Das Wesentliche: Bestattungskultur
Holt euch den Tod zurück!
Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2011
Was ist eine würdige Beerdigung? Der Bestatter Fritz Roth über die Fähigkeit zu trauern.

Gerade haben die deutschen Bischöfe ein Papier zur Bestattungskultur veröffentlicht: „Der Herr vollende an Dir, was er in der Taufe begonnen hat“. Das ist an sich begrüßenswert. Doch die katholische Kirche täte besser daran, ihre trauernden Gemeindemitglieder einfach nur einzuladen, ohne Wenn und Aber, sich persönlich mit der Natürlichkeit des Todes auseinanderzusetzen.
Der Tod wurde uns entzogen, und wir haben ihn uns entziehen lassen: Wir haben seine Existenz allzu bereitwillig in virtuelle Welten oder Expertenhände abgegeben und ihn aus dem Lebensalltag verbannt. Dazu hat auch die Kirche beigetragen. Es ist zwar löblich, öffentlich zu verkünden, dem Tod die ihm zustehende Würde zu geben, den Toten wieder in die Kirche zu holen. Doch in der Praxis müssen die Trauernden gerade dafür viel Energie aufwenden. „Auch wenn das kirchliche Begräbnis zuerst ein Dienst an den Verstorbenen ist, so ist es doch zugleich auch ein Dienst an den Trauernden. Die Kirche begleitet mit ihrer Liturgie die Angehörigen, die vor allen anderen die Aufgabe haben, den Leib der Verstorbenen zu begraben“, heißt es in dem Papier. „In einer menschlich häufig nur schwer zu ertragenden Situation vermögen die Feier der Liturgie, die anwesende Gemeinde und das rituelle Handeln der Kirche den Trauernden Halt zu geben.“ Ebendiese halt?suchenden Trauernden scheitern nicht selten am Nein von Küster, Pfarrer oder Pfarrgemeinderat. Besonders mit Urnenbeisetzungen tun sich einige Pfarrer sehr schwer.
Es ist sinnvoll, heilsam und sehr wichtig, den Wert von Gemeinschaft hervorzuheben, doch bleibt ein Beigeschmack, wenn für die persönliche Auferstehungsmesse kein Termin mehr angeboten wird, es sei denn für mehrere Verstorbene zusammen. Es ist gut, Nähe und Beistand zu vermitteln. Aber oft antwortet im Fall der Fälle dem Hilfesuchenden nur der Anrufbeantworter im Pfarrhaus.
Christus selber hat uns die besten aller Gedanken zu den Herausforderungen einer lebendigen Bestattungskultur in der Emmaus-Geschichte vorgelebt. Wie einfach wäre es für ihn gewesen, die trauernden Jünger aufzuklären, sie seine Ansichten zu Leben und Tod zu lehren und sie dann anschließend zurück nach Jerusalem zu schicken. Doch Christus hat sie ausgehalten, sich mit ihnen auf den Weg gemacht, sich von ihren Klagen und Zweifeln berühren lassen, sie nicht belehrt, sondern zugehört. Und in den dunklen Stunden nicht allein gelassen.
So konnten ihnen die Augen aufgehen. Und das waren nicht die Augen des Verstandes, sondern des Herzens. Und diese Herzensaugen eröffnen Trauernden gerade in der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Tod die Chance, über diese Grenze des Lebens zu schauen und vielleicht zu entdecken, dass Tod niemals Tod ist, dass das, was einen jeden Menschen beseelt, niemals in einem Sarg oder einer Urne liegt, sondern, wie Dietrich Bonhoeffer es so mutmachend sagt, „mit uns ist, am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“. Derartige Erfahrungen spüren wir besonders, wenn der Tod in eine sehr nahe Beziehung tritt. In solchen Augenblicken erfassen wir die Quintessenz des Hoheliedes der Liebe: „aber die Liebe höret nimmer auf“. Die Liebe hört auch nicht auf, wir nennen sie nur in dieser Situation anders: Trauer.
Das Papier der katholischen Bischöfe plädiert unter Berufung auf den Codex Iuris Canonici von 1983 für die Erdbestattung. Ein kirchlicher Friedhof gilt ihnen als die beste Ruhestätte, kein Friedwald, kein privater Friedhof. Doch Liebe braucht keine Vorschriften, wo, wie und wann sie auszudrücken ist. Liebe verlangt Lebensräume, Zeit und eigenbestimmtes verantwortliches Handeln. Liebe schaut nicht in Gesetzbücher. Liebe öffnet die Herzensbibliothek, deren Weisheiten wir in der heutigen Zeit mehr denn je benötigen.





