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Gerald Asamoah

"Ich wurde mit Bananen beworfen"

Aus: Christ & Welt Ausgabe 10/2013

Er ist der erste gebürtige Afrikaner im deutschen Trikot. Mehr als 40-mal stürmte der Fußballer für Deutschland. Ein Gespräch über Fremdenfeindlichkeit, Bibelstunden – und über einen schwarzen Papst

Foto: augenklick/firo Sportphoto/picture alliance

Christ&Welt: Herr Asamoah, Herzkrankheit, Verletzungen,
Rassismus: Leicht war Ihre Karriere bisher nicht. Was hat Sie darin gestärkt, weiterzumachen?

Gerald Asamoah:
Ich kam als Zwölfjähriger aus Ghana nach Deutschland. Ich wusste bald, dass ich unbedingt Fußballer werden wollte. Das ging auch gut, bis ich meine Herzprobleme bekam. Ich habe überall nach Hilfe gesucht, aber keiner konnte mir helfen. Ich habe die Liebe zu Gott gesucht, und der hat mir geholfen. In allen Tiefen, die ich erlebt habe, war Gott immer an meiner Seite.


C&W: Antwortet Gott Ihnen?

Asamoah:
Ja, im tiefen Herzen weiß ich, dass Gott zu mir hält. Wenn ich schlafen gehe, wenn ich in der Bibel lese, weiß ich, dass er für mich da ist. Er hat mir auch geholfen, Entscheidungen zu treffen.

C&W: Erwin Kostedde und Jimmy Hartwig, beide Söhne afroamerikanischer GIs, waren die ersten Farbigen in der deutschen Nationalmannschaft. Sie waren der erste gebürtige Afrikaner im deutschen Trikot. 43 Spiele für Deutschland. Was hat das verändert in der Gesellschaft, im Fußball?

Asamoah:
Das war eine Riesengeschichte. Ich wusste damals, dass ich auf Widerstand treffen würde. Es ist heute schön zu sehen, wie viele dazu gekommen sind. Heute macht sich kaum noch jemand Gedanken darüber, das ist normal geworden. Es macht auch ein wenig stolz zu sehen, dass man da einen Weg geöffnet hat.

C&W: Sie haben häufiger rassistische Attacken erlebt, im Stadion, auf dem Platz, vor, während und nach dem Spiel. Welches deutsche Stadion ist am schlimmsten?
Asamoah:
1998, 99 war wohl die schlimmste Zeit. Mein schlimmstes Erlebnis war, als 18-Jähriger in Cottbus aufzulaufen und mit Bananen beworfen zu werden. Heute, 2013, ist das anders. Es gibt kein schlimmstes Stadion, aber es gibt immer Gruppierungen, die nicht akzeptieren wollen, dass Farbige, dass Ausländer auch Menschen sind.

C&W: Macht Fußball intolerant?

Asamoah:
Nein, im Fußball gibt es so viele Religionen, so viele Hautfarben – und wir kommen alle klar miteinander, egal ob man Christ oder Moslem ist oder Jude.

C&W: Mit Rassismus hatten Sie selbst noch nach der Weltmeisterschaft 2006 zu tun.
Asamoah:
Da bin ich sehr beschimpft worden, 2007, in Rostock. Der Schiedsrichter hat mich gefragt, ob wir das Spiel abbrechen sollen. Das war eine große Enttäuschung. Kurz zuvor war ich mit der deutschen Nationalmannschaft erfolgreich, und dann wurde ich ausgepfiffen und mit Affengeräuschen verhöhnt. Für mich waren solche Erfahrungen auch ein Grund, mein Buch zu schreiben.

C&W: Sie hätten sich auch für die ghanaische Nationalmannschaft
entscheiden können. Haben Sie es je bereut, für Deutschland zu spielen?

Asamoah:
Nie im Leben. Diese Entscheidung würde ich immer wieder so treffen. Gut, dass ich das gemacht habe. Bis damals war es nämlich nicht absehbar, dass ein Farbiger für Deutschland spielen würde.

C&W: Ist Deutschland nicht mehr so rassistisch wie vor 15, 20 Jahren?

Asamoah: Man darf dieses Thema nicht kleinreden, in ganz Europa nicht. Wenn man sieht, was Kevin-Prince Boateng kürzlich in Italien erlebt hat?…

C&W: Er wurde bei einem Spiel des AC Mailand gegen einen Viertligisten von Zuschauern rassistisch beleidigt und
weigerte sich, weiterzuspielen; die Partie wurde abgebrochen.

Asamoah: Ja. Solche Attacken sind kein Einzelfall.

C&W: Mario Balotelli hat Ähnliches erlebt, und erst kürzlich hat ihn Silvio Berlusconis Bruder Paolo als „Negerlein der Familie“ bezeichnet.

Asamoah: Wenn man so etwas sieht, weiß man, dass man das Problem Rassismus in Europa nicht schönreden sollte. Und ich, Gerald Asamoah, kann vielleicht etwas dagegen tun, indem ich zum Beispiel mit jungen Leuten darüber spreche.

C&W:
Warum?
Asamoah:
Weil die mir anders zuhören als vielen anderen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder erleben, was ich erlebt habe.

C&W: Was heißt das konkret, politisch? Soll man die NPD verbieten?

Asamoah: Ich kann solche Entscheidungen nicht treffen. Die NPD war immer gegen Ausländer in Deutschland. Wenn Sie mich fragen würden, wäre ein Verbot schon gut, aber ich will das nicht entscheiden. Wir müssen dahin kommen, dass sich junge Leute solchen Gruppierungen nicht anschließen.

C&W: Nervt es nicht, immer wieder über Rassismus und Hautfarbe zu sprechen?

Asamoah:
Ein Gerald Asamoah soll natürlich immer darüber sprechen. Aber wenn man nicht darüber redet, ändert man nichts. Auch 2013 muss man darüber reden, leider, selbst wenn es wehtut. Solange es Rassismus gibt, bleibt das ein Thema.

C&W: Sie sind sehr religiös. Welcher Konfession gehören Sie an?

Asamoah: Ich bin evangelisch, seit ich in Ghana immer mit meiner Großmutter zur evangelischen Kirche ging.

C&W: Kann Religion vor Rassismus schützen?

Asamoah:
Wenn man hört, dass Islamisten Christen verfolgen, kann man das nicht unbedingt sagen. Ich weiß nicht, ob Religion das ändern kann. Aber es gibt eben die Fundamentalisten, es gibt Leute, die mit Religion sehr streng leben, und es gibt Leute, die damit locker umgehen. Wie ich. Ich weiß, Gott ist da, wenn ich ihn brauche, ist er da. Jedes Mal.

C&W: Was meinen Sie: Sollte man im Stadion beten?

Asamoah:
Wir haben bei Schalke damals auch Bibelstunden abgehalten. Spieler, die Lust hatten, kamen dazu, und wir haben gebetet. So etwas gibt es immer noch, das machen viele, sie treffen sich auch zu Hause.

C&W: Wie halten Sie es mit der Frömmigkeit, dem Beten?

Asamoah:
Ich war nie der Typ, der da auf dem Platz stand und seine Hände in die Höhe streckte, um zu beten, ich war dabei immer eher in mich gekehrt und habe für mich selber gebetet. Jeder, wie er will. Es gibt Leute, die gehen auf die Knie und beten nach dem Spiel. Ich habe es immer anders gemacht: Ich bin auf die Toilette gegangen und habe da für mich gebetet.

C&W: Vielleicht sitzt demnächst ein,Afrikaner auf dem Heiligen Stuhl. Was glauben Sie: Ist die Welt bereit für einen schwarzen Papst?

Asamoah: Obama ist als Farbiger Präsident geworden. Warum sollte da nicht ein Farbiger Papst werden? Vielleicht bewegt das was, vielleicht ändert das ja etwas – zum Beispiel im Denken von gewissen Leuten, die nicht akzeptieren wollen, dass Farbige auch Menschen sind. Ich sehe das natürlich aus der Ferne, aber es gibt ja einen Bischof aus Ghana, der jetzt öfter erwähnt wird.

C&W: Peter Turkson.

Asamoah:
Ja. Warum sollte er das nicht machen? Ich bin gespannt.

C&W: Was würde das verändern in der katholischen Kirche?

Asamoah:
Das weiß ich nicht, dazu bin ich zu weit weg davon. Ich lebe meinen Glauben auf meine Art, ich kann selber die Bibel lesen und versuche, so zu leben, wie ich es für richtig halte. Da muss kein Papst kommen, um mir zu sagen, was ich zu tun habe. Aber ich denke doch, das würde schon viel bewegen. Wenn der Neue neue Vorstellungen mitbringt.

C&W: Und wie sieht es sonst aus? Werden Sie morgen mit der SpVgg Greuther Fürth gegen Bayer Leverkusen gewinnen?

Asamoah:
Das weiß nur Gott. Aber ich hoffe, dass wir die drei Punkte erringen.

C&W: Wie ist es mit dem Klassenerhalt von Greuther Fürth?

Asamoah:
Viele lassen die Hoffnung sinken. Ich gebe nie auf. Ich glaube daran, dass wir das schaffen.


Der Stürmer
Gerald Asamoah wurde 1978 in Mampong, Ghana, geboren. Mit zwölf Jahren
kam er nach Deutschland. Nach den Anfängen in Hannover spielte er von 1999 bis 2010 beim FC Schalke 04 und gewann mit ihm 2001 und 2002 den DFB-Pokal sowie 2005 den Ligapokal. 2010 wechselte er zum FC St. Pauli nach Hamburg; seit dem Winter 2011 spielt er bei der SpVgg Greuther Fürth und stieg 2012 mit dem Klub wieder in die Erste Liga auf.


Asamoah hat 43 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft absolviert und dabei sechs Tore erzielt; 2002 wurde er in Südkorea und Japan Vizeweltmeister, 2006 WM-Dritter in Deutschland. Er erhielt mehrere Ehrungen, darunter das Silberne Lorbeerblatt, die höchste deutsche Sportauszeichnung, und den Fair-Play-Preis des Deutschen Sports. Seine Gerald-Asamoah-Stiftung kümmert sich um herzkranke Kinder in Afrika.?


Kürzlich ist erschienen: Gerald Asamoah mit Peter Großmann: „,Dieser Weg wird kein leichter sein ...‘ Mein Leben und ich“. Herbig Verlag, München, 224 Seiten, zahlr. Abbildungen, 19,99 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 10/2013
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Kultur, Medien, Papst, Lebensstil