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Cees Nooteboom

„Ich möchte etwas retten“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

Hollands bekanntester Schriftsteller wurde von Ordensbrüdern erzogen. Die Mönche lehrten ihn Hegel. Heute ist er Atheist.

Christ & Welt: Herr Nooteboom, als Kind besuchten Sie  mehrere katholische Internate. Hat Sie das geprägt?
Cees Nooteboom: Ich wurde von meinen Eltern zunächst gar nicht katholisch erzogen. Erst nachdem mein Vater im Krieg in einem englischen Bombenangriff ums Leben kam und meine Mutter einen erzkatholischen Mann heiratete, bin ich bei Franziskanern und Augustinern in die Klosterschule gegangen. Dramatische Konflikte habe ich dort nicht erlebt. Allein mir fehlte der Glaube. Aber ich fand trotzdem die Liturgie und die Rituale sehr schön. Auch heute noch.

C & W: Lassen sich Glaube und religiöse Kultur überhaupt voneinander trennen?
Nooteboom: Ja, durchaus. Ich bedaure sehr, dass die religiöse Bildsprache, die man kennen sollte, um etwa ein Gemälde von Rembrandt zu verstehen, immer mehr verloren geht. Das ist eine Bildungs-, keine Glaubensfrage. Auch wenn man nicht katholisch oder protestantisch ist, kann der Belesene begreifen, was auf den alten Bildern zu sehen ist, so wie man die griechische Mythologie verstehen kann, ohne Hellene zu sein. Wer allerdings nicht kulturell gebildet wurde, steht später voller Unkenntnis vor den Werken und kann deren tiefere Dimension gar nicht erfassen. Er sieht dann zwar etwas Schönes, weiß aber nicht mehr, was es beispielsweise mit Hektor oder Ajax auf sich hat oder mit mit Samson und Delila. Ein großes Stück Kulturgut wurde dann leider verpasst.

C & W: Ist die kulturelle Wissensvermittlung Ihr Impuls, warum Sie zum Romanautor und Reiseschriftsteller wurden?
Nooteboom: Ich hege keine missionarischen Ambitionen. Mich leitet mein eigenes kulturelles Interesse, das ich im besten Fall mit meinem Leser teile. In meinem Buch „Der Umweg nach San­tiago“ schreibe ich über meine persönliche kleine Welt in Spanien, das ich sehr liebe. Was daraus der Leser zieht, kann ich nicht ermessen. Das Werk ist jetzt auch ins Chinesische übersetzt worden. Was haben die Chinesen mit unserer abendländischen Kultur zu schaffen? Trotzdem lesen sie es. In meinen Reiseerzählungen berichte ich darüber, wie ich die Kultur sehe. Natürlich ist meine Sichtweise von der Art geprägt, wie ich in den Gymnasien der Ordensbrüder geschult wurde. Meine Lehrer dort haben mich nämlich gar nicht so sehr katholisch erzogen, sondern mich vielmehr auch Ovid und Homer lesen lassen. Der gesamte abendländische Kanon wurde mir dort
vermittelt. Aus diesem geistigen Fundus schöpfe ich, wenn ich heute Phänomene beschreibe, die mir auf meinen Reisen
begegnen.

C & W: Liegt in der Globalisierung nicht gerade eine Chance, kulturelles Wissen zu vernetzen und es  der ganzen Welt zugänglich zu machen?
Nooteboom: Ich wache ja nicht morgens auf und frage mich als Erstes, was die Globalisierung den Japanern bringt. Ich habe Japaner gesehen in der Kathedrale von Sevilla, die schauen genauso, wie ich schaue, wenn ich in Japan in einem buddhistischen Tempel bin. Ich denke: Mein Gott, was bedeutet das alles hier? Welcher Gott ist das? Wir Europäer denken zum Beispiel gern, bei den Buddhisten gibt es keine Götter. Aber es gibt sie! Natürlich würden die Kulturen ohne die Globalisierung nicht so direkt zueinander in Beziehung treten. Womöglich würden wir uns sogar weniger für fremde Kulturen interessieren. Aber der Preis dafür ist hoch.

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität, Kultur