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Ethik

„Ich will heilen“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 29/2011

Jürgen Hescheler ist Stammzellforscher – und Katholik. Aus Sicht seiner Kirche versündigt er sich an Embryonen. Wie lebt er mit diesem Konflikt? Ein Erfahrungsbericht.

Grün ist die Hoffnung: Bei der Behandlung schwerer Krankheiten setzen Forscher auf embryonale Stammzellen. © SGS/A1PIX - YOUR PHOTO TODAY

Ich bin überzeugter Christ und mir geht es um die Sache, die meine Kirche vertritt, die katholische Grundidee. Die liberale Haltung haben mir die Patres meiner Schule mit auf den Weg gegeben, die Patres des Gymnasiums Johanneum der Herz-Jesu-Missionare in Homburg an der Saar. Sie pflegten einen offenen, demokratischen Umgang mit den Schülern. Wir haben viel diskutiert, auch philosophische Fragen. Das hat mich fasziniert. Die Patres waren nie so streng, dass sie auf die Einhaltung jeder kirchlichen Vorschrift drängten. Wichtig war ihnen, uns eine Haltung zu vermitteln, mit der wir im Leben und in der Welt unseren Weg finden konnten.

Ich frage mich, warum die Kirche nicht froh darüber ist, dass sie Wissenschaftler in ihren Reihen hat. Die Hierarchien schotten sich gegen die Wissenschaftler eher ab – und damit letztlich auch gegen die Welt, die sie umgibt. Es ist eine ungute Tradition, dass sich die Kirche erst gegen den wissenschaftlichen Fortschritt und andere Neuerungen stemmt und später den Anschluss sucht, wenn der Fortschritt unumkehrbar geworden ist und auch sie selbst von den neuen Errungenschaften profitiert.

Ich bin 1994 an die Uni Köln berufen worden und habe dann im Institut für Neurophysiologie mein Forschungsgebiet aufgebaut. Damals ist es noch um die embryonale Stammzelle der Maus gegangen. Wir wollten die Ergebnisse auch auf menschliche Zellen umsetzen. Wir hätten eigentlich alles in der Hand gehabt, um in Deutschland die ersten humanen Stammzellen zu etablieren und zu untersuchen.

Bei dem Streit um Stammzellen geht es letzten Endes immer um die Frage: Hat die befruchtete Eizelle schon alle Menschenrechte? Beginnt das Leben wirklich mit der Vereinigung von Ei- und Samenzelle? Die katholische Kirche vertritt diese Auffassung bindend erst seit der Konstitution „Apostolicae Sedis“ des Ersten Vatikanischen Konzils von 1869. Es gibt aber keinen Hinweis aus der Bibel, der sie belegt. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht und bin dann zu dem Entschluss gekommen, dass die befruchtete Eizelle nicht den Stellenwert haben kann wie ein erwachsener Mensch, den man vielleicht heilen könnte. Das ist für mich das höhere Gut.

Ich habe Medizin studiert; daher kommt mein Impetus, kranken Menschen zu helfen und neue Therapien zu entwickeln. Auch gerade als Forscher empfinde ich diese Verpflichtung. Es ist bitter, das Leiden eines Patienten mit anzusehen und nichts mehr tun zu können. Das weckt meinen Forscherehrgeiz. Wenn die Medizin bei einigen bestimmten Krankheiten so wenig kann, dann muss man einfach forschen. Für mich wäre es die größte Freude, wenn meine Arbeit dazu führen würde, dass man in Zukunft bestimmte Krankheiten, wie zum Beispiel die Auswirkungen des Herzinfarktes, heilen könnte.

Bei Vorträgen in kirchlichen Akademien habe ich erlebt, dass das Publikum anfangs der Stammzellforschung eher ablehnend gegenüberstand. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt. Am Schluss hatte ich oft die meisten davon überzeugen können, dass die Stammzellforschung wichtig und gerechtfertigt ist. Ich hätte mir gewünscht, dass solche offenen Gespräche auch auf höheren Ebenen mit den Vertretern der katholischen Kirche stattgefunden hätten. Ich bin der Kirche immer noch sehr verbunden. Gern hätte ich meine Erfahrungen eingebracht, ganz gleich, wie das Urteil dann ausfallen würde.

Die katholische Kirche würde gut daran tun, mit der wissenschaftlichen Entwicklung mitzugehen, anstatt sie zu ignorieren. Aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben sich auch immer gesellschaftliche Veränderungen. Die sind dann so stark, dass sich die Kirche darauf einstellen muss. Es wäre sicherlich besser, wenn die Kirche ihre Einsichten im Kontakt mit der Wissenschaft entwickelte. Ich wünschte mir, dass sie auch einmal zum Motor neuer Therapieformen würde und damit an der Spitze des gesellschaftlichen Fortschritts stünde. Es wäre nicht auszudenken, wie die Kirche dadurch ihre gesellschaftliche Akzeptanz steigern könnte. Es gibt viele christliche Basisinitiativen, die das vorantreiben wollen. Leider wird das nicht akzeptiert. Zumindest die offizielle Kirche, der Vatikan, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück.

Auch internationale Stammzellforscher bedauern die Verschlossenheit der katholischen Kirche. Stammzellforscher hatten sich bemüht, das Klonen von Menschen weltweit zu ächten. Es sollte eine internationale Übereinkunft geben, die weltweit das Klonen von Menschen untersagt. Keiner der bekannten Stammzellforscher will, dass Menschen geklont werden. Aber die Kirche hat ein sogenanntes Klonverbot abgelehnt, weil es ihr nicht weit genug ging; sie wollte die Stammzellforschung völlig unterbinden.

Deutschland könnte in der Stammzellforschung heute sehr viel weiter sein. Die restriktive Haltung hat uns in der Forschung zurückgeworfen. Durch die restriktive Gesetzeslage fließen auch weniger Forschungsgelder. In anderen Ländern werden hohe Summen in die embryonale Stammzellforschung investiert. Als wir noch mit den embryonalen Stammzellen der Maus gearbeitet haben, standen wir an der Weltspitze. Nachdem dann James Thomson aus Wisconsin in den USA die humanen Stammzellen eingeführt hat, gab es hierzulande eine lange Phase der Gesetzgebung. Dann sind die ersten grundlegenden Arbeiten von anderen im Ausland publiziert worden.

Wir können nun wenigstens mit neuen Stammzelllinien forschen, weil 2007 der evangelische Bischof Wolfgang Huber einen neuen Stichtag vorgeschlagen hat – ein Weg, auf dem ihm die katholische Forschungsministerin Annette Schavan folgen konnte. Ich befürchte, dass künftig neue Therapieformen eher im Ausland entdeckt werden. Wir deutschen Forscher können vielleicht einige wichtige Hinweise geben. Aber in anderen Ländern wird so viel in diese Forschung hineingesteckt und die Forscher werden da wesentlich besser unterstützt.

Das erzeugt natürlich eine gewisse Frustration, ganz besonders unter den jungen Forschern. Nach der Doktorarbeit gehen deshalb viele ins Ausland. Ich hatte schon diverse Angebote, im Ausland zu forschen. Die USA wären zum Beispiel sehr interessiert. Bisher habe ich mir aber gesagt, dass man lieber in seinem eigenen Land dafür kämpfen sollte, dass sich Sachen verändern und die Forschung voran geht. Aber die Verlockung ist echt groß.

Aufgezeichnet von Wolfgang Thielmann und Astrid Prange.

Erschienen in:
Ausgabe 29/2011
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Ethik