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Prägung

Ist der Osten gottlos?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2012

Angela Merkel, Kathrin Göring-Eckardt, Joachim Gauck: Führende Politiker aus dem Osten sind bekennende Christen. Aber wie sieht es eigentlich im Alltag aus? Das Christentum fehlt, und das spürt man im Zusammenleben, behauptet unsere Autorin Nele Bey. Sie ist aus dem hohen Norden nach Berlin-Köpenick gezogen. Religion war ihr nicht wichtig, bis sie in der neuen Heimat die Nächstenliebe vermisste.

Beck für die ZEIT

I
Es sind nur sieben Wörter. „Vielleicht sollte man denen die NPD vorbeischicken.“ – Krass, raunt mein Mann, echt krass. Er schiebt mir das i-Pad mit seiner geöffneten Facebook-Seite herüber. Sven, ein Kumpel aus dem Ruderverein, hat diese sieben Wörter gepostet. Es ist sein Kommentar zu einer Nachricht, die wie ein Gespenst durch unseren Ostberliner Kiez spukt: Mitten in Köpenick gibt es ein Flüchtlingsheim. Ausgerechnet in die ehemaligen Räume eines ehemaligen Bürgeramtes hatte der Senat die Neuankömmlinge einquartiert. Es ist ein Plattenbau vis-à-vis des Bahnhofs.

Nachts brannte dort plötzlich Licht. Laute Stimmen drangen durch die geöffneten Fenster, und bei schönem Wetter lugten Kinder mit Flipflops an den Füßen um die Ecke. Fremd aussehende Männer ohne Stadtplan, aber mit weit aufgerissenen Augen erkundeten den Ort. Zwei postierten sich mit Akkordeon und Trompete vor dem Bahnhof und spielten eine Musik, wild und rau und voller Leidenschaft. Keiner fragte sie, woher sie kommen. Viele glaubten es schon zu wissen. Sven zum Beispiel. „Sinti und Roma“ seien das, sagte er, als wir uns im Ruderclub trafen. In seinem Gesicht spiegelte sich Wut. Diese Leute seien nur gekommen, um den Staat „abzuzocken“, Hartz-IV-Betrüger. „Woher willst du das denn wissen?“, fragte ich. „Na, guck sie dir doch an. Goldkettchen tragen die. Denen geht es doch gut.“

Im Schutz der Anonymität des Internets wird Sven deutlicher. „Drecksasylanten“ seien das, schreibt er auf Facebook. Mein Mann schaut mich an. Ich schaue ihn an. War das der Sven, den wir kannten? Ein netter Kerl, dachten wir. Ende 30, Abitur, BWL-Studium, krisensicherer Job in einer Behörde, geschieden, zwei Kinder. Wenn das Auto nicht anspringt oder der Wasserhahn leckt, Sven hilft.

Vor einigen Jahren sind wir aus dem hohen Norden in den Osten Berlins gezogen. Nie hätten wir geglaubt, dass auf diesem Ort ein unsichtbarer Schatten liegen könnte. Ausgerechnet hier, in der Großstadt, beginne ich die Nächstenliebe zu vermissen. Dabei ist Köpenick ein Refugium, es gibt viel Licht, viel Grün. Es ist ein Kiez, wo jeder jeden kennt, ein Bäcker, zwei Cafés, eine Kirche in der Mitte. Eine mächtige Glocke taktet den Tag in Viertelstunden. Das ist unser Zuhause.

Die Kirche spielte in unserem Leben keine große Rolle. Wir sind beide getauft und konfirmiert, sogar geheiratet haben wir mit Gottes Segen. Aber im Gottesdienst waren wir schon lange nicht mehr. Mein Verhältnis zu Gott ist ein pragmatisches. Man muss nicht mit der Bibel unterm Kopfkissen schlafen, um zu wissen, wie man durchs Leben navigiert. Wozu hat man Werte?

Meine Mutter, Jahrgang 1944, war selbst ein Flüchtling. Sie wuchs als achtes Kind einer Vertriebenenfamilie in der norddeutschen Tiefebene auf, in einer Barackensiedlung mit Plumpsklo. Sie war an diesem Ort nicht willkommen, das ließ man sie spüren. Es ging ihr wie den Ankömmlingen in dem Heim in unserem Kiez. „Polacken“, so nannte man die Neu-Bürger aus Ostpreußen. Es war ein Stigma, meine Mutter versuchte ihr Leben lang, es loszuwerden. Ihr Haus stand immer offen für andere. Sie spendete für Familien in Not. Sie ermutigte uns, die Welt zu bereisen und Vorurteilen zu misstrauen. Ich habe mich nie gefragt, ob das praktiziertes Christentum ist.

Diese Frage holte mich erst ein, als wir vor zehn Jahren in den Osten Berlins zogen. Werte, von denen ich dachte, sie seien selbstverständlich, galten hier für andere nicht. Oder spricht aus dieser Diagnose die Arroganz des Wessis?

Wir klingelten bei den Nachbarn, um uns vorzustellen. Nicht alle öffneten, einige sah man nur als Schatten hinterm Fenster. Andere starrten uns an, als rechneten sie damit, dass wir ihnen gleich eine Polizeimarke oder eine Pistole unter die Nase hielten. Nur die 89-jährige Dame aus dem Erdgeschoss kam regelmäßig vorbei. Sie wohnte dort seit über 50 Jahren. Die anderen Nachbarn schnitten sie. Sie zahlte deutlich weniger Miete als andere. Sie hatte noch einen Mietvertrag aus DDR-Zeiten. Auf den pochte sie, als das Haus totalsaniert wurde und die neuen Eigentümer die Mieten verdreifachten.

Sie kam fast täglich zu uns, damit wir ihr die Post oder ihre Kontoauszüge vorlasen. Sie hatte keine Kinder. Wir fragten uns, wie sie ohne uns zurechtgekommen wäre. Sie war beinahe blind.

In unserem Mehrfamilienhaus regierte der Turbokapitalismus. Die meisten Nachbarn waren auch Eigentümer. Sie fuhren BMW und trugen Pullover mit dem Krokodil auf der Brust. Bevor man sich die Namen auf den Klingelschildern merken konnte, stand wieder ein neuer darauf. Ein Partner wurde einfach durch einen anderen ausgetauscht. Ex und hopp. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gedacht, das sei eben Berlin. 3,5 Millionen Einwohner, die Metropole mit der dritthöchsten Kriminalitätsrate in Deutschland. Hauptstadt der Rüpel-Republik.

Doch wenn unser Haus ein Spiegel der Gesellschaft war, dann kam im Osten noch etwas anderes dazu. In unserem Haus war sich zwar jeder selbst der Nächste, doch es schien ihn noch zu geben, einen Rest jenes Wir-Gefühls aus DDR-Tagen. Seltsamerweise regte es sich nur dann, wenn jemand diesen unausgesprochenen Common Sense verletzte. Sei es, weil er alt oder gebrechlich war, weil er auf sein Recht pochte oder aus einem anderen Land kam – oder weil er aus anderen Gründen nicht in ein Raster passte, von dem wir nicht wussten, wie es strukturiert war.

Ähnliche Erfahrungen hatten vor uns schon andere Kollegen aus dem Westen gemacht. Sie erzählten von Menschen, die einfach wegschauten, wenn eine Mutter ihrer zweijährigen Tochter auf dem Spielplatz ins Gesicht schlug, weil das Kind gestolpert war und sich ein Loch in die Strumpfhose gerissen hatte. Die aber sofort protestierten, wenn engagierte Eltern eine Kita-Leiterin 23 Jahre nach dem Mauerfall auf ein Gesetz hinwiesen, das die Einrichtung einer Elternvertretung vorschrieb. Die Kita-Leiterin war für ihr diktatorisches Regime gefürchtet. Viele hatten Angst vor ihr. Aber sich zu wehren, das verstieß gegen ein ungeschriebenes Gesetz.

Es waren nur Momentaufnahmen, Schnappschüsse, subjektiv verzerrt. Zusammengefügt ergaben sie das Bild des Klischee-Ossis, den Brandenburgs ehemaliger Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) beschwor, als er 2005 beklagte, der real existierende Sozialismus habe eine moralisch verlotterte Gesellschaft zurückgelassen. Heute glaube nur noch jeder Dritte im Osten an Gott. Der Generalleutnant a.D. war für seinen forschen Ton und sein mangelndes Feingefühl bekannt. Mit Repressionen gegen die Kirchen, kritisierte er, hätte das greise Politbüro die Gesellschaft „entchristlicht“. Verbindliche Moralregeln und grundlegende Werte seien verloren gegangen.

Das Fehlen von Religion – ist es das, was unsere Nachbarn von uns trennt? Die These vom moralstabilisierenden Charakter der Religion hat schon der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821–1881) vertreten. Es war seine Erklärung für seine Verwandlung vom Revolutionär zum Christen: „Ohne Gott ist alles erlaubt.“ Als Politikwissenschaftlerin hätte ich es nie gewagt, diesen Satz zu unterschreiben. Schließlich haben nicht nur in Rostock-Lichtenhagen, sondern auch in Solingen und Mölln die Häuser von Migranten gebrannt.

Für meine Examensarbeit habe ich die Rolle der evangelischen Kirche bei der friedlichen Revolution in der DDR untersucht. Ich bin Menschen begegnet, die ihr Leben riskiert haben, um genau jene Werte und Regeln zu verteidigen, die ich nun im Alltag vermisse. Bürgerrechtler, Schriftsteller, Künstler, Pastoren. Ihr Kampf war gelebte Demokratie.

Ich frage mich, ob Christen die besseren Menschen sind. Führte die säkulare Ethik der DDR tatsächlich dazu, dass sich ihre Bürger nur über Konformität definierten? Nein, sagt der katholische Sozialphilosoph Hans Joas klar. Erstens, hält er dagegen, zehre das moralische Fundament säkularer Staaten latent von christlichen Werten. Zweitens könnten sich auch nichtreligiöse Menschen solche Werte zu eigen machen. Sie entstünden nämlich überall dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenlebten, „aus der Erfahrung gelungener Kooperation“.

Der Publizist Andreas Püttmann, Autor des Buches „Gesellschaft ohne Gott“, behauptet das Gegenteil. Er stützt sich auf eine ganze Reihe von Umfragen über die Korrelationen zwischen Sozialverhalten und religiöser Einstellung. Danach tauchen religiös geprägte Menschen nicht nur weniger in den Kriminalstatistiken auf als andere, sie sind auch hilfsbereiter und weniger materialistisch.

Liege ich doch nicht ganz schief mit meiner Erklärung? Freunde sehen mich erschrocken an, wenn ich sie frage, ob es einen Zusammenhang gebe zwischen Gottlosigkeit und Intoleranz. Die meisten von ihnen waren volljährig, als die Mauer fiel. Sie haben die Welt bereist. Sie können mir nicht erklären, woher der Hass auf die Flüchtlinge im Kiez kommt.

Es hat einige Jahre gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass es auch unter unseren Nachbarn Menschen gibt, die versuchen, ihr Leben nach christlichen Werten auszurichten – sogar dann, wenn sie nie eine Kirche von innen gesehen haben. Eine von ihnen ist Janina, 34, Reiseverkehrskauffrau, zwei Kinder. Sie sagt, sie habe schon immer nach den Zehn Geboten gelebt, auch wenn ihre Eltern, getaufte Christen, irgendwann aus der Kirche ausgetreten waren. Sie war schon volljährig, als sie sich taufen ließ. Fragt man sie nach ihrer Motivation, sagt sie, Gott nehme jeden Menschen bedingungslos an, egal, ob er von Hartz IV lebe oder einen Konzern leite, ob er eine Bank überfallen habe oder behindert sei.

Hartmut Wittig kennt einige solcher Geschichten von Menschen, die sich erst als Erwachsene gefragt haben, ob es da eine Macht gibt, die größer ist als sie. Und ob sie Kräfte verleiht, die das Zusammenleben erleichtern. Wittig ist seit 1985 evangelischer Pfarrer in Berlin-Hellersdorf. 60 Jahre, Vollbart, Berliner Herz mit Schnauze. Seine Kirche hat keinen Turm. Es ist ein Gemeindehaus, das versteckt in einer Plattenbausiedlung liegt. Wittig sagt, gerade habe eine Frau einen Hilferuf auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie stecke in einer tiefen Krise. Ihr Name stand in keiner Kartei, sie war kein Mitglied der Gemeinde. Hartmut Wittig müsste sie nicht zurückrufen. Er tut es trotzdem, das versteht sich von allein. Er sagt: „Ich bin Seelsorger.“

Er kennt das noch aus der DDR. Er sagt, die evangelische Kirche, sie sei ein Anker für all jene gewesen, die dem Sozialismus nicht als nützlich erschienen. Bedingungslos gehorsam und leistungsfähig musste der Musterbürger sein, jederzeit bereit, eigene Bedürfnisse hinter das vermeintliche Allgemeinwohl zurückzustellen. Ein Rädchen in der Maschine Staat. Für Behinderte oder Alte sei in diesem System kein Platz gewesen. Die habe der Staat gerne der Kirche überlassen.

Hartmut Wittig lächelt gequält. Er sagt: „Die Kirche muss sie versorgen – dieses Bewusstsein sitzt bei vielen heute noch drin.“  Seine Gemeinde hat ein Zentrum eingerichtet, das Schüler von der Straße holt. Mit dem lieben Gott braucht er ihnen gar nicht erst zu kommen. Mission impossible. Aber ein bisschen was fürs Leben sollen sie schon lernen. „Zum Beispiel gemeinsam kochen und essen.“ Die Kirche, deine Ersatzfamilie, dein Kummerkasten, dein Dolmetscher für alle, die du nicht verstehst. Letzteres erklärt, warum die evangelische Kirche in meiner Gemeinde an einem Wochentag im Oktober voller ist als an Heiligabend. Der Pastor hat zu einer Fragestunde eingeladen. Es geht um das Flüchtlingsheim im Ort. Es ist das Thema, das die Menschen in unserem Kiez bewegt.

Auch unser Ruderfreund und Nachbar Sven kommt hin. Die Bänke sind bis auf den letzten Platz besetzt. Die Atmosphäre ist gespannt. Ich quetsche mich hinter einen Mittfünfziger in schwarzer Lederjacke, der mir schon morgens im Zeitungskiosk unaufgefordert einen Vortrag über den bevorstehenden Untergang des Abendlandes gehalten hat. So weit sei es schon gekommen, dass man nicht mal mehr im eigenen Hause sicher sei, sagt einer. Das Sinti-und Roma-Gesocks, es lungere jetzt schon im Park herum. Seit die da seien, habe es schon drei Einbrüche gegeben. Frauen und Kinder trauten sich schon gar nicht mehr aus dem Haus. Und deshalb, er holt tief Luft, deshalb müssten die weg.

Die, das sind 120 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien, Serbien, dem Iran, Tschetschenien oder Afghanistan, die Hälfte davon Kinder, viele traumatisiert. Warum der Senat diese Menschen in einem ehemaligen Bürgeramt zusammengepfercht hat, ohne genügend Duschen und Toiletten, die Frage kann keiner beantworten.

Vom Senat ist niemand da. Die Bezirkspolitiker sind wütend. Sie behaupten, man habe sie überrumpelt. Von einer Notlösung ist die Rede und davon, dass man dem Senat längst kleinere und besser ausgestattete Unterkünfte in Randlage vorgeschlagen habe.

Der Heimleiter bittet um Spielzeug und warme Bekleidung für die Bewohner, der Pastor appelliert an das Mitgefühl. Der Mann aus dem Zeitungskiosk lässt ihn nicht ausreden. Dies sei eine Bürgersprechstunde, keine Predigt, brüllt er. „Jawoll“, raunen zwei Rentnerinnen mit Strickmützen, und eine junge Mutter pflichtet ihnen bei. Ein Mann mit badischem Akzent fragt: „Leute, wovor habt ihr eigentlich Angst?“

Das ist das Signal für den Lederja?ckenträger. Er springt auf und stürmt zum Ausgang. Vier andere mit Lederjacke folgen ihm. Eine Rundfunkreporterin fängt sie vor dem Eingang ab. Sie hält ihnen ihr Aufnahmegerät unter die Nase. Ob sie politisch aktiv seien, fragt sie. „Ja“, räumen die vier ein, „in der NPD.“ Die hat ihre Bundeszentrale in Köpenick.

Schauen Sie, sagt Pfarrer Hartmut Wittig, zu DDR-Zeiten habe es kaum Ausländer in der DDR gegeben – und wenn doch, habe man sie in Ghettos gesperrt. Vertragsarbeiter aus Kuba oder Mosambik. Die Völkerfreundschaft sei staatlich verordnet worden – und das von einem Regime, dem viele zutiefst misstrauten. Gastfreundschaft, sagt der Pastor, das müsse man jetzt eben noch lernen, auch in meiner Gemeinde. Ein runder Tisch soll her, schon nächste Woche wollen wir uns wieder in der Kirche treffen, um zu beratschlagen, was wir tun können, um zu helfen – nicht nur den Neuankömmlingen, auch den Nachbarn, die Front machen gegen sie.

Ich hoffe, dass Sven dann auch wieder dabei ist. Dass es uns gelingt, ihn dazu zu überreden, mit ins Flüchtlingsheim zu kommen, zu den „Drecksasylanten“, wie er auf Facebook geschrieben hat.

„Du, Sven. Warum sollte ausgerechnet die NPD in dem Heim vorbeischauen?“, schreibe ich unter seine Nachricht.

„Mensch, Nele“, antwortet Sven. „Das war ein Witz. Hast du nicht den Smiley hinter dem Kommentar gesehen?“

Die Namen in diesem Selbsterfahrungsbericht wurden geändert. Unsere Autorin schreibt unter Pseudonym.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2012
Redakteur:
Nele Bey ()
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Atheismus, Kirchen, Kultur, Familie, Innenpolitik