Feuilleton-Katholizismus
Ich und der Papst: Die Bekenntnisse des Matthias M.
Aus: Christ & Welt Ausgabe 24/2011
Wortgewandt wirbt der „Spiegel“-Autor Matussek in seinem neuesten Bestseller für die katholische Kirche. Aber für welche? Ein Buch, drei Streiter: eine entsetzte Protestantin, ein begeisterter Kardinal und ein gelassener Jesuit.

"Eine Provokation“ steht mit spitzen Lettern im Untertitel. Im Klappentext wird das gleich erklärt: Der Autor sei politisch inkorrekt, er werde der hedonistischen Moderne eine Gardinenpredigt halten und sogar vor dem Thema Todsünden nicht zurückscheuen. Nun heißt der Autor Matthias Matussek, er gehört als „Spiegel“-Autor und Publizist zu den Eiferern des deutschen Journalismus, einer, der immer genau die Lücke sucht, die einen Aufreger wert ist. Dabei ist er dem alten deutschen Zeitgeist immer nur eine Sekunde voraus. Die gute Nase ist immer noch das wertvollste Instrument für gute Reporter.
Matussek hat einen guten Riecher. 2006 machte er einen Seufzer aus der Volksseele der Deutschen, die endlich auch entspannten Patriotismus und Stolz auf die eigene Kultur zeigen wollten. Das konnten sie dann prompt bei der Weltmeisterschaft. Nun bekennt er sich zum katholischen Glauben. Da jedes Bekenntnis notwendig einseitig und mit Leidenschaften verbunden ist, hat sein Buch etwas wohltuend Kämpferisches.
Doch was ist daran provokativ? Immerhin gibt es mehr als 40 Millionen Christenmenschen in diesem Land, die trotz Traditionsabbruch und heftigem Leiden an der Institution Mitglieder einer der beiden Kirchen bleiben. Alles Provokateure, mitten in der hedonistischen, an Wohlgefühl oder wohliger Angst orientierten Gesellschaft – Menschen, die sich nicht mit dem zufriedengeben, was unmittelbar vor Augen ist.
Liegt die Provokation darin, dass der „Spiegel“-Autor, wie es das gute alte Vorurteil über Journalisten will, zu der Gruppe der freien, ungebundenen Geister gehört, die in einer Mischung aus Abgeklärtheit und Zynismus auf alle gucken, die sich einer Macht anvertrauen, die größer ist als all unsere Vernunft? Schließlich gehört der „Spiegel“ nicht gerade zu den christentumsfreundlichen Magazinen. Das orange Heft hat sich der Art bisweilen rührender, manchmal ärgerlicher Berichterstattung verschrieben, die an Ostern mit der Titelgeschichte „Warum das Grab doch voll war“ in den Kiosken liegt. Was als Aufklärung ausgegeben wird, ist meist der müde Abklatsch ehemaliger Religionskritik.
Da lässt es in der Tat aufhorchen, wenn einer aus der Runde sagt, wo er selbst steht. Sein Buch ist ein barockes Roadmovie mit prallen Geschichten, Interviews und erbaulichen Passagen. Es ist immer da am stärksten, wo die eigene Geschichte im Mittelpunkt steht. „Ich war das Jesuskind, ich lag in einem Korb, ich spürte das Stroh.“ Er kann poetisch und leise werden, wenn er beschreibt, wie sehr der Glaube und die Geheimnisse der Kirche zu seinem Kindheitsroman gehören. Der sonntägliche Kirchgang, das Hochamt, die Beichte – Religion hat es dann am leichtesten, wenn sie zu den frühen Prägungen des Lebens gehört. Diese Prägung wirkt wie eine Imprägnierung, die auch in Zeiten des Unbehagens und des störrischen Zweifels die Macht des Glaubens nicht auflösen kann. Diese religiöse Grunderfahrung bedarf der fremden Räume und der faszinierenden Geheimnisse. Sie ist mehr als Unterricht oder Debatte, sie ist eine Lebenshaltung, in die ein Kind hineinwächst, eine Art Hintergrundgewissheit. Nur wo ist die Provokation? Schließlich liebt das Feuilleton seine Ministranten. Vorbei die Zeit, in der die religiöse Kindheit verschwiegen wurde. Eine Konfession zu haben ist nicht mehr peinlich. Nina Hagen und Nina Ruge, Peter Frey und Thomas Gottschalk, sogar die Gralshüter autonomer Hochkultur wie der Romancier Martin Mosebach bekennen sich.
Der kleine Martin und der kleine Matthias stolpern vor den Augen ihrer
geneigten Leserschaft mit dem heiligen Buch in der Hand im Altarraum und
lernen fürs Leben: die Erinnerung an eine Zeit im Auge des göttlichen Geheimnisses.
Schamlos sehnt Matussek sich nach dem vorkonziliaren Katholizismus seiner Kindheit zurück, als die Liturgie noch Liturgie und der Priester noch ein Priester war. Die Selbstsäkularisierung des deutschen Katholizismus ist ihm ein Graus. Ursachenforschung betreibt er allerdings nicht. Der Weg zum Zweiten Vatikanischen Konzil und seine theologischen Anliegen bleiben im Dunkeln. Der Autor scheut die Theologie wie der Teufel das Weihwasser. Nur so kann er glauben, sein Nachdenken über Tugenden und Laster, über Todsünden und Erlösung sei einzigartig und aus der Zeit gefallen.
Das Gegenteil ist der Fall. Spätestens seit der leichtfüßig daherkommenden, aber geistesgeschichtlich prallen Studie über die sieben Todsünden von Aviad Kleinberg ist das Thema wieder da. Die von Matussek so verachteten Kirchengemeinden veranstalten Vortragsreihen dazu und können nicht genug von den Sündenregistern bekommen. Dem Autor sind jetzt schon viele Einladungen in kirchliche Akademien sicher.
Provozierend ist eher der Gestus des Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-Wollens dessen, was in seiner Kirche landauf, landab passiert. Der Autor will es wieder geheimnisvoller. Er will keine Diesseitskirche, er will die Erfahrung der Fremde zurück, das Mysterium, das ganz andere, das ihn als Kind so fasziniert hat. Man könnte darin einen Fall von Regression vermuten, den über kurz oder lang alle teilen, die schon als Kinder in den Einzugsbereich der Kirche geraten sind. Das tremendum et fascinosum, das Ungeheuerliche soll wieder her, das unmittelbare Ergriffensein, das in Matusseks Perspektive da ausgetrieben wird, wo die Gemeinde mitredet, wo die Kirche versucht, als Kirche Teil der Welt zu sein, wo Laien sich an der Auslegung der alten Texte beteiligen. (Er selbst legt als Laie mit Wonne aus.) In Matusseks Worten – und hier wird es wirklich provokant: wo die katholische Kirche protestantisch wird.
Wie ein Virus haben protestantische Gedanken den Katholizismus vergiftet und sich selbst entfremdet. Davon ist der Autor überzeugt. Die „userfreundliche Software Moral“ kommt durch evangelische Bischöfe in die Welt, nicht durch die Bischofskonferenz. Letztlich sind die schlimmsten Tücken der modernen Gesellschaft protestantische Erblasten. Nichts ist schädlicher für die Glaubensbastion des Christentums als seine liberale, demokratische und moderne Auslegung. Matussek stellt die alten Kulturkampfformeln aus dem 19. Jahrhundert auf den Kopf. Aber was heißt das für sein Kirchenbild? Dass nur das Christentum überlebt, das entschieden antidemokratisch, antimodern und antiliberal ist?
Diese Zuschreibungen haben als intellektuelles Spiegelgefecht in Deutschland lange Tradition und analytische Kraft. Doch die Tragik von Matusseks antiprotestantischen Ausfällen sind nicht die Sottisen, sondern die erschreckende Ungebildetheit, mit der sie vorgetragen werden. Abenteuerlich unterbelichtet ist das Bild des Protestantismus, das er als Gegenbild zu seinem Kindheitskatholizismus zeichnet, dazu selbstredend tendenziell weiblich. Klar, dass protestantische Frauen auf „unaussprechliche Doppelnamen“ hören.
Da sehnt sich ein evangelischer Kollege nach guter Liturgie und schon ist er eigentlich katholisch. Ja, um Himmels willen, wer hat denn da die Recherche vergessen? Wenn Matussek eine gute deutsche lutherische Messe feiern will, gehe er in den Hamburger Michel. Die Wiederentdeckung der Liturgie hat auch in der evangelischen Kirche längst angefangen. Keine Frage, bis in die Neunzigerjahre sind die beiden deutschen Kirchen fahrlässig mit den Schätzen ihrer liturgischen Tradition umgegangen, doch in der Diskussion um die Wiedereinführung der lateinischen Messe in seiner Kirche geht es doch nicht nur um die Stimmigkeit der Form. Es geht um theologische Grundaussagen. Es geht um die Frage, wie die Kirche das Evangelium heute darstellt und auslegt. Es geht darum, wie der Glaube zu einer Lebenshaltung wird, die im wuseligen Alltag Halt gewährt. Kirche ist mehr als ein weltabgewandter Ort für Erhabenheitserlebnisse und das Ergriffensein durch das Fremde.
Das Ergriffensein hat Folgen. Matussek argumentiert gegen die hedonistische Gesellschaft, die permissiv und auf oberflächliche Weise unangefochten bleibt. Doch noch in der Vehemenz seines Protests gegen seichte Individualisierung der letzten großen Fragen bleibt er ganz in ihr verhaftet. Denn das Buch kreist um das große Ich: Ich und der Kult. Ich und die Kirche. Ich und der Papst. Ich und der Bischof. Die verbale Kraftmeierei ist bisweilen mitreißend, provokativ aber bleibt das Ungesagte: die Verachtung des normalen Christen- und Gemeindelebens, zu dem der Kindergottesdienst mit nutellaverschmierten Dreikäsehochs ebenso gehört wie der Kirchenchor mit den Damen, die die Töne im Sopran nicht mehr schaffen, und die Predigt, die mal packt, mal unterfordert.
Eine Kirche, die mit ihren dunklen Seiten ringt, mit Missbrauch von Kindern, mit Missmanagement von Geld. Eine Kirche, die Menschen eine Heimat gibt, auch wenn es oft eine fremde Heimat bleibt, eine Kirche, die sich zur Anwältin derer macht, die wie in den Gleichnissen Jesu an den Rändern sind, die sich nicht mehr regen können. Matusseks meinungsstarkes Buch über die eigene Konfession und die Macht des christlichen Glaubens in der Gegenwart bleibt da ganz im „Spiegel“-Sound, wo es einen weiten Bogen um theologische Nachdenklichkeit macht und die eigene Konfession zur persönlichen Geschmackssache erklärt. Auch seine Sehnsucht nach der guten alten Zeit ist so letztlich nichts anderes als das, was amerikanische Soziologen mit „invented tradition“ bezeichnen, mit der Erfindung von ungebrochenen Traditionen, die es historisch so nie gegeben hat.
Das hat seine Berechtigung. Auch offene Gesellschaften brauchen verlässliche Herkunft, damit Zukunft denkbar wird. Doch mit der Erfindung einer nachkonziliar-vorkonziliaren Kirche, die als Fremdes ergreift und so fremd bleibt, dass sie eher wie ein Bunker als wie eine Kathedrale in die Welt ragt, gesellt sich Matussek zur auserwählten Schar der Feuilletonkatholiken, die sich von der Masse der Alltagsfrommen abhebt und antiprotestantische Ressentiments pflegt, anstatt sich mit den Theologien beider Konfessionen auseinanderzusetzen. Auch das ist ein altes Spiel deutscher Geisteseliten.





