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Haltung,bitte!

Helles Halloween

Aus: Christ & Welt Ausgabe 46/2012

„,Oma, ist der Heilige Geist ein Gespenst?‘, fragte meine sechsjährige Enkeltochter. Ich musste natürlich lachen. Wenn sie am Wochenende bei mir ist, nehme ich sie mit in die Messe. Nun bin ich um eine Antwort verlegen. Können Sie mir helfen?“ Elsa W., Wien

Wie gut, dass Sie es nicht bei dem Erwachsenengelächter belassen. Es gibt nämlich keinen Grund, die Glaubensfragen von Kindern weniger ernst zu nehmen als die von Erwachsenen. Ihr Enkelkind hat offenbar in der Messe ziemlich gut aufgepasst. Komm, Heiliger Geist, rufen die Liturgen. Die Gemeinde bekennt sich zu ihm und singt von ihm. Zu sehen ist allerdings niemand. Spukt es etwa in der Kirche? Kinder haben damit kein Problem. Sie rechnen fest mit dem Unsichtbaren. Sie haben Freunde, die nur sie sehen können, und halten ihnen manchmal jahrelang die Treue.

Kombiniert mit den zahllosen Gespensterwesen aus Kinderbüchern, liegt es nahe, den Heiligen Geist als das Gespenst Gottes zu verstehen, das durch Türen geht und seinen Schabernack mit bösen Menschen treibt. Allerdings sind Gespenster im Volksmund und in der Literatur die Geister der Toten, die keine Ruhe finden. In ihnen bekommen die unverarbeiteten Tode eine Erscheinung, die oft genug schrecklich ist. In den Kindergeschichten vom kleinen Gespenst ist der Schrecken nur noch ein kleines Angstgefühl, aber auch hier gilt: Wenn’s spukt, sollen die Menschen sich fürchten.

Da mag die Halloween-Industrie daraus auch einen fröhlichen Spaß mit Gänsehauteffekt machen – aus der Angst vor dem Tod und den Toten entsteht das Material, aus dem auch in der Moderne noch die Gruselgeschichten für Kinder und Erwachsene sind. Der Heilige Geist ist dagegen der Geist des Lebendigen. Als Geist Gottes vertreibt er die Gespenster. Er lehrt nicht das Fürchten. Er vertreibt die Furcht. Auch vor den Monstern unter dem Bett und im düsteren Keller. Der Heilige Geist ist buchstäblich ein Geist der Aufklärung. Durch ihn hellen sich all die düsteren Winkel des Aberglaubens an Untote, Wiedergänger und Nachtgestalten auf.

Im Johannesevangelium nimmt der Heilige Geist die Rolle eines Beistands oder Trösters ein, eine Beschreibung, die dem unsichtbaren Freund in der kindlichen Vorstellungswelt vielleicht näher ist als die abstrakten Beschreibungen der kirchlichen Dogmatik. Bevor Sie dem Enkelkind antworten, fragen Sie sich doch einmal selbst, was diese unsichtbare Kraft Gottes für Sie bedeutet.


Erschienen in:
Ausgabe 46/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität