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Ideal

Ist der Pfarrer noch Vorbild?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2012

Jede fünfte Ehe im Pfarrhaus geht in die Brüche. Patchworkfamilien sind keine Seltenheit mehr. Eine neue Studie belegt, dass Seelsorger ihr Jawort gerne öfter als einmal im Leben geben. Einblicke in die protestantische Widersprüchlichkeit

F1online

Manchmal wünscht sich Ingrid Winkler den Zölibat herbei. „Wenn das Eheverbot auch in der evangelischen Kirche gelten würde, wäre viel Schaden abgewendet“, meint die Vorsitzende der Koordinierungsgruppe für getrennt lebende Pfarrfrauen in der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Die katholische Kirche hat es da einfach leichter.“ Ingrid Winkler hat gute Gründe für ihr radikales Plädoyer. Schließlich weiß sie aus eigener Betroffenheit, in welchen Abgrund – seelisch und materiell – Pfarrfrauen nach einer Trennung stürzen. „Bei vielen Frauen bricht der Glaube zusammen, sie können nicht mehr in den Gottesdienst gehen“, weiß die ehemalige Pfarrfrau. „Sie fragen sich: Wie kann dieser Gott, von dem mein Mann predigt, diese Trennung zulassen?“

Ehekrach im evangelischen Pfarrhaus gehört mittlerweile zum Alltag. Nach einer bisher unveröffentlichten Untersuchung der Universität Mainz im Fachbereich Praktische Theologie haben ein Fünftel der Pfarrerinnen und Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bereits eine Scheidung durchgemacht (siehe Grafik). Trotz des Scheiterns steht das Jawort hoch im Kurs. „Pfarrerinnen und Pfarrer lassen sich scheiden, um gleich danach wieder zu heiraten“, lautet die überraschende Erkenntnis von Simone Mantei, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Mainz.

Für ihre Habilitation über Berufsverläufe von Pfarrerinnen und Pfarrern analysierte Mantei die Daten von 180 der insgesamt 1780 Pastoren aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Im Rahmen ihrer Forschung gelang es ihr erstmals, bei den Angaben zum Familienstand auch die Rubrik „wiederverheiratet“ aufzunehmen und somit den Umgang mit dem lebenslangen Eheversprechen differenzierter zu betrachten. „Ich konnte persönliche und zusätzlich nach Alterskohorten gestaffelte Daten erheben, die es bis jetzt in keiner anderen Landeskirche gibt“, erklärt Mantei. Die Zahlen seien „begrenzt repräsentativ“, aber dennoch „aussagekräftig“, weil sie einen klaren Trend in der deutschen Pfarrerschaft abbildeten.

Wie wichtig die Erhebung ist, zeigt ein Vergleich mit den Zahlen anderer Landeskirchen. In den Personalabteilungen wird bei den Angaben zum Familienstand lediglich zwischen verheiratet, geschieden, ledig und verwitwet unterschieden. Da wiederverheiratete Pastoren unter der Rubrik „verheiratet“ erfasst werden, fällt die Zahl der geschiedenen Pastoren entsprechend gering aus.

In der Nordkirche sind laut hauseigener Umfrage 8,4 Prozent der Pastoren geschieden. In der Landeskirche Baden liegt der Anteil nur bei 4,6 Prozent. In Hannover sind von 1790 aktiven Pastoren und Pastorinnen der Landeskirche beachtliche 13,41 Prozent geschieden. In Berlin-Brandenburg kommt die Trennung so häufig vor wie im Rest der Republik: Elf Prozent aller Amtsträger haben ihren Ehepartner verlassen. Beim Mikrozensus 2011 des Statistischen Bundesamtes gaben ebenfalls elf Prozent der befragten Bewohner in Privathaushalten diesen Familienstand an.

Doch während die Ehe gesamtgesellschaftlich immer häufiger infrage gestellt wird, bleibt ihr Ideal im Pfarrhaus unangefochten. Allerdings wird aus dem Bund fürs Leben ein Bund für den Lebensabschnitt. Dass die Ehe im kirchlichen Kosmos hoch im Kurs steht, hat auch bürokratische Gründe. „Wenn der Pfarrer eine Freundin hat, darf sie erst ins Pfarrhaus einziehen, wenn sie heiraten“, stellt die ehemalige Pfarrfrau Ingrid Winkler klar. So übt das evangelische Pfarrdienstrecht einen nicht unerheblichen Druck auf den Heiratswillen ihrer Verkünder des Evangeliums aus.

Entsprechend hoch ist der Anteil der wiederverheirateten Pfarrerinnen und Pfarrer: Nach den Erhebungen von Frauenforscherin Simone Mantei haben sich 14 Prozent bereits zum zweiten Mal das Jawort gegeben. Zusammen mit der Gruppe der Verheirateten leben also knapp 80 Prozent der Befragten in einer regulären Ehe. Besonders ausgeprägt ist die Lust auf Zweisamkeit bei Pfarrerinnen um die 40: 80 Prozent sind verheiratet, zehn Prozent davon zum zweiten Mal. Auch bei den älteren Pfarrern ist die Ehe beliebt, allerdings scheint mit der bevorstehenden Pensionierung die Neigung zuzunehmen, das Privatleben noch einmal ganz neu zu sortieren. 33 Prozent der 60-Jährigen sind geschieden, 23 Prozent von ihnen haben jedoch noch einmal geheiratet. „Mich hat es überrascht, dass sich ausgerechnet die 60-jährigen Männer so häufig scheiden lassen, schließlich leben sie überwiegend das traditionelle Ehemodell“, wundert sich Simone Mantei. Für die verlassenen Pfarrfrauen ist diese Erfahrung umso bitterer. Mantei: „Pfarrfrauen, die dieses Modell gelebt haben, werden nicht nur von ihrem Mann, sondern auch von ihrem (Ehren-)Amt geschieden.“

Ehekrach im Pfarrhaus erschüttert die Gemeinde, auch wenn heute in den Kirchenleitungen geschiedene Bischöfinnen und Oberkirchenräte keine Ausnahmefälle mehr sind. Volker Lehnert, Ausbildungsdezernent der Evangelischen Kirche im Rheinland. kennt die berufsspezifischen Belastungen und Fallen: Pfarrfrauen leiden unter den weiblichen „Kanzelschwalben“, die den Pfarrer im Gemeindealltag ständig umgarnen und nach „platonischer“ Seelsorge verlangen. Pfarrerinnen hingegen müssen sich oft anhören, wie schön doch die Predigt ihres Mannes gewesen sei, mit dem sie sich die Stelle teilen. „Pfarrerehen leiden an dem Gegensatz zwischen ethischer Hochschätzung von Ehe und Familie durch die Kirche und dem ehefeindlichen Umfeld in den Strukturen der Gemeinde“, erklärt Lehnert, Fachmann für das verminte Terrain der Ehe im Pfarrhaus.

Doch wie stark ist das Vorbild der Ehe im Pfarrhaus wirklich? Verlieren geschiedene oder wiederverheiratete Frauen und Männer im Talar ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie bei Trauungen das kirchliche Eheversprechen „bis dass der Tod euch scheidet“ einfordern, in ihrem persönlichen Leben aber daran gescheitert sind? „Wenn der Pfarrer das Modell der christlichen Ehe nicht vorlebt, warum sollen wir dann an das glauben, was er predigt?“ Diese Frage, so Volker Lehnert, stellten sich nicht nur die Gemeindeglieder, sondern auch die Betroffenen selbst.

Innerhalb der evangelischen Kirche gibt es auf diese Frage keine einheitliche Antwort. Verbindliche Richtlinien für den Umgang mit Scheidung im Pfarrhaus existieren nur in der bayerischen Landeskirche. Dort sind im Fall von Ehebruch auch noch Disziplinarverfahren vorgesehen, wenn die Amtspflicht durch die Lebensführung verletzt wird. Die meisten der 27 Landeskirchen setzen im Konfliktfall auf eine individuelle Lösung. „Ein Pfarrer oder eine Pfarrerin, die sich scheiden lassen, werden heute nicht mehr automatisch versetzt“, erklärt Mathias Benckert, Sprecher der Nordkirche. Der Fall Margot Käßmann habe gezeigt, dass auch die Ehe einer Bischöfin scheitern könne. Benckert: „Dass eine Ehe funktioniert, ist auch eine Gnade!“

Pfarrfrauensprecherin Ingrid Winkler plädiert bei geschiedenen Amtsträgern für eine Auszeit bei den Kasualien: „Ich weiß, dass es utopisch ist“, seufzt die geschiedene Pfarrfrau, die heute als Sozialpädagogin in einer Kindertagesstätte arbeitet, „aber ich fände es richtig, wenn Pfarrer oder Pfarrerinnen nach einer Scheidung für eine bestimmte Zeit keine Trauungen und Taufen mehr vornehmen dürften.“ Es gebe Pfarrer, die wollten keinen Kontakt mehr zu den eigenen Kindern, weiß die Expertin aus ihren Gesprächen mit betroffenen Pfarrfrauen. „Wie sollen diese Pfarrer dann eine Taufe vornehmen?“

Doch auch Ingrid Winkler beobachtet, dass die Zahl der Pfarrfrauen, die ihrem Mann den Rücken freihalten, stark zurückgeht. Immer mehr Pfarrfrauen sind berufstätig oder teilen sich mit ihrem Mann eine Pfarrstelle. Viele ziehen auch alleine in eine Wohnung direkt neben der Gemeinde ein, was den hohen Anteil der Ledigen erklärt. Simone Mantei stieß bei ihrer Untersuchung noch auf eine weitere wichtige Änderung: Im Pfarrhaus wachsen immer weniger Kinder auf. „Während bei den heute 61-jährigen Pfarrern 20 Prozent kinderlos sind, hat sich der Anteil bei den 41-jährigen Männern auf 40 Prozent verdoppelt“, so Mantei. Ihr Fazit: „Nicht die Pfarrehe, sondern die Pfarrfamilie ist in Gefahr.“

Erschienen in:
Ausgabe 48/2012
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch