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Amt und Bürden

Ich bin dann mal weg

Aus: Christ & Welt Ausgabe 08/2013

Benedikt XVI. wird sein Amt Ende dieses Monats niederlegen. Rein kirchenrechtlich geht das in Ordnung. Christiane Florin sagt ja, Raoul Löbbert widerspricht

Anan Sesa/Imago

Aber darf ein Papst so einfach zurücktreten? Wo alle loben, habt Bedenken, wo alle spotten, spottet nicht“, heißt es in einem Text des dichtenden katholischen Theologen Lothar Zenetti. Papst Benedikt erntete für sein Pontifikat gerade in Deutschland Kritik und Spott, nach seiner Rücktrittsankündigung kann er sich vor Lob kaum retten. Respekt zollen ihm alle: Hans Küng und die Piusbrüder, Angela Merkel und Peer Steinbrück stimmen das Hohelied auf Benedikts eigensinnigen Schritt an. Vertreter der evangelischen Kirche würdigen die Entscheidung, der Zentralrat der Juden und muslimische Verbände danken ihm. Sogar Kirchenhasser werden milde, gratulieren online zur „hervorragenden Selbsteinschätzung“ und wünschen dem betagten Herrn einen schönen Lebensabend.
„Habt Bedenken!“, mahnt der Liederdichter, der gut ein Jahr älter ist als der Papst. Kann etwas richtig sein, was alle erst mal richtig finden? Benedikt XVI. hat in seiner Amtszeit das Wort „ich“ in Reden eher selten gebraucht. Die Individualisierungstendenzen in den Wohlstandsgesellschaften sah er mit Skepsis, Egoismus geißelte er gern. Wer ihm zuhörte, kann sich kaum vorstellen, dass er den Individualisten-Satz „Du, ich brauch jetzt einfach mal Zeit für mich“, goutiert hätte.

Seine Rücktrittserklärung ist einer der wenigen Momente, in denen er in der ersten Person Singular spricht. Die Ich-Dichte in dem kurzen Text hoch. Er sagte vor den Kardinälen nichts anderes als: Ich schaff’s nicht mehr. Ich brauche jetzt endlich mehr Zeit für mich. Und für Gott. Lasst mich in Ruhe. In ein Kloster will er sich zurückziehen. Wie ein ausgebrannter Topmanager, der reif für eine Auszeit in der Mönchszelle, ist klingt das. So menschlich, so zeitgeistig.
Der Vorgänger, Johannes Paul II., hat die Welt an seinem langen Leiden und am Ende an seinem Siechtum teilhaben lassen. Auch er wurde zunächst in Deutschland als konservativer Hardliner wegen seiner Haltung zu Pille und Präservativen kritisiert. Erst als er nichts mehr zur Lebensführung sagen konnte, sondern öffentlich starb, drehte sich die Meinung. Dann bekam er viel Anerkennung. Der Tod gehöre zum Leben, hieß es damals; nicht nur das Perfekte und Gesunde verdiene es, von den Kameras erfasst zu werden, erst recht nicht in der Kirche. Der Papst wurde zur Passionsprojektion.
Spätestens am letzten Karfreitag mit Johannes Paul II. aber fühlte man sich wie in der Kreuzwegsverfilmung von Mel Gibson: als Voyeur, als Publikum einer Schmierentragödie. Die Feuilletons waren davon verzückt, aber wer je einen Sterbenden begleitet hat, fragte sich: Muss die Nachfolge Christi wirklich so weit gehen?
Joseph Ratzinger hat am Montag eine eindeutige Antwort gegeben: Nein, das kann niemand vom Stellvertreter Christi verlangen. Weil er ein Theologe von Weltrang ist, hat er trotz des expliziten „Ich“ nicht nur für sich allein gesprochen, sondern auch für diejenigen, die ihm nachfolgen mögen. Er ist sich selbst treu geblieben und hat damit das Amt verändert. Er klebt nicht am Heiligen Stuhl, er gab nicht ein Rücktrittsforderung nach, sondern geht aus freien Stücken. Er nimmt die Entweltlichung persönlich, indem er sein Leben dem Gebet und der Meditation widmen will.
Das ist die erste, freundliche Lesart des Abschieds. Die zweite, unfreundliche: Er macht sich aus dem Staub. Die katholische Kirche in Deutschland stolpert von einer Krise in die nächste, mancher Bischof hätte sich vom Landsmann in Rom ein ermutigendes Wort gewünscht und nicht ein fünfseitiges Papier über die Wandlung der Wandlungsworte von „alle“ zu „viele“. Manche ärgerten sich heimlich darüber, dass sie um einen Termin in Rom betteln mussten, während der Amtsbruder auf kurzem Dienstweg ins Allerheiligste vorgelassen wurde. Der Papst hat Bischöfe wie Laien spüren lassen, dass Deutschland der Nabel der Geld-, aber nicht der Weltkirche ist.
Mit seinem Sinn für die reine Lehre hat Benedikt XVI. vor allem Ästheten begeistert, die sich nicht die Hände beim Waffelbacken fürs Pfarrfest schmutzig machen. Die in den Gemeinden engagierten Katholiken haben ihn weder bekämpft noch verehrt, sie haben ihn in Kauf genommen. Glaubt man der Sinus-Milieu-Studie, bleiben viele Kirchenferne nur noch deshalb Mitglied, weil sie nicht ohne eine Beerdigung mit priesterlichem Beistand auf die letzte Reise gehen wollen.
Nun hat ausgerechnet dieser Papst das getan, was sich viele brave Gläubige versagen: Er schmeißt hin. Katholisch wird Joseph Ratzinger bleiben, zur Amts- und Hofschranzenkirche geht er auf Distanz. Seine Gestik ist nicht die eines tatkräftigen Pilgers vor dem Aufbruch zum Jakobsweg. Sein „Ich bin dann mal weg“ heißt auch: Ich habe dann mal aufgegeben.
Wenn die pietätvollen Hymnen verklungen sind, wird eine dritte Lesart des Rücktritts deutlich: Ich mache den Weg frei! An mir sollt ihr euch nicht mehr abarbeiten können, die letzten 32 Jahre in Rom waren genug. In der katholischen Kirche in Deutschland keimt inmitten des geheuchelten Lobs auch so etwas wie ehrlicher Dank auf: Die Zeit der Einflüsterer könnte vorbei sein, selbst ernannte Lebensschützer und Anti-Porno-Streiter werden den deutschen Episkopat nicht mehr vor sich hertreiben können, Präfekt Müller hin, Kardinal Brandmüller her. Der Rücktritt hat verzweifelte Grandezza. Ein Buch ist Joseph Ratzinger uns Klein-Klein-Katholiken noch schuldig: „Ich war Papst. Die ganze Wahrheit“.

Erschienen in:
Ausgabe 08/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
keine