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Alois Glück

„Ich empfinde es als befreiend“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2013

Warum Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, das Enneagramm nutzt

Christ&Welt: Der Päpstliche Rat für Interreligiösen Dialog warnt vor der Benutzung des Enneagramms. Was halten Sie als Präsident des Zentralkomitees der Katholiken davon?
Alois Glück: Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass es für meine persönliche Entwicklung und geistliches Leben ein außerordentlich fruchtbarer Impuls war und ist: Ich habe gelernt, mich selbst und andere besser zu verstehen, ohne ihr Anderssein moralisch zu bewerten. Das hat die Zusammenarbeit oft sehr erleichtert, deshalb kann ich die Warnung nicht nachvollziehen.

C&W: Wie sind Sie mit dem Enneagramm in Kontakt gekommen?
Glück: Ein Freund hat mir vor mehr als 20 Jahren das Buch von Richard Rohr und Andreas Ebert geschickt. Das hat mich zunehmend fasziniert, ich habe auch andere Literatur dazu durchgearbeitet.

C&W: Waren Sie gar nicht skeptisch?
Glück: Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und eigentlich ständig auf der Suche. Deshalb hatte ich keine Schwierigkeiten, einen Zugang zu finden. Gleichzeitig weiß ich natürlich auch, dass man sich hüten muss, Menschen anhand dieser Strukturen in Schubladen zu stecken – nach dem Motto: Ach ja, das ist ein Dreier oder das ist ein Sechser. Das würde das Hinhören und Offensein für andere Menschen gewissermaßen wieder verschütten. Deshalb liegt in einer zu schematischen Anwendung der Methode bestimmt eine Gefahr, wenn auch keine religiös spezifische. Kein Mensch gehört in nur eine Kategorie, aber es gibt dominante Prägungen. Das Enneagramm ist eine Hilfestellung zur eigenen Reflexion, kein Zaubermittel, um andere zu manipulieren. Missbräuchlich kann man gewissermaßen alles verwenden.

C&W: Wenn es ein praktisches Hilfsmittel ist – inwieweit hat das Enneagramm dann mit Ihrer Spiritualität zu tun?
Glück: Es hat mir zum Beispiel vermittelt, dass wir nicht alle gleichermaßen geeignet sind für bestimmte Formen des Gebets oder der Meditation und es so viele Wege zu Gott gibt wie Menschen. Ich empfinde das als befreiend für mich und die Vielfalt der Kirche – eine Einsicht, die wir gegenwärtig ganz besonders brauchen. Es gibt ja immer wieder die Tendenzen, andere Formen der Frömmigkeit und des Glaubens auszugrenzen.

C&W: Inwieweit sollte sich die katholische Kirche allgemein überkonfessionellen Formen der Selbsterforschung und Spiritualität mehr öffnen?
Glück: Es gibt in der Tradition unserer Kirche einen großen Reichtum spiritueller Formen. Gerade die Meditation ist in den letzten Jahrzehnten ja immer stärker entdeckt worden, auch durch Impulse, die zunächst aus östlichen Religionen kamen. Alle diese Wege können uns helfen, die Grundwahrheiten unseres Glaubens, Tod und Auferstehung Jesu Christi, Jesus als personale Mitteilung Gottes an uns, besser zu verstehen.

C&W: Gibt es gar keine Grenze?
Glück: Egal, ob die Methode aus dem christlichen Schatz oder einer östlichen Ideologie stammt: Wenn man sie zum Selbstzweck macht und eine neue Gesamtideologie entsteht, ist das immer schädlich. Aber das muss man ja nicht zwangsläufig tun. Deshalb braucht man auch nicht immer so ängstlich sein, wenn Suchende Impulse aus anderen Religionen aufnehmen, sofern sie ihnen helfen, den Kern des katholischen Glaubens und die persönliche Gottesbeziehung zu erschließen.

C&W: Setzen Sie das Enneagramm bewusst in Ihrer Arbeit ein?
Glück: Es ist Teil meines Denkens und meiner Erfahrungen geworden, aber ohne dass ich jetzt ständig daran denke, dadurch eine neue Methode, Lehre oder Managementsystem für mich entwickelt zu haben.

C&W: Reden Sie mit Ihren Kollegen darüber?
Glück: Wenn es sich aus dem Gespräch heraus ergibt, erzähle ich, dass ich das Enneagramm sehr schätze. Aber ich bin weder als Wanderprediger unterwegs, noch ist das Enneagramm ein Tabuthema für mich. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob es mein Außenbild verschlechtert, wenn ich darüber rede. Das interessiert mich auch gar nicht, und ich sehe im Enneagramm auch kein Risiko dafür. Meine persönlichen Erfahrungen sind mir in diesem Fall wichtiger als offizielle Lehrmeinungen.

C&W: Was meinen Sie, welcher Typ Sie sind?
Glück: Bei mir ist die primäre Prägung Typ eins. Aber das ist wertfrei, geradeso gut könnte es jeder andere Typ mit Chancen, Potenzialen und Gefährdungen sein. Es ist mir nur wichtig, mich damit besser zu verstehen, entwickeln zu können und an mir zu arbeiten.

C&W: Worin zeigt sich Ihr Typ in Ihrer Arbeit?
Glück: Mit den Stärken sind ja gleichzeitig immer Gefährdungen verbunden, beim Einser – Merkmal „ Reformer“ – etwa der Hang zur ständigen Verbesserung, immer engagiert zu sein, Perfektionismus. Eigentlich stecke ich in ständiger Spannung. Da ist es wichtig, auch den Gegenpol zu pflegen – eine engagierte Gelassenheit als Ziel einer reifen Lebenshaltung, auch wenn mir das nicht immer gelingt.

C&W: In welchen Situationen passiert das?
Glück: Mein Gott, das kann ich jetzt nicht sagen, konkrete Situationen?…

C&W: Wie ist das, wenn Sie ein Positionspapier erarbeiten sollen?
Glück: Wenn ich ungeduldig bin und es zu wenig vorwärts geht in Sitzungen – wenn ich mich dann aufs Enneagramm besinne, fällt es mir manchmal leichter, die Situation zu verstehen und meine Ungeduld einzufangen. Aber ich habe da jetzt keine Beruhigungsformeln, die ich für mich sage.

C&W: Erfordern Debatten in der Kirche einen anderen Führungsstil als in der Politik?
Glück: Nein, die Bereitschaft zu führen, Offenheit und Respekt sind in jedem Lebensbereich gleichermaßen wichtig. Sie müssten im kirchlichen Bereich eigentlich noch beispielhafter zu Hause sein als in anderen Lebensbereichen. Das ist aber nicht der Fall.

C&W: Welchen Kollegen würden Sie dann gern sagen: „Verharr doch nicht immer in deiner Position. Lies mal ein Enneagramm-Buch, entwickle dich weiter“?
Glück: Ich bin überzeugt, dass es vielen helfen könnte, aber ich bin kein Enneagramm-Missionar oder Volkserzieher. Solche Gedanken habe ich nicht. Durch meine Arbeit in der Politik habe ich jahrzehntelang gelernt, in Spannungsfeldern zu leben. Die Kirche muss keine Harmonieveranstaltung sein, aber eine gute Gesprächs- und Streitkultur ist notwendig. Die Auseinandersetzung über den richtigen Weg gehört zur Kirche von Anfang an dazu. Sie bedeutet für mich die Auseinandersetzung mit dem Wirken des Heiligen Geistes, die Förderung innerer Lebendigkeit, um immer wieder neue Wege für die Botschaft zu finden.

Das Gespräch führte Gabriele Meister.

Erschienen in:
Ausgabe 01/2013
Redakteur:
Gabriele Meister (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Spiritualität, Kirchen, Lebensstil