Bekenntnis
Herr, du brennst mir in der Seele
Aus: Christ & Welt Ausgabe 02/2012
Ein Fernsehprediger zieht seine ganz persönliche Bilanz. Und hadert mit Gott. Es quält ihn, dass seine Kirche so erfolglos ist. Doch er klammert sich an die Splitter seines Traums.

Wer bist du denn,
das Gesicht kenn’ ich doch,
die Augen,
einigermaßen rasiert bist du ja heute.
Wer bist du denn, dass du sprechen sollst,
wer will dich denn schon hören?
Was hast du denn schon zu sagen?
Ein bisschen mehr lächeln,
ein bisschen mehr Humor und Sympathie,
also, wer bist du,
man erwartet was von dir.
Profi in Sachen Kirche und Glauben,
nun sag was,
was glaubst du eigentlich?
„Als ich zu euch kam, kam ich nicht, um
glänzende
Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen,
sondern um
euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen.
Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch
nichts zu wissen,
außer Jesus Christus, und zwar als den
Gekreuzigten.
Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht,
zitternd und bebend zu euch.“ (1 Kor 2,1–3).
Sagt Paulus.
Glaub ja nicht, es hängt alles von dir ab.
Gott spielt die Hauptrolle.
Ich hab dich nicht gefragt,
was du alles predigen kannst,
sondern, woran du glaubst.
Ohne Rhetorik.
Ich kenne mich,
ich weiß, wer ich bin.
– jedenfalls zum größten Teil.
Nichts ist perfekt,
nicht alles so, wie ich es gerne hätte.
So viel ist schwach an mir.
Nicht immer ist mir danach,
die Hände zu falten,
nicht immer, Amen zu sagen
bei allem, was geschieht.
Ich kenne die Zweifler,
ich kenne mich.
Einmal wie Petrus
tollkühn aufs Wasser zu springen,
das kann ja noch angehen,
aber mich dann auf den Wellen zu halten
ohne die Angst, unterzugehen
– das ist eine andere Sache…
Allein schaffe ich das nicht.
Du erwartest viel von dir.
Verdammt viel.
Es muss immer stimmen,
nur das Beste,
Höchstleistung.
Ich will mitreden,
etwas zu sagen haben,
meine Meinung loswerden.
Mich nicht so leicht zufriedengeben,
mit dem, was passiert.
Ich sehne mich nach Gerechtigkeit.
Nach der Sonne, die über allen aufgeht,
nach dem Ende der SchattenMenschen.
Keine Ausgrenzungen,
keine Straflager und Todeszellen,
keine Moralkeulen über Nichtkonforme,
keine Brandstifter im Ornat,
kein braunes Gefasel,
keine Schubladen,
keine NischenLiebe.
Kein Gelächter, wenn Hände sich falten.
Ich sehne mich
nach mehr aufrechtem Gang,
nach Wahrheit, auch wenn sie schmerzt,
nach Blicken, die nicht ausweichen,
nach Respekt und Toleranz,
nach dem Ernstnehmen Gottes.
Ich halte mich nicht vornehm zurück,
wenn sie dem Volk aufs Maul schauen
und Stimmungen zulassen –
gegen Ausländer.
Was nützen Gedenksteine?
Ich baue Denkmäler
in mir und in meinen Gedanken,
das größte Denkmal, das wir den Verfolgten,
den Juden,
den Behinderten,
den Sinti und Roma,
den Homosexuellen
und all den anderen bauen können,
ist die Toleranz in unseren Gedanken und
Herzen.
Ach was.
Ich rede nicht laut genug mit.
Und was macht’s, was ich sage?
Ich kreise doch nur um mich.
Ich kreise um mich…
Ich sehne mich immer
nach dem, was nicht ist.
Wenn es dann da ist,
verliert es mein Interesse.
„Eigentlich bin ich ja ganz anders,
ich komme nur selten dazu“,
sagt Ödön von Horvath.
Ich verstecke die Sehnsüchte.
Träume.
Realer als manches Erlebte.
Fluchtpunkte?
Was ist wirklich?
Wer bist du eigentlich?
Oft will ich mich nur verstecken,
allen Risiken aus dem Weg gehen,
das Böse vermeiden, indem ich alles vermeide.
Salz der Erde sollst du sein,
Licht der Welt…
Ja ja, schön gesagt.
Ich bin mir fremder, als mir lieb ist.
Hinter jedem Bild von mir gibt es wieder ein
Bild,
und dahinter wieder eins,
und noch eins.
Man hasst immer das, was man sein könnte.
Und du kannst dir immer wieder
entwischen.
Leben vermeiden als Lösung,
allen Risiken aus dem Weg gehen,
alles austarieren und Lösungen durchspielen,
das Böse vermeiden, indem ich alles vermeide.
Die Saltos im Leben schlage ich selbst.
Nicht immer wird der Fall abgefedert.
Ich liege auf der Schnauze.
Nicht immer ist jemand da, der auf die
Füße hilft.
Ich lebe.
Ich versuche zu leben
mit allen Zweifel und mit allem Krummen
in mir,
gehe Wege und Umwege.
Brauche ich wirklich eine Kirche?
Die anderen kommen doch auch aus.
Und gut aus.
Ohne Glauben.
„Ich glaube nicht an ein Leben nach
dem Tod“,
sagte Georg Kreisler,
„so pessimistisch bin ich nicht!“
Ich nicht.
Ich komm nicht aus.
Vielleicht bin ich nicht mutig genug.
Aber ich komm nicht aus ohne.
Warum nur, Gott?
Weil du mir in der Seele brennst,
wenn ich dein Wort lese.
Weil ich deine Schulter spüre,
bei meiner Wut über
Ausbeutung und Unrecht.
Weil ich still werde in deinen Räumen,
und zwar ganz freiwillig.
Nicht selten ahne ich dann,
dass du mich,
warum auch immer,
gemeint hast.
Mich, den Jünger mit E-Mail-Anschluss,
mit Facebook und Massive Attack im Ohr,
der nie sicher ist, ob er taugt
für deinen Auftrag,
für deine „Mission impossible“.
Ja, ich glaube.
Natürlich glaubst du!
Ist ja auch dein Beruf.
An den Vater, den Sohn
und an den Heiligen Geist.
Es ist nun mal dein Beruf.
Blödsinn…
Das ist doch kein Job –
ich will doch die Menschen lieben.
Die Menschen lieben…?
Großes Wort!!
Du willst beliebt sein,
willst gebraucht sein, notwendig sein.
Willst selbst geliebt sein
und getröstet.
Das willst du doch.
Wie jeder andere.
Und:
Du willst,
dass Menschen mit ihrem Kummer
zu dir kommen.
Dann hörst du ihnen zu,
du sprichst mit ihnen,
du betest zu Gott.
Und wenn das Gespräch vorbei ist,
geht dein Leben weiter
und ihr Leben geht weiter
und nichts verbindet euch mehr.
Oder?
Nein, das ist es nicht!!
Nein, das kann’s nicht sein.
Das ist es auch nicht.
Ich sehne mich nicht nach der Bühne,
ich strecke mich aus nach Endgültigkeit,
nach dem Ewigen hinter allem Vordergründigen.
Um endlich
das ganz zu glauben,
ganz zu wissen,
ganz zu erfahren,
was ich predige,
woran ich mich klammere,
was man mich gelehrt hat,
was ich studiert habe,
was ich in Ansätzen merke.
Ich bete,
ich versuche zu beten,
meist mehr ein Stottern vor dem,
den wir Gott nennen.
„Vielleicht aber ist es doch wahr…“
und: „Die Kirche sagt…“, ist mir zu wenig.
Denn Herr, es ist deine Kirche.
Nur, wenn du es willst,
wird dein Name genannt bleiben,
nur, wenn du es willst,
werden unsere Altäre nicht gestürzt,
nur, wenn du es willst,
tragen wir weiter, was wir empfangen haben.
Was nützen alle Strukturen,
was alle schicken Programme,
was alle Analysen?
Schadensbegrenzung.
Die kleine Herde,
der heilige Rest,
so kann man sich fromm belügen.
So ein Blödsinn.
„Gott schuf nicht die Religion“,
meinte Franz Rosenzweig.
„Er schuf die Welt.“
Also.
Deshalb glaube ich,
weil es die einzige Lösung ist,
damit sich die Welt verändert.
Weil sich damit die Leute willkommen sind,
weil wir damit die Angst verlieren,
überhaupt zu existieren,
weil wir dann nicht so todernst leben
und uns mit Humor ertragen können,
weil wir nicht mehr wegschauen
und die Klappe aufmachen,
wenn’s drauf ankommt.
Weil ich nur damit
dir ehrlich in die
Augen sehen kann.
Ein ziemlich schmales Glaubensbekenntnis,
aber das einzig weltweite.
Spinnerei? Träumerei?
Na gut.





