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Ernährung

Hilfe, wir haben Erfolg!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2013

Der weltweite Wohlstand nimmt zu, Hunger und extreme Armut nehmen ab. Doch viele Hilfsorganisationen haben Angst vor guten Nachrichten und beschwören das Elend der Welt. Anmerkungen zu einem Dilemma, das sich während der Grünen Woche besonders deutlich zeigt

Mitleid ist eine globale Macht. Sie bewegt Milliarden von Euros rund um den Erdball. Sie definiert Helden und Versager und entscheidet oft über Leben und Tod. Ohne die Macht des Mitleids gäbe es keinen Einsatz für Menschenrechte und keinen Kampf gegen den Hunger in der Welt. Doch was passiert, wenn wir hierzulande in unserem Mitleid ertrinken? Wenn das schlechte Gewissen unser Denken und Handeln so stark durchdringt, dass wir permanent das Gefühl haben, uns freikaufen zu müssen? Und wenn trotz beachtlicher Erfolge anscheinend alles nur noch schlimmer wird?

An Schuldzuweisungen mangelt es nicht. „Wir lassen sie verhungern“, lautet bezeichnenderweise der Titel von Jean Zieglers neuestem Buch. Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung schimpft auf die „kannibalische Weltordnung, auf multinationale Konzerne und Börsenspekulanten, auf die neoliberale Wahnidee und den Schweizer Bankenbanditismus“. Auch bei vielen Hilfsorganisationen wird das Elend der Welt beschworen und an das Gewissen potenzieller Spender appelliert: „Worauf verzichtest du, um den Hungernden zu helfen?“, fragt zum Beispiel World Vision die Besucher seiner Internetseite. Brot für die Welt verkündet: „Wir haben es satt, dass andere hungern“, und fordert eine „nachhaltige Agrarpolitik“. Die britische Organisation Oxfam mahnt mit erhobenem Zeigefinger: „Mit Essen spielt man nicht!“

Als der Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, ausgerechnet während der Grünen Woche ankündigte, dass sein Haus wieder mit Agrarrohstoffen wie Mais und Weizen spekulieren werde, traf ihn daher der geballte Zorn. Feindbilder pflegt die Helferszene reichlich. Spekulierende Großbanken, europäische Agrarsubventionen, gewinnhungrige Rinderzüchter, expandierende Monokulturen und globale Nahrungsmittelkonzerne – sie alle scheinen sich gegen die Menschheit verschworen zu haben.

Doch bis jetzt ist die Apokalypse ausgeblieben. Mehr noch: Der weltweite Wohlstand ist sogar gewachsen. Glaubt man den Zahlen der Weltbank, ist der Anteil der Weltbevölkerung, der unter der absoluten Armutsgrenze lebt, im Zeitraum von 1981 bis 2008 von 52 Prozent auf 22 Prozent gesunken. Nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) litten 1990 rund eine Milliarde Menschen unter Hunger, mittlerweile hat sich ihre Zahl auf rund 870 Millionen verringert. „Nicht einmal der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hätte sich vorstellen können, dass die Weltbevölkerung einmal um das Sechsfache größer, aber um das Zehnfache wohlhabender sein würde als zu seiner Zeit“, schreibt die deutsch-amerikanische Ökonomin Sylvia Nasar in ihrem neuen Buch „Markt und Moral“. Die chinesische Bevölkerung lebt heute wahrscheinlich mindestens so gut wie als die Mehrheit der Engländer in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, wenn nicht sogar besser. Entwicklungsexperte Jeffrey Sachs ist geradezu euphorisch: Er glaubt , dass Hunger und extreme Armut bis 2025 ganz aus der Welt geschafft werden
können.

Viele Hilfsorganisationen sprechen diese Erfolge im Kampf gegen den weltweiten Hunger nur ungern an. Im Gegenteil, das Elend der Welt scheint immer größer zu werden: gestern Haiti, Afghanistan und Indonesien, heute Syrien und Mali. Dabei haben viele der Organisationen von Misereor über die Welthungerhilfe bis zum unermüdlichen Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) einen wichtigen Beitrag zu der positiven Entwicklung geleistet. Sie haben nicht nur durch ihre zahlreichen Pilotprojekte bewiesen, dass ein menschenwürdiges Leben ohne Hunger möglich ist. Sie haben zugleich das Thema auf die internationale politische Tagesordnung gesetzt und Hunger schlicht als Verteilungsproblem entlarvt.

Dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit von Entwicklungshilfeorganisationen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Hunger die Folge von Armut, Naturkatastrophen, Krieg und schlechter Regierungsführung ist. Trotz Bevölkerungswachstum und sinkenden verfügbaren Anbauflächen werden heute ausreichend Lebensmittel produziert, um die mehr als sieben Milliarden Menschen zu ernähren. Der jüngste Welthungerindex spricht eine deutliche Sprache: In Ländern mit Wirtschaftswachstum und sozialen Ausgleichsprogrammen wie Vietnam, Brasilien, Mexiko, Ghana, der Türkei und China geht der Hunger deutlich zurück. In Krisenregionen wie Burundi, der Elfenbeinküste, der Demokratischen Republik Kongo oder im abgeschotteten Nordkorea wächst der Anteil der unterernährten Bevölkerung.


Natürlich sind 870 Millionen Menschen, die hungern müssen, alles andere als ein Grund zur Freude. Sie sind ein Skandal, der zu Recht von Hilfsorganisationen angeprangert wird. Schließlich sei der afrikanische oder paraguayische Bauer, wie Jean Ziegler in seinem Buch anmerkt, „nicht weniger kompetent oder arbeitsam als der deutsche oder französische Landwirt“. Ihm fehlen beim Anbau schlicht die Traktoren, Bewässerungsanlagen, Mineraldünger und Samen. Solange es in Entwicklungsländern an Geld oder an politischem Willen mangelt, in die Produktivität von Kleinbauern zu investieren, wird sich daran nichts ändern.

Für viele Hilfsorganisationen führt diese Erkenntnis in ein Dilemma. Mit den Konterfeis von Regierungschefs, die sich mehr für Sojaproduzenten als für Kleinbauern interessieren, lassen sich nur schwer Spenden einwerben. Mit traurigen Kindergesichtern hingegen schon. Intern wissen sie um die wachsende Bedeutung politischer Lobbyarbeit. Extern präsentieren sie sich jedoch mit Projekten wie dem Bau von Schulen oder Gesundheitsstationen, die für den Spender einfach nachvollziehbar sind. Auch der Appell ans schlechte Gewissen kann hilfreich sein. Viele Menschen, die es nicht schaffen, seltener das Flugzeug zu nutzen und weniger Fleisch zu essen, gleichen dies mit einer Spende aus. Rund 4,5 Milliarden Euro fließen den Hilfsorganisationen in Deutschland jährlich zu. Die Macht des Mitleids ist stärker als die Macht der politischen Vernunft.

Erschienen in:
Ausgabe 05/2013
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Ethik, Wirtschaft