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Scheinheilige Nacht

Herr Mütze trifft Gott

Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2011

Wie ein Krippenspielberater gegen die politische Korrektheit im Stall von Bethlehem zu Felde zieht. Eine Erzählung.

© Eric Isselée/Fotolia.com

Michael Mütze war seit sieben Jahren Krippenspielberater der Landeskirche und beriet in dieser Funktion die Gemeinden im Adventszyklus bei der Einrichtung überlieferungskonformer Krippenspiele. Mütze hatte mittellanges schwarzgraues Haar von eben genau der milden Speckigkeit, wie sie einem uneitlen Christenmenschen gut zu Gesicht steht, und müde Augen, die oft als gütig missverstanden wurden. Obwohl Mütze selbst den Begriff des Krippenspielberaters als zu invasiv ablehnte und sich lieber als einen Mann bezeichnete, „der einfach nur Fragen stellt“, war er doch der festen Überzeugung, dass Gott nicht ins Heute übersetzt werden muss. „Wollen Sie sagen,Gott hat Schwierigkeiten, sich auszudrücken? Glauben Sie, Gott braucht einen Dolmetscher?“, fragte Mütze gern, wenn jemand die Weihnachtsgeschichte „in neuem Gewand“ präsentieren wollte.

Seinem Einfluss war es zu verdanken, dass die Weihnachtsgeschichte von Maria und Josefine des Aktionskreises lesbischer Mütter so lange überarbeitet wurde, bis der Aktionskreis auseinanderfiel. Auch das Krippenspiel „Die Heilige Patchwork-Familie oder Gott ist mein Vater, aber meine Mutter lebt jetzt mit einem anderen Typen zusammen und mit dem hat sie auch noch Kinder“ musste sich schließlich den Fragen Mützes stellen. Dazu legte Michael Mütze nach der Probe im Gemeindehaus die Hände gegeneinander und blies eine Weile hinein. Das machte er einerseits ganz bewusst als Geste, andererseits, weil er immer Kopfschmerzen von „Krippenspiel einmal anders“ bekam. Dann fragte er: „Ihr habt euch viel Mühe gemacht, nicht wahr?“ und schwieg. Der Vikar, der das familienpsychologisch aufgepeppte Krippenspiel selbst getextet hatte, begann zu erläutern, dass er hier Jesus quasi als Scheidungskind mit Bindungsstörung darstellen wolle, um an die Erfahrungsgehalte von vielen kleinen Christmettenbesuchern anzuknüpfen, aber Mütze fragte ihn matt, ob eine Interpretation, die der weiteren Interpretation bedürfe, überhaupt noch eine Interpretation sei. „Schon okay. Hab verstanden!“, sagte der Vikar. „Wir machen also wieder den Kram mit den bärtigen Hirten und den braun geschminkten Königen!“

Mütze ging. Was hatte er in diesem Jahr nicht alles schon an „modernen“ Krippenspielen sehen müssen. Das Christuskind in einer Bushaltestelle geboren, mit Bier gesalbt und angebetet von als Punkrockern verkleideten Holzgitarristen. Mütze war nicht entrüstet. Er verstand nur nicht, was es an der Weihnachtsgeschichte noch aufzuhübschen gab. Vor 2000 Jahren plus minus war der kleine Jesus geboren worden, und für jeden, der auch nur einen Funken Eschatologie im Blut hatte, war sofort klar gewesen: Da ist er – der Salvatore, der Erlöser. Das war die ganze Story. Nicht erst Flegeljahre und dann irgendwelche Mentoren, die sagen: Jesus, du Brausekopf, wenn du dich ein bisschen zusammennehmen würdest, könnte aus dir ein ziemlich guter Erlöser werden! Vielleicht sogar mehr! Auch keine Strebernummer: Herr Lehrer, wenn ich groß bin, dann nehme ich mal die Sünden der ganzen Menschheit auf mich! Kein lasterhaftes Halbweltleben mit Schampus und Kokotten, bis eines Tages der Groschen fällt – hey, man müsste mal was anderes machen, zum Beispiel, dass die Leute an einen glauben und dafür in den Himmel kommen. Mit paar Kumpels, die viel Jünger sind, und so. Nein, Gott war geradeheraus: Der Menschensohn, einfach geboren – und sofort Heiland.

Michael Mütze trat aus dem Gemeindehaus. Hinter ihm stritten jetzt die Kinder der Jungen Gemeinde mit dem Vikar. „Erst problematisieren, dann wieder nicht problematisieren! Was denn nun?“ Draußen schneite es. Mütze sah in den Himmel, der große, nasse Schneeflocken herunterrieseln ließ. Sie fielen auf den Gehsteig und schmolzen sofort. Schade, dachte Mütze, der Schnee liebte, obwohl man im Schnee erst mal einen Eindruck davon bekam, wie viele Hunde in dieser Stadt irgendwo hinpinkelten. Eine große Flocke fiel ihm auf die Nase, und zu seiner Überraschung taute sie nicht. Mütze wollte sie wegpusten, aber es gelang ihm nicht. Als er sie mit den Händen wegwischen wollte, sagte die Schneeflocke plötzlich: „Vorsicht, Freundchen! Das würde ich an deiner Stelle lieber lassen!“ „O Gottogott!“, entfuhr es da dem Krippenspielberater der Landeskirche. „Ganz genau!“, sagte die Schneeflocke. Überarbeitung, dachte Mütze. Die ganze Nerverei mit den auf sozial und aktuell getrimmten Weihnachtsgeschichten. Aber er fasste sich. Ihm fiel der Film „A Beautiful Mind“ ein, in dem der schizophrene Mathematiker seinen eigenen Hirngespinsten mit Fangfragen den Garaus machte. „Wie ist dein Name?“, fragte er die Schneeflocke. „Ich bin die, die ich bin“, sagte die Schneeflocke. „Ach du Scheiße!“, sagte Mütze erschrocken. Aber dann lachte er. Klar doch, die Schneeflocke konnte alles antworten, was in seinem verrückten Kopf war.

Da aber fragte die Schneeflocke: „Soll ich dir was sagen, was du noch nicht weißt?“, und verriet ihm, dass Lukas aus der B-Klasse in der Pause damals die Kassette mit dem The-Cure-Konzert aus seinem Ranzen geklaut hätte und nicht der Robert von schräg gegenüber. Und die Schneeflocke wusste sogar die Telefonnummer von Lukas. Entschlossen, sich an der harten Realität einer nicht existierenden Handynummer gesundzustoßen, tippte Michael Mütze die Zahlen in sein Mobiltelefon. „Süße, ich bin gerade in einer OP!“, sagte es am anderen Ende. „Ist da der Lukas?“, fragte Michael Mütze. „Ich bin’s. Michi Mütze aus der 7 A.“ „Woher hast du diese Nummer? Nicht mal meine Frau hat diese Nummer!“, rief Lukas durch den Mundschutz, und Mütze sagte: „Du hast meine Kassette mit dem The-Cure-Konzert geklaut, du Sack!“ „Hast du sie nicht mehr alle? Das gibt es jetzt auf iTunes! Ich operiere gerade!!“, schrie der Mann namens Lukas am anderen Ende, und Mütze sagte zur Schneeflocke: „Du bist Gott!“, und der Lukas rief am Telefon: „Waaas?“ Michael Mütze legte auf, und die Schneeflocke sagte: „Sieh mich an!“ Mütze musste schielen, um die göttliche Schneeflocke richtig anzusehen, und wie er so schielte, merkte er, wie seine Kopfschmerzen nachließen. „Schielen entspannt“, sagte Gott. „Das hilft gegen Kopfschmerzen oder wenn man mal nicht richtig lospullern kann!“ Der Konformitätsbeauftragte der Landeskirche fiel rücklings gegen die Wand des Gemeindehauses, schielte ergriffen auf den weißen Punkt auf seiner Nase und stammelte, er hätte nun verstanden, dass das anthropomorphe Gottesbild ein lästerliches Relikt früherer Zeiten sei, und begriffen, dass Gott nicht nur im Menschensohn, sondern auch in jeder Schneeflocke sei.

„Nein“, sagte Gott, „nur in dieser Schneeflocke!“ „Wieso nur in dieser?“, fragte Mütze. „Hat sich so ergeben!“, meinte Gott. „Aber“, sagte Mütze fassungslos, „Millionen und Abermillionen Menschen haben dich gesucht. Tausende Jahre lang. Und du bist in dieser einzigen Schneeflocke!! Da findet dich doch kein Mensch.“

„Religion ist keine Schnitzeljagd. Da gibt es nix zu finden! Du schiele mal schön und entspanne.“ Dann wirbelte die Schneeflocke davon, was sehr seltsam war, weil eigentlich kein Wind wehte. Mütze ging zum nächsten Termin. „Maria und Josef finden Zuflucht in einem Stall der modernen Massentierhaltung und müssen das Jesuskind in einen Trog voll Industriekraftfutter legen“, erklärte die Krippenspielleiterin zu Beginn der Probe. Mütze spürte den leichten Schmerz in seinen Schläfen und tat, wie Gott ihm geheißen. Er begann zu schielen. Gott hat echt gute Tricks drauf, dachte Mütze, na ja, ist halt Gott.

Stefan Schwarz, Jahrgang 1965, lebt als Kolumnist und Autor in Leipzig. Kürzlich von ihm erschienen: „Ich höre dir zu, Schatz. Aufrichtige Bekenntnisse eines Mannes im besten Alter“, Seitenstraßen-Verlag, Berlin 2011. 144 Seiten,
9,90 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 52/2011
Redakteur:
Stefan Schwarz (Freier Autor)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kirchen, Kultur, Lebensstil, Jesus