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Brasilien

In der Straff-Kolonie

Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2012

Schönheitskult am Zuckerhut: In Rio de Janeiro ist Po-Lifting so selbstverständlich wie ein Friseurbesuch. Schon Teenager lassen ihre Körper vom Chirurgen formen.

© Roderick Chen/alamy/mauritius images

Zwei Freundinnen haben sich in Fortaleza, einer Stadt im Nordosten Brasiliens, zum Abendessen verabredet. Kurz vor dem Termin ruft die eine die andere an und sagt, sie könne erst etwas später kommen. Sie müsse vorher noch eine Tante besuchen, die gerade nach einer Operation aus dem Krankenhaus entlassen sei. Ob es etwas Schlimmes ist, fragt die Freundin besorgt. „Nein“, meinte die andere, „nur eine Fettabsaugung.“

Die Lipoaspiração, wie der Eingriff auf Portugiesisch heißt, scheint für die Brasilianerinnen die normalste Sache von der Welt zu sein. Nachdem sie in den letzten Jahren einigen Wohlstandsspeck zugelegt haben, begeben sie sich immer öfter unters Messer, um wieder einen vorzeigbaren Bauch, straffe Arme oder Beine zu bekommen. Und auch sonst lassen sie munter an sich herumschnippeln. An zweiter Stelle nach der Fettabsaugung rangieren die Brustoperationen, danach folgen Facelifting, Korrekturen der Lippen, Nase oder Augenbrauen. Oft lautet die Devise „aumentar bumbum“, den Po vergrößern. Einer der jüngsten Trends ist die sogenannte Vaginoplástica, bei der die Schamlippen verkleinert werden.

Nirgendwo werden so viele Schönheitsoperationen pro Kopf durchgeführt wie zwischen Zuckerhut und Amazonas. 2009 waren es nach Angaben der Brasilianischen Gesellschaft für plastische Chirurgie 645 464, also 1768 pro Tag. Es ist vorwiegend die Ober- und Mittelschicht, die sich dergleichen leistet. Eine Brustvergrößerung kostet immerhin umgerechnet zwischen 2600 und 5200 Euro, also mindestens das Zehnfache des gesetzlichen Mindestlohns. Und nirgendwo gibt es so viele und so gute Schönheitschirurgen. Allein 500 hat Ivo Pitanguy, international anerkannte Koryphäe der Branche mit Professur an der Katholischen Universität von Rio de Janeiro, ausgebildet.

Warum boomt die sogenannte Cirurgia plástica ausgerechnet hier? „Die Gesellschaft hat sich verändert“, meint Carlos Fernando Gomes de Almeida, Schüler Ivo Pitanguys und einer der führenden Schönheitschirurgen in Rio. Einerseits hätten Silikonimplantate Brustvergrößerungen in großem Stil möglich gemacht. Andererseits sei der Einfluss der katholischen Kirche nicht mehr so stark wie früher. Brasilianerinnen würden zwar auf keinen Fall oben ohne am Strand herumlaufen. Doch Brustimplantate seien nicht mehr tabu. „Früher wurde so etwas geheim gehalten. Heute gilt es als etwas völlig Banales. Was es natürlich nicht ist“, warnt der Chirurg, der auf zehn Eingriffe pro Woche kommt. Schließlich sei Facelifting nach wie vor etwas anderes als ein Friseurbesuch.

Das Know-how der brasilianischen Operateure kommt auch denen zugute, die durch Unfälle, Krankheiten oder Fettleibigkeit entstellt sind. „Manche Chirurgen verbringen wahre Wunderwerke“, berichtet Sílvia Soutas, Produzentin einer Reality-Show, die den Fernsehzuschauern Patienten vor, während und nach Schönheitsoperationen präsentiert. „Ich kann mich an den Fall einer 19-Jährigen erinnern, die einen so großen Busen hatte, dass sie sich nicht die Schuhe zubinden konnte. Je Brust wurden eineinhalb Kilo entfernt. Der Chirurg hat ganze Arbeit geleistet. Sie war hinterher ein anderer Mensch.“

Für solche Verschönerungsaktionen hat Sílvia Soutas Verständnis. Doch besteht ihrer Meinung nach die Gefahr darin, dass das Herumwerkeln am Körper zur Sucht wird. „Wird erst mal der Busen in Form gebracht, sollen auch noch die Lippen aufgeblasen werden. Und danach vielleicht der Po“, hat sie beobachtet. Da gibt es dann Frauen wie die Miss Brasil 2003, die sich mit nur 22 Jahren bereits 19-mal unters Messer begeben hatte. Extremster Fall ist das Model Ângela Bismarchi, das von ihren Ehemännern – beide Schönheitschirurgen – bis zur Unkenntlichkeit „verschönert“ wurde.

„Zum Teil bringen meine Kollegen geradezu Monster hervor“, gesteht auch Chirurg Fernando Gomes. Besondere Vorsicht sei bei jungen Mädchen geboten, die oft genug mit ihrer Figur unzufrieden sind und sich allzu leicht beeinflussen lassen. Seriöse Ärzte würden abwarten, bis die jungen Frauen ein Mindestalter und eine gewisse Reife erreicht haben. Aber die brasilianische Zeitschrift „Veja“ führte kürzlich in einer Sonderausgabe das Beispiel der 17-jährigen Raysa Martins de Jesus aus São Paulo an, die sich 300 Milliliter Silikon einsetzen ließ. „Das war ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk. Ich wurde erst im August 18, aber ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten“, gesteht sie. Sie wollte unbedingt so schöne Brüste haben wie ihre Mutter, die sich ebenfalls Silikon implantieren ließ.

Der Körperkult spielt in Brasilien eine herausragende Rolle. In Städten wie Rio verhüllen Kleider im tropisch heißen Sommer die Konturen nur spärlich. Vermeintliche Schönheitsfehler fallen schnell ins Auge. Darüber hinaus haben Mode und Kleidung hier eine ganz andere ästhetische Funktion. Die vorwiegend eng anliegenden, knappen Kleidungsstücke sollen nicht verhüllen, vielmehr die Figur und ihre Reize zur Geltung bringen.

„Die Frauen möchten beachtet werden und leiden darunter, wenn sie nicht von Männern angeguckt oder sogar angemacht werden“, hat Mirian Goldenberg, brasilianische Anthropologin und Autorin des Buchs „Der Körper als Kapital“, festgestellt. Umso wichtiger ist es, für Männer wie für Frauen, einen möglichst perfekten Body zu haben. Schon frühmorgens sind an den Stränden Jogger, Walker und Fahrradfahrer unterwegs, Männer üben an Trimm-dich-Geräten Klimmzüge, Frauen machen Yoga- oder Tai-Chi-Übungen. Wenn das Training nicht ausreicht, legt man – oder besser frau – sich eben unters Messer.

Nur ein Prozent der Brasilianerinnen ist tatsächlich mit dem eigenen Aussehen zufrieden, hat Mirian Goldenberg herausgefunden. Trotz der anhaltenden Selbstkritik und des Modediktats geben sich die Brasilianerinnen emanzipiert und selbstbewusst. „In Sachen Gleichberechtigung stehen sie ihren europäischen Geschlechtsgenossinnen in nichts nach“, erklärt Berthold Zilly, Kulturwissenschaftler, Übersetzer und Brasilienexperte. Viele Frauen würden Führungspositionen bekleiden, in der Wirtschaft und in der Politik, allen voran Staatschefin Dilma Rousseff. Es gebe aber einen großen Unterschied zwischen Berufs- und Privatleben, viele Frauen stünden unter einem ungeheuren Druck. „Einerseits treten sie im Berufsleben erfolgreich auf“, so Zilly, „und andererseits sorgen sie sich im privaten Bereich oft um ihre erotische Attraktivität.“

Das bestätigt auch Fernsehproduzentin Sílvia Soutas. Wobei der Druck nicht etwa von den Ehemännern oder Lebenspartnern ausgehe. „Die Interviews mit den betroffenen Frauen haben gezeigt, dass es vielmehr der Konkurrenzkampf der Frauen untereinander ist, der sie zu Schönheitsoperationen und dergleichen veranlasst“, sagt Soutas.

„Es ist nur eine Vermutung“, meint der Literaturwissenschaftler Berthold Zilly, „aber vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Sklaverei in Brasilien erst relativ spät abgeschafft wurde. Besonders hübsche oder erotisch anziehende Sklavinnen konnten wahrscheinlich auf eine bessere Behandlung
und Privilegien gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen hoffen.“ Mag sein, dass sich tatsächlich etwas von dieser Denkweise im tiefsten Innern der brasilianischen Frau erhalten hat. Doch fragt sich, ob es deshalb so vieler Operationen bedarf.

Wie Mirian Goldenberg herausfand, fühlen sich brasilianische Männer als Erstes von der Schönheit, als Zweites von der Intelligenz und erst an dritter Stelle vom Körper einer Frau angezogen. Bezeichnenderweise gäbe es auch immer mehr jüngere Männer, die sich eine ältere Partnerin suchen, was dem weiblichen Jugendwahn widerspricht. Was halten sie dann von der Operations-Manie? „Ich hätte das Geld lieber in unsere Wohnung gesteckt“, gibt der Lebensgefährte einer Frau zu Protokoll, die sich in der brasilianischen Fernsehshow „Dr. Hollywood“ einer Brustoperation unterzieht.

Schönheitschirurg Fernando Gomes rät Frauen auch mal von einer Operation ab, weil er meint, dass es sie nicht hübscher macht. „Wenn meine Kollegen ihnen dasselbe sagen, lassen sich diejenigen vielleicht davon überzeugen, dass sie auch so attraktiv sind“, sagt er. Wie in seinem eigenen Fall. Seinen Beruf habe er auch deshalb ergriffen, weil er sich in der Pubertät furchtbar hässlich fand und unter seiner Nase litt. „Aber das ging irgendwie vorüber“, erinnert er sich. Heute sei er mit seinem Aussehen völlig zufrieden. Und zwar ganz ohne Operation.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2012
Redakteur:
Ulrike Wiebrecht (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Kultur, Lebensstil