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Politisch korrekt

Ist das Zensur?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 06/2012

Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa hat einem seiner Priester untersagt, für die rechtslastige Wochenzeitung „Junge Freiheit“ zu schreiben. Nun fühlen sich Konservative verfolgt

iofoto/Can Stock Photo

Georg Alois Oblinger muss den Stift beiseite legen. Das wird dem publikationsfreudigen katholischen Pfarrer von Ichenhausen bei Günzburg an der Donau schwerfallen. Denn er schreibt gern. Aber er will seinem Bischof gehorchen. Sein Bischof, Konrad Zdarsa in Augsburg, hat ihm ein spezielles Publikationsverbot auferlegt. Der letzte Beitrag, den der Pfarrer noch vor dem bischöflichen Nein verfasste, erscheint an diesem Donnerstag im
unabhängigen konservativ-katholischen „Pur“-Magazin in Kisslegg im Allgäu. Da schreibt Oblinger über freiwilligen Verzicht. Der brauche große Willensanstrengung. „In der Regel ist hierzu nur eine religiöse Motivation in der Lage.“

Georg Oblinger kann man die religiöse Motivation nicht absprechen. Er fügt sich weiter, als sein Bischof es will. Denn eigentlich, so sagt er, möchte der Bischof nur alles genehmigen, was er in einer nicht kirchlichen Publikation veröffentlicht. Das schmeckt Oblinger offenbar nicht. Da verzichtet er freiwillig. Bischofssprecher Markus Kremser mag das Bischofswort nicht so recht bestätigen oder dementieren. Und kündigt eine personelle Veränderung an. Oblinger werde sich dazu äußern. Kremser sagte auch schon, das Bistum schätze Oblingers publizistische Tätigkeit. Etwa in der Würzburger „Tagespost“, wo er Bücher rezensiert. Ja, auch bei „Pur“. Das Verbot gilt nur für eine einzige Zeitung: die rechtskonservative „Junge Freiheit“.

In der „Jungen Freiheit“ war Oblinger zehn Jahre lang Kolumnist. Er hat da vor allem für den katholischen Glauben geworben. Den von früher. Er hat Gold und Silber und prächtige Messgewänder verteidigt. „Auf den Gedanken, allen Prunk in der Kirche abzuschaffen, können wohl nur Menschen kommen, in denen der Glaube an Gott und die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Himmel nahezu erloschen ist“, schrieb er. Er wollte „Glockengeläut statt dem Ruf des Muezzins“, und es störte ihn, dass die Leute nicht mehr Hochwürden und Herr Pfarrer sagen. Er hat seinen Bischof gelobt. Und freute sich, dass er in Bayern lebt, mit seinem frommen Volk und seiner ebenso frommen Hymne. Oblinger ist in Saarlouis geboren. Im Dezember aber kam das Schreibverbot aus Augsburg.

Bis heute entfacht es einen Entrüstungsorkan unter Konservativen, von denen viele mit Befehl und Gehorsam eigentlich kein Problem haben. „Überhaupt nicht nachvollziehbar“, sagt der Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels. Er schreibt selber in der „Jungen Freiheit“. Warum das Verbot? Er hat seine Vermutungen: Ihn stört, dass das Blatt als rechts oder radikal abgelehnt wird: „Da ist man wohl den Einflüsterungen denunziatorischer Linksblätter erlegen.“ Es zählten „sehr angesehene Publizisten“ zu den Autoren des Blattes, darunter der Bruder des Papstes: „Da befindet man sich in bester Gesellschaft.“ Er schätzt es, dass die Redaktion noch wagt, vom „deutschen Volk“ zu reden. „Wer das als rechtsradikal brandmarkt, hat ein merkwürdiges Verfassungsverständnis.“ Man müsse doch „konservative Positionen vertreten können, wie sie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren allgemein üblich waren.“ Offenbar kenne das Augsburger Ordinariat die Publikation gar nicht. „Oblingers Artikel sind überhaupt nicht angreifbar“, sagt der Dominikaner, der an der Trierer Universität lehrt. Man werde sich schwertun, „einen Satz zu finden, der nicht auf der Linie der Kirche liegt“. Dass der Pfarrer folgsam sein will, mag Ockenfels. Und zitiert Schiller: „Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck.“ Schillers Gedicht allerdings preist einen, der nicht gehorsam war. Und am Ende rehabilitiert wird.

Zeitungen wehren große Aufmerksamkeit in aller Regel nicht ab. So auch die „Junge Freiheit“. Von Ausgabe zu Ausgabe scheinen Zahl oder Gewicht der Zdarsa-Kritiker zu wachsen. Zuletzt hat sich der Stuttgarter Philosoph Robert Spaemann per Interview hinter den gehorsamen Pfarrer gestellt. Und hinter das Blatt: Er rief seinem Interviewer, einem Redaktionsmitglied, in Erinnerung, „dass die Heldengalerie Ihrer Zeitung von dem Widerstandskämpfer Graf Stauffenberg angeführt wird“. Spaemann vermutet, dass der Bischof bloß schlechte Berater hatte – eine beliebte katholische Denk?figur. Trotzdem holt der Philosoph zu einem Schlag gegen Bischöfe aus: „Mut und Liebe zur Wahrheit ist wohl nicht ihr hervorstechendes Merkmal. Sie wollen vor allem beliebt sein.“ Viele seien mit ihrem Amt überfordert. Eine Lösung im konkreten Fall weiß er nicht. Vermutlich werde der Augsburger Bischof künftig vorsichtiger sein.

Spaemann ist der Prominenteste an der „Ich habe auch geschrieben“-Front. Auf der Internetseite Kath.net bekennt sich Publizistin Gabriele Kuby aus Rimsting am Chiemsee. Auch sie beklagt Oblingers „Maulkorb“. Wo er doch mit ihr und anderen für die „katholische Sache“ streite. Und fragt, ob denn einer der 300 katholischen Theologen gemaßregelt wurde, die vor einem Jahr in einem Memorandum Reformen in ihrer Kirche forderten. Körbe, so der naheliegende Schluss, müssen vor den richtigen Mäulern hängen. Zu ihren Auszeichnungen zählt Gabriele Kuby auf ihrer Internetseite übrigens die Wahl zur Journalistin des Jahres durch das evangelikale Magazin „idea-Spektrum“. Dessen Leiter Helmut Matthies wiederum ist Träger des Gerhard-Löwenthal-Preises, den die „Junge Freiheit“ zusammen mit einer Stiftung verleiht. Matthies wurde aus der evangelischen Kirche heftig kritisiert, weil er den Preis annahm. Und hatte einen prominenten Verteidiger: Robert Spaemann.

Man mag darüber streiten, ob ein Schreibverbot der richtige Weg ist. Tatsache ist aber auch, dass Bischof Konrad Zdarsa eine notwendige Abgrenzung vollzieht. Das christliche Abendland wird inzwischen von Rechtskonservativen gern im Munde geführt, doch die Solidarität mit dem Anliegen der Kirchen ist oft rein semantisch-taktisch. Denn den Verfechtern dieses christlichen Abendlandes geht es offenbar weniger um Nächstenliebe und Gerechtigkeit als um die antiislamische Stoßrichtung.

In der 1986 gegründeten „Jungen Freiheit“ findet sich keine platte Volksverhetzung, diese Lehre hat die Redaktion wohl aus der zeitweiligen Beobachtung durch den nordrhein-westfälischen Landesverfassungsschutz gezogen. Die Beobachtung ist inzwischen beendet.

Aber das Blatt flirtet und verpartnert sich mit einem Milieu, das Migranten für schädlich und die deutsche Scham ob der nationalsozialistischen Verbrechen für übertrieben hält. In den Anfangsjahren der „Jungen Freiheit“ war die Kritik an der deutschen Vergangenheitsbewältigung für die Wochenzeitung identitätsstiftend. Die ständige Thematisierung historischer Schuld wurde als Selbsthass und Selbstquälerei gedeutet. Als konservativ galt in diesem Sinne, wer ein vermeintlich gesundes deutsches Selbstbewusstsein zeigte und dem linken Antifaschismus Paroli bot.

Mittlerweile bedient die „Junge Freiheit“ auch andere Erwartungen vom Typ Das-wird-man-doch-wohl-wieder-sagen-dürfen-in-Deutschland. „Ich Erkan – du Mandy“ ist eine aktuelle Kolumne betitelt. Abgerechnet wird darin mit dem „Stammeldeutsch“, das in Vierteln mit „hohem Ausländeranteil“ und einer ungebildeten Unterschicht gesprochen werde. Der Kausalzusammenhang bildet sich weniger explizit im Text als im Kopf des Lesers: „Ausländer“ zerstören die deutsche Sprache, die Behörden tun nichts dagegen, nur die „Junge Freiheit“ erkennt das Problem. Thesen werden meist mit dieser Mischung aus Enthüllung, Protest und Opferhaltung präsentiert, als wolle der linksliberale Mainstream permanent die Wahrheit unterdrücken.

Konservative sind besonders sensibel für den Verlust. Darin mag der Grund dafür liegen, dass die „Junge Freiheit“ Kirchenthemen entdeckt hat. Denn ein Teil der Katholiken fühlt sich heimatlos, er sieht die Welt und vor allem die Medien seit 1968 im Griff einer „Diktatur des Relativismus“. Da kommt eine Zeitung, die traditionelle Werte beschwört, gerade recht. Augsburgs Bischof versucht nun offenkundig, den verführerischen Trend zur Solidarität unter den Verlierern und Bewahrern zu durchbrechen. Er sagt es nicht ausdrücklich, aber sein Handeln drückt es aus: Nicht jeder, der den Werteverlust heraufbeschwört, nicht jeder, der ums christliche Abendland fürchtet, darf einen katholischen Bischof an seiner Seite wissen.

Auch katholische Publizisten, die der „Jungen Freiheit“ zunächst nicht ablehnend gegenüberstanden, sind inzwischen skeptisch geworden. Der Bonner Publizist Andreas Püttmann zum Beispiel wollte einen Leserbrief veröffentlicht wissen. Der Schriftwechsel liegt Christ & Welt vor. Es hatte Püttmann geärgert, dass in einem Beitrag behauptet worden war, nach dem Zweiten Weltkrieg hätten Amerikaner deutsche Kriegsgefangene „massenhaft verrecken“ lassen. Ohne zu erwähnen, wie ausgezehrt sie aus dem Krieg gekommen seien. Damit bestätige die Redaktion „leider das Image vom deutschnationalen Rechtsaußen-Blatt“. In der gleichen Ausgabe werde, schrieb Püttmann, eine ganze Batterie von Artikeln gegen die „Homo-Lobby“ (eine Überschrift: „Deutschland ohne Werte“) abgefeuert. Das sei Ressentimentpflege, kritisierte er, der selber nicht eben für eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften kämpft. Die Antwort der Redaktion: Autoren, so wie er, dürften keine Leserbriefe schreiben. Püttmann korrigierte: Er sei kein Autor. Die Zeitung habe nur Buchauszüge von ihm abgedruckt. Die nächste Mail: Gut, der Brief werde abgedruckt, aber ohne den Teil mit den Kriegsgefangenen. Püttmann widersprach: Entweder beide Beispiele oder keins; „sieben Sätze müssten möglich sein“. Die Zeitung lehnte wieder ab: Zwei Themen in einem Brief gingen gar nicht. Püttmann: Es sei ja nur ein einziges Thema, nämlich „rechte Ressentimentpflege“, mit zwei Illustrationen. Und bot eine neue Formulierung an. Er erhielt keine Antwort mehr.

Hat Georg Oblinger seine Freiheit missbraucht? Ist er abtrünnig geworden? In der letzten Kolumne, die er in der vergangenen Woche für die umstrittene Zeitung schrieb, empfahl er einen missionarischen Comic: die Ameise Smilinguido. Die Idee dazu sei in einer christlichen Gemeinde entstanden, schrieb er. Was er nicht schrieb: Die Gemeinde war evangelisch, und es sind in Deutschland evangelische Verlage, die die Ameise unter das entchristlichte Volk bringen wollen. Bisher kam die evangelische Kirche bei ihm nur als Pfuhl der Verweltlichung vor, ebenso wie bei seinen Freunden, denen, die „für die katholische Sache“ kämpfen.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2012
Redakteur:
Christiane Florin und Wolfgang Thielmann ()
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Medien