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Folklegende

In Zeiten des doppelköpfigen Gottes

Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2013

Als Mitglied der legendären irischen Folkgruppe The Sands Family hat Colum Sands nie den Traum vom Frieden aufgegeben. Droht nun ein neuer Konflikt? Wir haben dazugelernt, beteuert er

Foto: privat

Einmal in der Woche fahre ich von meiner Heimatstadt Rostrevor mit dem Auto die 50 Kilometer zum Belfaster BBC-Sender, wo ich im Radio ein Musikprogramm gestalte. Das ist eine herrliche Strecke durch die Ausläufer des Mourne-Gebirges in der Grafschaft Down. Ich wuchs dort in einer Musikantenfamilie auf, sang mit ihr die alten Lieder – und schrieb neue. Bis heute lebe ich hier und kenne den Weg wie meine Westentasche. Er führt mich von meinem Haus an der Küste durch einen Flickenteppich aus umzäunten grünen Feldern und windet sich über die Hügel und Senken der Eiszeitmoränen. Auf manchen dieser Anhöhen liegen malerische Dörfer. Für durchreisende Touristen mag eins genauso wie’s andere aussehen. Wir, die wir von hier stammen, erkennen den feinen Unterschied.

Von Zeit zu Zeit stellen die Einwohner ihre politische Verbundenheit zur Schau, indem sie die Bordsteine anmalen. Die, die sich als Briten fühlen, tauchen ihre Pinsel in die Farben Rot, Weiß und Blau, während ein echter Ire zu Grün, Weiß und Orange greift. Wenn die Farben knapp werden, hissen die Bewohner Fahnen. Das Grün-Weiß-Orange steht symbolhaft für Frieden zwischen den angestammten irischen und den umgesiedelten britischen Kulturen auf der Insel. Das großbritannische Rot-Weiß-Blau, der Union Jack, vereint die Farben von Sankt Georg (England), St Andrew (Schottland) und St Patrick (Irland).

Denjenigen, die sich nun am meisten über das Wehen oder Nichtwehen ihrer Lieblingsfahne aufregen, dürfte es ziemlich egal sein, dass der heilige Georg und der heilige Andreas im Nahen Osten geboren wurden und der heilige Patrick wahrscheinlich gebürtiger Engländer ist. Es zählt allein das Symbol. Auf die ethnischen Wurzeln dieser Heiligen zu verweisen ist genauso heillos, wie eifernde Christen und Juden daran zu erinnern, dass der berühmteste Jude aller Zeiten ein Christ war und damit der bekannteste Christ aller Zeiten Jude. Solche Dinge gehen mir durch den Kopf, wenn ich jede Woche diese Straße nach Belfast fahre. Neulich ist mir eine Lösung eingefallen für all jene, die unbedingt wollen, dass die britische Flagge ständig über der City Hall, dem Sitz der Bezirksregierung in Belfast, weht. Sie müssen einfach nur speziell gefertigte Kontaktlinsen mit einem Bild ihrer Flagge drauf tragen. So haben sie sie überall und jederzeit vor Augen und gehen dabei niemandem auf die Nerven.

Ich nehme mir auf meiner Fahrt auch manchmal die Zeit, mir etwas zu notieren. Vor einigen Jahren zum Beispiel beobachtete ich in einem dieser Dörfer auf den Hügeln zwei Hunde, die sich über die Straße grimmig anfunkelten. Hatten sie jemals etwas anderes in der Welt zu Gesicht bekommen? In den letzten Wochen, als die Meldungen von den Straßenkrawallen die Nachrichten bestimmten, fielen sie mir wieder ein. Und ich begann ein Lied zu schreiben:

Erschienen in:
Ausgabe 05/2013
Redakteur:
Colum Sands
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kultur, Außenpolitik, Ethik, Lebensstil