche Profile erkennen. Nichts mehr wäre zu heilen an solchen Menschen, die Zerstörung des Guten unwiderruflich: Das ist es, was mit dem Wort Hölle bezeichnet wird“, schreibt er in der Enzyklika „Spe salvi“.
Bemerkenswert ist der Konjunktiv: Nichts wäre zu heilen. Es ist aber zu heilen, wenn Christus beim Sünder eingreifen darf. Der Gottessohn wirkt laut Benedikt als reinigendes Feuer und brennt in unterschiedlichen Temperaturstufen den Schmutz aus dem Leib. So viel mittelalterliches Restrisiko muss dann doch sein.





