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Elite in Deutschland

Hohes C, tiefer Sinn

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2012

Die EKD-Frau Katrin Göring-Eckardt wird Spitzenkandidatin der Grünen. Ihre Karriere zeigt: Die Zeit der Volkskirche mag vorbei sein, aber unter Volksvertretern ist Kirchennähe zeitgemäß

Was einst der Opernabend war, ist nun der Gottesdienstbesuch: Er markiert einen feinen Unterschied. Religiöses Engagement ist interessant geworden für alle, die schon auf Erden weit nach oben wollen. Es ist noch gar nicht so lange her, da diskutierte die Republik über die Entchristlichung ihrer politischen Elite: Gerhard Schröder verzichtete 1998 beim Amtseid auf die Formel „So wahr mir Gott helfe“. Brioni statt Bibel, Havanna statt Hosianna.

Vierzehn Jahre später hat das Land einen Pfarrer als Bundespräsidenten, eine Pfarrerstochter als Kanzlerin, einen SPD-Herausforderer, der wieder in die evangelische Kirche eingetreten ist, eine grüne Spitzenkandidatin, die der EKD-Synode vorsitzt, und einen Verteidigungsminister, der im Kirchentagspräsidium mitmischt. Die Ministerpräsidentin von Thüringen hat eine Pastorinnen-Vergangenheit, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen war keine Geistliche, aber immerhin hat sie sich kürzlich von einem protestantischen Pastor trauen lassen. Der Chef der CDU-Bundestagsfraktion ist glühender evangelischer Christ.

Der Katholizismus steht selten unter Kompromissverdacht, die Konfession „ZdK-katholisch“ schon. Dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken sind der Bundestagsvizepräsident, die Bundesbildungsministerin, der Wirtschaftsminister und der Ministerpräsident von Baden-Württemberg eng verbunden. Der Bundestagspräsident initiiert hartnäckig Reformpapiere für die Una Sancta. Die Generalsekretärin der SPD hat ein Buch über ihren in der Eifel geerdeten Glauben geschrieben. Die Ministerpräsidentin des Saarlandes wird bei Wikipedia als Kind aus tief katholischem Hause geführt.

Die Zeit der Volkskirche mag vorbei sein, unter Volksvertretern ist Kirchennähe zeitgemäß. Im Hausaltar der bürgerlichen Mitte fehlt inzwischen das Kreuz, im gehobenen Bürgertum aber sind Tischgebet und konfessionelle Schule schick. Diejenigen, die in den Achtzigern irgendwas mit Medien werden wollten, halten es nun für wichtig, dass ihre Kinder irgendwas mit Werten kennenlernen. Sie kaufen ihren Kleinen keine Schoko-Weihnachtsmänner, sondern St. Nikolaus mit Bischofsstab und Mitra aus fair gehandelten Bio-Kakaobohnen. Wer gut isst, darf sich für etwas Besseres halten.

Bisher galten Kulturtempel als Moralanstalten der Elite, nun sind es die angesagten Berliner Kirchen. Im Jahre 2000 überraschte ein Berliner Musiksoziologe die Öffentlichkeit mit der Erkenntnis, dass in Wagner-Aufführungen besonders viele Grünen-Sympathisanten sitzen. Wer 16 Stunden im „Ring“ auf dem Grünen Hügel aushält, beweise, dass er mit komplexen Werken nicht überfordert ist. Mehr noch: Er zeige im Angesicht von Gier und Wollust jene gemeinschaftliche Bedürfnisaufschiebung, die man auch „für lang andauernde wirtschaftliche Prozesse“ benötige, schrieb der Soziologe. Man darf vermuten, dass dies auch für lang andauernde politische Prozesse gilt. Nach Lektüre dieser Studie überraschte es nicht, dass die Grünen für Smoking-und-Abendkleid-Träger wählbar wurden.

Mit der Religion ist es so wie mit Wagners Werken: Auch sie verlangt eine gemeinschaftliche Bedürfnisaufschiebung. Wer sich öffentlich als Christ ausweist, steht in dem Ruf, Gier und Wollust unterdrücken zu können, niedere Instinkte im Bewusstsein des Höchsten niederzuringen. Der Missbrauchsskandal hat zwar den Ruf der katholischen Kirche ramponiert, dennoch sehen Politiker beim Kirchenbesuch immer so schön nachdenklich, ja unschuldig aus.

Als Jürgen Habermas die Religion zur politisch-kulturellen Ressource erklärt hat, war das die intellektuelle Seligsprechung des Christenmenschen. Pierre Bourdieu, auch so ein Hausheiliger des Irgendwas-mit-Medien-Milieus, hat eine Soziologen-Bibel über die „feinen Unterschiede“ geschrieben. Er behauptet: Nicht Diplome und Doktortitel entscheiden darüber, ob es jemand nach oben schafft oder ob jemand oben bleibt. Entscheidend sei der Habitus.

Das protestantische Pfarrhaus mit Messerbänkchen und Bücherwand war schon immer ein guter Habitus-Humus; die Katholiken lernen erst langsam verfeinerte Tisch- und Denksitten. Tapfer kaufen sie darob die anspruchsvollen Bücher eines Joseph Ratzinger. In kirchlichen Kinderchören singen auffallend viele Akademikersprösslinge, die Domsingschulen gelten als Kaderschmiede für Führungskräfte. Auch wenn die Kirchenoberen es nicht gern hören: Religion ist zum Distinktionsmerkmal der besseren Kreise geworden. Wer sich zum Christentum bekennt und sogar in den Gottesdienst geht, grenzt sich von der Masse ab.

Bischöfe, katholische zumal, mögen beklagen, dass beim Marsch an die Spitze der Institutionen oft die Kernbotschaft auf der Strecke bleibt. Ist nicht Auferstehung wichtiger als Aufstieg, Dreifaltigkeit wesentlicher als die Fünfprozenthürde? Kölns Erzbischof Joachim Kardinal Meisner hat mehrfach gefordert, der C-Partei den ersten Buchstaben wegzunehmen, weil sie beim Lebensschutz zu viele Kompromisse mache. Jammertöne dieser Art verhallen, die Kirchen haben nicht mehr die Intonationshoheit. C ist, was Gauck, Lammert und Göring-Eckardt draus machen. Bei Bevölkerung und Politikern steht das Christliche gerade deshalb so hoch im Kurs, weil es frei interpretiert werden kann. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat erfragt, was sich die Deutschen unter einem christlichen Politiker vorstellen: „Was erwarten Sie, welche Ansichten er hat, welche Standpunkte er vertritt?“ 72 Prozent der Befragten gaben an: Einsatz für sozial Schwache, 63 Prozent nannten die Stärkung der Familie und 44 Prozent den Einsatz für Länder der Dritten Welt. Christlich ist also nach Meinung der Mehrheit irgendwas mit Nächsten- und Fernstenliebe.

Wenn sich die politische Elite aufs Christentum beruft, kann sie vom positiven Klang dieses hohen C profitieren. Pfarrer und engagierte Laien, die es nach oben schaffen, senden das Signal aus: Wir sind keine kalten Machtpolitiker, wir kümmern uns um Machtlose und Entrechtete. Wir glauben, also sind wir glaubwürdig.

Womöglich wird Katrin Göring-Eckardt eines Tages als erste grüne Vize-Kanzlerin den Grünen Hügel besuchen.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2012
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kirchen, Kultur, Familie, Innenpolitik, Ethik