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Der Erzbischof von Canterbury

Herr der Ringe

Aus: Christ & Welt Ausgabe 7/2011

Ohne ihn gäbe es keine Traumhochzeit. Rowan Williams, das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, traut im April 2011 Englands Traumpaar Kate und William. Doch der Mann mit Rauschebart sorgt auch gerne mal für Ärger.

Mit der Ehe hat der Erzbischof von Canterbury seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Rowan Williams war gerade junger Theologiedozent, als am Westcott College zu Cambridge eine lutherische Doktorandin aus Deutschland auftauchte. Die junge Frau schien wenig attraktiv, „eindringlich, anmaßend und heftig“, erinnerten sich später Freunde. Ihr Spitzname Brünhilde war nicht als Kompliment gemeint. Aus dem Waliser und der Deutschen wurde ein Paar, bald war der Hochzeitstermin festgesetzt.

Doch die Verlobung mit der Deutschen zerbrach; wenig später lernte Williams eine anglikanische Kollegin kennen und lieben. Jane Paul wurde seine Frau. Dieses Jahr feiert das Paar den 30. Hochzeitstag. Die Nation aber, und mit ihr die Welt, blickt im April 2011 wegen einer aufsehenerregenderen Vermählung auf das Oberhaupt der anglikanischen Kirche.

Wie es die Tradition gebietet, wird der höchste Geistliche der Staatskirche von England den Thronfolger-Sohn Prinz William und Kate Middleton trauen. Den Gottesdienst in Londons Westminster Abbey dürften mehr als eine Milliarde Menschen an den Fernsehschirmen verfolgen. Ihnen allen wird dann Williams’ sonorer Bass in den Ohren klingen: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“

In bunten Messgewändern, die Bischofsmitra auf dem Kopf, erfüllt Williams dann jene Funktion, die er selbst einmal scherzhaft als „der skurrile Pfarrer der Nation“ charakterisierte. Da er der hochkirchlichen Tradition („Anglo-Catholics”) anhängt, fühlt sich der ABC, wie seine Leute ihn nach dem englischen Titel Archbishop of Canterbury nennen, durchaus wohl in dieser Rolle. Sein Aussehen passt dazu. Mit wildem Haarschopf, Rauschebart und imposanten Augenbrauen sieht er aus wie ein alttestamentarischer Prophet und predigt doch die Versöhnung und den Frieden des Neuen Testaments.

Diese Haltung erforderte wenige Wochen nach dem 11. September 2001 besonderen Mut. Williams war an jenem Tag in New York gewesen, kaum 200 Meter vom World Trade Center entfernt. Die Aschewolke der kollabierten Bürotürme raubte ihm zeitweilig den Atem; andere Teilnehmer der jäh unterbrochenen Theologenkonferenz berichteten von der Nähe des Todes und rühmten Williams’ Ruhe und Glaubensgewissheit. „Ich kenne niemanden, mit dem ich lieber sterben würde“, sagt eine amerikanische Kollegin. Williams verarbeitete seine Atemnot, indem er von der Bergpredigt als „Atempause im asthmatischen Klima von Selbstsucht und Wettbewerb“schrieb.

Kein Zweifel: Dem tief spirituellen Mann mangelt es nicht an persönlicher Glaubwürdigkeit, und an intellektueller Brillanz schon gar nicht. Als Jugendlicher lernte Williams binnen sechs Monaten Russisch, weil er Dostojewskis Romane im Original lesen wollte. Elf Sprachen kann der Kosmopolit heute lesen, ein halbes Dutzend davon sprechen, darunter sehr gut Deutsch. Immer wieder hat der einstige Lehrstuhlinhaber an der Elite-Uni Oxford intellektuelles Neuland beschritten. Er stellt der weitgehend säkularisierten, materialistischen, kurzlebigen Gesellschaft Großbritanniens profunde Fragen: zum Umgang zwischen Kindern und Erwachsenen, zur Betreuung von Armen, zur Integration der muslimischen Minderheit. Doch anders als seine deutsche Kollegin Margot Käßmann oder George Carey, sein Vorgänger im Amt als ABC, verweigert sich Williams der Häppchenkultur. „Das frustriert die Medien“, analysiert ein sympathisierender Beobachter. „Die verstehen die vielen Nebensätze nicht.“

So erging es Williams, als er es vor drei Jahren in einem längeren Vortrag wagte vorzuschlagen, der islamischen Scharia „im Familien- und Eherecht größere Legitimität“ einzuräumen. Ermuntert durch ungeschickte Interviewäußerungen, schossen sich die Boulevardmedien auf den „dämlichen alten Esel“ („The Daily Mail“) ein, der eine „ernste Bedrohung der Nation“ darstelle („The Sun“) – als ob Williams öffentlich zu Selbstmordattentaten aufgerufen hätte.

Doch der Theologe gibt unverdrossen weiter Gedankenanstöße, auch zum Ende April anstehenden Großereignis. Dem widmen sich die Londoner Medien seit Wochen hingebungsvoll und detailreich: Mit welchem Auto kommt die Braut zum Traugottesdienst? Mit welcher Kutsche reist sie ab? Wer darf dabei sein? Wie sieht das Kleid aus? Über all diesen Fragen solle man doch das Wesentliche nicht außer Acht lassen, mahnte Williams. „Wenn ein Paar, und zumal dieses Paar, sich auf das Abenteuer einer christlichen Ehe einlässt, ist das ein Grund zum Feiern. Wir als Gesellschaft könnten darüber nachdenken, warum lebenslange Treue und die beiderseitige Beendigung der Selbstsucht so wundervolle Geschenke sind.“

Lebenslange Treue? Nachdenken? Und das auch noch phantasievoll? Träum weiter, möchte man dem ABC zurufen, dabei macht er das ohnehin: Er träumt von einer Welt der Grautöne. Manchmal schweigt er auch. Legendär ist in London seine Reaktion auf die Frage eines Journalisten, ob der Krieg gegen den Irak unmoralisch gewesen sei. Zwölf lange Sekunden, im Live-Radio eine Ewigkeit, schwieg Williams, bis es sein Gesprächspartner nicht mehr aushielt. Warum er so lang nicht geantwortet habe? „Unmoralisch ist ein kurzes Wort für eine sehr lange Diskussion.“

Wer sich einlässt auf Rowan Williams’ komplexes Denken und differenzierte Argumentation, kann die Begeisterung vieler Gesprächspartner nachvollziehen. „Wir müssen nicht dem Mediendiktat nachgeben, wonach sich alles in 2:30 Minuten erklären lässt“, sagt Giles Fraser, Kanonikus an der Londoner Pauls-Kathedrale und selbst einer der talentiertesten Kommunikatoren der anglikanischen Kirche. Ohne den Filter der Medien sei der ABC charmant und selbstironisch, berichten viele Gesprächspartner. Eine skeptische Interviewerin der „Times“ fragte Williams, ob er Entscheidungen schwierig finde. „Na ja“, erwiderte der Gottesmann, „die offensichtliche Antwort lautet doch: Da bin ich mir nicht so sicher.“ Die entzückte Gesprächspartnerin empfand „ein starkes Gefühl von Güte und Menschlichkeit“ und fühlte sich erinnert an den südafrikanischen Erzbischof Desmond Tutu und den Dalai Lama.

Beide haben den Friedensnobelpreis erhalten, und in mancher Hinsicht wäre auch der ABC ein Kandidat für die Stockholmer Akademie. Seit seinem Amtsantritt vor acht Jahren versucht der 60-jährige Williams verzweifelt, die anglikanische Gemeinschaft allen Kontroversen zum Trotz zusammenzuhalten. Sollen Frauen Pfarrerinnen, gar Bischöfinnen werden dürfen? Wie geht die Kirche mit den Homosexuellen um, nicht zuletzt in den eigenen Reihen? Wer hat das Sagen im globalen Klub der rund 80 Millionen Anglikaner in 44 Kirchen, verteilt auf 160 Länder der Welt?

„Wir tun Gottes Willen nicht, indem wir die schlimmsten Aspekte säkularen Parteigängertums kopieren“, schrieb er neulich seiner Synode ins Stammbuch. Zugunsten des Zusammenhalts der Anglikaner stellt Williams seine theologischen Lehrmeinungen zurück: „Meine erste Pflicht gilt der Einheit unserer Kirche“, betont der ABC immer wieder. Vom katholischen, also weltumspannenden Anspruch des Christentums will er nicht lassen. Wer nach den Inhalten der Einheit fragt und sie damit in Zweifel zieht, spricht in jenes Ohr des Erzbischofs, das seit einer Gehirnhautentzündung im Kindesalter taub ist.

Genutzt hat die Standfestigkeit nichts. Über die Behandlung eines schwulen Freundes, dem die Berufung ins Bischofsamt verwehrt blieb, hat Williams viele Freunde auf dem liberalen Flügel verloren und dennoch die Kritiker im konservativen Lager nicht versöhnt. „Ich bin sehr begeistert von Rowan Williams“, sagt Kanonikus Fraser, einst Doktorand beim Oxforder Professor. „Aber ich habe große Probleme mit dem Erzbischof.“ Die anglikanischen Fundamentalisten wollen nicht einmal mehr reden mit dem ABC: Dem Dubliner Treffen der 38 Erzbischöfe aus aller Welt im vergangenen Monat blieben die sieben unversöhnlichsten fern. Ihr Anführer, der argentinische Bischof Greg Venables, sprach von einem „totalen Mangel an Vertrauen“. Gastgeber Williams habe „den Ernst der Krise geleugnet“. Der so Gescholtene reagierte auf charakteristische Weise: Er ließ die Stühle der Kritiker frei und zündete je eine Kerze für sie an, um die Anwesenden an die „erhebliche Anzahl von Abwesenden“ zu erinnern.

Als „sturköpfig“ bezeichnet sich der ABC selbst, und sturköpfig hält er den Kontrahenten auch die linke Backe hin. So war es auch, als Papst Benedikt XVI. ihn mit einer Abwerbung überraschte: Unzufriedene Anglikaner dürfen seit Herbst 2009 geschlossen zum Katholizismus übertreten, nicht wie bisher nur als Individuen. Mit einer Anglikaner-Verfassung erhalten sie eine Sonderstruktur innerhalb der katholischen Kirche, dürfen ihre Gebetbücher weiterbenutzen und sich weiter von verheirateten Priestern betreuen lassen.

Manche Kommentatoren in London wiegelten Williams damals dazu auf, dem deutschen Papst in Rom ordentlich die Meinung zu geigen. Benedikt XVI. habe „seine Rottweiler-Tendenz“ demonstriert, lästerte die „Times“, also solle der ABC „seine innere Bulldogge“ von der Leine lassen. Dabei gleicht Williams eher dem viel geschmähten, bekanntlich aber intelligenten Pudel. Er ist wirklich, was Joseph Ratzinger nach seiner Wahl zum Papst von sich behauptete: ein „Arbeiter im Weinberg Gottes“, kein Kirchenfürst. Benedikts XVI. überfallartiger Einladung mochte sich der ABC nicht in den Weg stellen, trotz des Affronts reiste er wenig später nach Rom zu einem längst vereinbarten Besuch beim Papst. 18 Monate später zahlt sich die Gelassenheit aus. Statt der damals angekündigten rund 1000 Geistlichen sind bisher lediglich eine Handvoll konvertiert.

Erschienen in:
Ausgabe 7/2011
Redakteur:
Sebastian Borger (Freier Autor)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Kirchen, Kultur, Außenpolitik, Lebensstil