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Sinnsuche

Ich muss weg von hier

Aus: Christ & Welt Ausgabe 03/2012

Aus Liebe zu einem frommen Juden wäre die Christ & Welt-Volontärin Anna Papathanasiou fast zum Judentum übergetreten. Zuerst war sie fasziniert von den klaren Regeln, dann wollte sie ihre Selbstbestimmung zurück.

© Nathan Benn/Corbis

Ganz hinten in meinem Schrank hängen noch die „Schabbes-Schmattes“, lange Röcke, hochgeschlossene Blusen. Ein Kleid, vom Hals bis zu den Fesseln in dezentem Dunkelgrau. Kleidung, die ich früher einmal in der Synagoge getragen habe, weil Jeans und T-Shirt nicht mit den jüdisch-orthodoxen Vorstellungen einer sittsamen Frau zu vereinbaren sind. Ich habe die Kleider lange nicht mehr angezogen. Sie passen nicht zu mir.

Als ich das erste Mal einen jüdischen Gottesdienst besuchte, war ich 22 Jahre alt und studierte Jüdische Geschichte. Außerdem war ich verliebt in einen frommen Juden. Er war mein Dozent an der Uni. Er kannte, glaubte, lebte jede Silbe der Thora und war doch kein Fanatiker. Er war klug, bescheiden, still. Er gab mir Ruhe. An seiner Seite passierte ich die strengen Sicherheitskontrollen am Eingang zur Synagoge. „Sie gehört zu mir“, sagte er auf Hebräisch. Da lächelten die Wachmänner.

Plötzlich stand ich allein vor der Treppe zur Frauengalerie. Mein Begleiter war ohne Erklärung im Gebetsraum verschwunden. Ich folgte den anderen Frauen auf die Empore. Eine drückte mir einen „Siddur“, ein hebräisches Gebetbuch, in die Hand, sagte aber nichts, sondern vertiefte sich ins Gebet. Ihre Lippen bewegten sich stumm. Ihr Haar hatte sie unter einem langen Kopftuch versteckt. Unter uns, in der Synagoge, erhob der Kantor seine Stimme zu einem klagenden Gesang, während die Männer rhythmisch mit ihren Oberkörpern wippten. Ab und zu konnte ich gemurmelte Gebetsfetzen hören.

Alles war fremd und aufregend. Ich hatte das Gefühl, Gast in einer Welt zu sein, zu der nur eine sehr kleine Minderheit Zutritt hat. Als mein Begleiter und ich nach dem Gottesdienst auf die Straße traten, war es dunkel. Schabbat, der Ruhe- und Feiertag der Juden, hatte begonnen. 24 Stunden lang darf man als Jude weder Geld ausgeben noch Dinge tragen, nicht mit dem Auto oder Bus fahren, sogar kochen, fernsehen und Radio hören sind verboten. Wir setzten uns auf eine Bank und redeten. Ich stellte Fragen, er antwortete und ich hörte staunend zu. Sein Wissen schien mir unendlich.

Bei unserem zweiten Treffen fragte er mich: „Willst du mich heiraten?“ Dafür müsste ich zum Judentum konvertieren. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also sagte ich ihm, dass ich darüber nachdenken müsse. Das tat ich auch. Jüdin zu werden würde bedeuten, in ein uraltes Geheimnis eingeweiht zu werden. Ich stellte mir vor, was mein Vater, der katholische Theologieprofessor, wohl dazu sagen würde: Und was ist mit Jesus?

Eine Szene aus dem Kommunionunterricht fiel mir ein: Als Neunjährige fragte ich den Religionslehrer, ob es wohl möglich wäre, an Gott zu glauben, aber nicht an Jesus. Es fiel mir schwer, all die Wundergeschichten und auch die Auferstehung für wahr zu halten. Ohne Jesus würde mir nichts fehlen, dachte ich damals. Doch mein Lehrer sagte: „Dann kannst du ja gleich Jüdin werden.“ In dem Moment, als ich den Heiratsantrag bekam, erschien mir dieser Satz wie meine wahre Bestimmung. Ich sagte Ja.

Mutters Misstrauen
Von da an stand ich jeden Freitagabend und jeden Samstagvormittag mit den anderen Frauen auf der Galerie und betete. Keine redete mit mir, denn ich war eine Außenseiterin. Wenn ich den Rabbiner ansah, wich sein Blick dem meinen aus. Das sollte sich die nächsten Jahre auch nicht ändern. Eine andere Übertrittskandidatin gab mir schließlich den Rat: „Binde dein Haar zusammen, auch wenn du noch nicht verheiratet bist. Sing nicht laut, lerne, koscher zu kochen, präge dir die Segenssprüche für das Entzünden der Schabbatkerzen ein.“ Ich lernte und lernte.

Meine Garderobe veränderte sich. Als ich einmal meine Eltern besuchte, war meine Mutter entsetzt. Sie kämpfte seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, sang in der Kirche immer besonders laut „schwesterlich“, wo eigentlich „brüderlich“ stand, trug kurze Haare und knallbunte Strumpfhosen unter kurzen Röcken. Sie verstand nicht, warum ihre Tochter in der Blüte ihrer Jahre ihren Körper unter formloser Kleidung versteckte und sich freiwillig den Regeln einer Religion unterwarf, die Frauen offensichtlich unterdrückte. Ich erklärte ihr, was ich gelernt hatte: Aufgabe der Frau ist es, den Kern des jüdischen Lebens zusammenzuhalten, und das sind Haus und Familie. Doch von diesen Verpflichtungen abgesehen hat sie auch Rechte, sagte ich ihr. Jüdische Frauen sind in manchem freier als Christinnen. Sie können jederzeit sowohl ihr Recht auf Kleidung und Wohnung als auch auf sexuelle Erfüllung einklagen. Im Gegensatz zur katholischen Morallehre erschien mir das sehr fortschrittlich und emanzipiert. Aber meine Mutter betrachtete mein Treiben weiterhin mit Misstrauen und Unbehagen.

Auch meine Freunde wollten wissen, in welche Sekte ich da eigentlich geraten war. Wenn sie am Freitagabend ausgingen, saß ich mit den jüdischen Studenten im Gemeindesaal der Synagoge, aß und sang mit ihnen. Alles natürlich mit der gebotenen Zurückhaltung, der „Zniut“, Sittsamkeit, die von mir erwartet wurde.

Ein beliebtes Schabbatlied heißt „Lied der tüchtigen Frau“. „Wer findet eine tüchtige Frau?“, heißt es da. „Das Herz ihres Mannes vertraut ihr, an Gewinn fehlt es ihm nicht. Sie erweist ihm Gutes, nie Schlechtes, alle Tage ihres Lebens. Noch in der Nacht steht sie auf, gibt Speise ihrem Haus.“ Der Text war mir so fremd, dass ich die geforderte Hingabe nicht immer aufbringen konnte. Immerhin sagte ich mir, dass diese Zeilen aus der Bibel stammen, aus den Sprüchen, Kapitel 31. Also konnten sich Christen wie meine Mutter schlecht davon distanzieren. Während ich dem Rabbiner lauschte, wie er den Studenten den Wochenabschnitt der Thora auslegte, trafen sich meine Freunde, um Partys zu feiern. Ich wusste, sie würden viel Alkohol trinken, albern werden, tanzen gehen, flirten. Mir war das verboten. Doch anstatt sie zu beneiden, sagte ich mir, dass diese Art der Freizeitbeschäftigung oberflächlich und schädlich sei. Das, was sie als Spaß bezeichneten, macht „leere Augen“, wie mein Verlobter immer sagte. Weil Gott in ihrem Leben fehlt, fehlt ihnen selbst der Glanz.

Ich hörte auf, Feste zu feiern, die ich mein Leben lang gefeiert hatte. Weihnachten, Ostern, Karneval, Silvester – alles christliche Feste. Die Christen aber, so predigte der Rabbiner, wollen die Juden nur bekehren. Außerdem bezichtigten sie „uns“, die Juden, des Gottesmordes. Besser, man hielt sich von ihnen fern.

Auf der richtigen Seite
Einmal wartete ich nach dem Gottesdienst auf meinen Verlobten. Es war ein heißer Sommertag und die Ärmel meiner Bluse reichten nur bis zum Ellenbogen. Da stellte sich eine Frau vor mich hin und sagte so, dass die ganze Gemeinde es hören konnte: „Unmöglich, wie Sie herumlaufen. Sie sind hier Gast, also benehmen Sie sich auch so.“ Ein paar Tage später beugte sich die Frau des Rabbiners während des Gebets zu mir und flüsterte: „Sie müssen das verstehen. Sie sind zu auffällig. Haben Sie sich schon mal überlegt, Ihre blonden Haare dunkel zu färben?“ Sie selbst trug einen „Schaitl“, eine Perücke. Dies war einer jener seltenen Momente, in denen ich zweifelte. Nicht an der jüdischen Religion, aber an meinem Vorhaben. Wollte ich wirklich eine Jüdin sein?

Regeln prägten meinen Alltag, auf alle Fragen, die man nur haben konnte, gab es eine Antwort. Das machte das Leben einfach und überschaubar. Die Juden kennen einen Gott, der ewig und einzig ist. Als Christin musste ich mich dauernd mit der Dreifaltigkeit herumschlagen. Bis heute habe ich dieses Phänomen nicht vollständig begriffen. Auch erkannte ich in den jüdischen Gesetzen eine Konsequenz, die ich im Christentum immer vermisst hatte. Wie sollte man zum Beispiel die Zehn Gebote hochhalten, ohne den siebten Tag als Ruhetag zu ehren? Juden taten das, weil es geschrieben stand. Punkt. Die Christen hatten in diese alte Ordnung eingegriffen und feierten den ersten Tag. Als würde Gottes Wort nichts gelten. Ich fand das anmaßend. Ich war froh, auf der richtigen Seite zu stehen, auf der jüdischen. Doch ich fragte mich: Reicht das? Würde ich an meinem Ziel auch dann festhalten, wenn es den Mann nicht gäbe? Konnte ich wirklich als Jüdin leben und meine Kinder in diesem Glauben erziehen?

Ein Jahr verging. Ich fühlte mich sicherer. Die Frauen auf der Empore sprachen jetzt sogar hin und wieder mit mir. Oft ging es um Alltagsfragen: Muss man nach aschkenasischem Brauch Hülsenfrüchte vor Pessach vernichten? Und was ist mit Shampoo, da ist Weizenkleie drin? Koscher oder nicht? Ich beeindruckte meine Umgebung mit Spezialwissen: Ja!

Doch obwohl ich mehr und mehr anzukommen begann, sehnte ich mich nach meinem alten Leben. Der Rabbiner sah mich immer noch nicht an. Er sprach auch nicht mit mir. Ich war Luft für ihn. Was sollte ich jetzt noch tun? Wie hätte ich noch jüdischer werden können? Für meinen Verlobten und mich rückte die Hochzeit in immer weitere Ferne. Im Spätsommer nahm er mich mit nach Israel. Er zeigte mir sein Land, stellte mich seiner Familie vor: Sein Vater aß gerne Würstchen mit Schweinefleisch, seine Brüder waren beide homosexuell.

Da erkannte ich, dass nicht alle Juden sich streng an die 613 Gesetze ihrer Religion halten. Viele Wahrheiten, die in der jüdischen Gemeinde in Deutschland in Stein gemeißelt schienen, bröckelten hier, im Heiligen Land. Selbst an hohen Feiertagen ging es in den Synagogen chaotisch zu. Frauen schminkten sich, trugen bunte Kleidung und redeten laut miteinander über die Farbe ihrer Fingernägel oder das Wetter. Es waren echte jüdische Frauen, und sie scherten sich nicht um „Zniut“.

Wo waren die mahnenden Rabbinerworte? Ich vermisste sie nicht, aber was ich sah, verwirrte mich. Zurück im deutschen Herbst, erkannte ich, dass ich dieses Leben nicht führen wollte. Ich konnte es nicht. Mein Verlobter spürte, wie ich mich immer mehr von ihm und dem Judentum entfernte, das er mir gezeigt hatte. Zwischen uns schien nun eine Welt zu liegen. Er suchte Trost in der Synagoge, vergrub sich in seinen dicken alten Büchern und ließ sich einen langen Bart stehen. Eines Morgens erwachte ich, und da wusste ich es: Ich muss weg von hier. Nie würde ich Teil der jüdischen Gemeinschaft sein können. Nie war ich wirklich willkommen. Ich kehrte zurück in das Leben einer normalen 25-Jährigen. Die Schabbes-Schmattes vergaß ich ganz hinten im Schrank.

Erschienen in:
Ausgabe 03/2012
Redakteur:
Anna Papathanasiou (Volontärin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Judentum, Lebensstil