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Haltung, bitte!

Heiliger Ungehorsam

Aus: Christ & Welt Ausgabe 36/2011

„Kann man Jesus Christus nur folgen, wenn man der Kirche folgt, wie der Papst neulich betont hat?“

Gegenfrage: Was genau heißt „der Kirche folgen“? Geht es darum, sich der katholischen Lehre fraglos und ohne jeden Zweifel anzuvertrauen? Oder geht es darum, der Kirche die Treue zu halten, wenn manche Lehraussagen die christliche Existenz fraglich werden lässt? Verzeihen Sie die protestantische Antwort. Unter Umständen kann die Nachfolge Christi sich auch gegen die kirchlichen Autoritäten richten. Die Botschaft Jesu Christi kommt der Kirche manchmal auch entgegen wie ein scharfer Wind. Das zeigt ein Blick in die Kirchengeschichte. Dafür braucht es nicht einmal einen Verweis auf Martin Luther, der den kirchlichen Autoritäten seiner Zeit widersprach, weil er es mit der Nachfolge Jesu und seinem Auftrag ernst meinte. Einfache Gläubige und Töchter aus gutem Hause waren darunter, große Gelehrte und schlichte Gemüter mit großem Herzen. Sie haben die Kirche in Bewegung versetzt. Große Kirchenväter und bedeutende Reformer haben die Entwicklung von Theologie und Glauben auch deshalb geprägt, weil sie in heiligem Ungehorsam ihrer Kirche die Gefolgschaft verweigert haben. Diese Querulanten aus heiligem Geist haben Philosophen studiert, die verboten waren, sie haben auf die skandalöse Armut der Menschen hingewiesen, für die die Kirche sich nicht mehr interessierte, sie haben sich für Wissenschaften begeistert, die als unchristlich galten, sie haben um die Glaubwürdigkeit der Kirche gerungen, wenn sie zu selbstgefällig geworden ist. „Was würde Jesus dazu sagen?“ Diese Frage haben sie auch in der eigenen Kirche gestellt. Oft haben sie einen hohen Preis bezahlt für diese Art von Widerspenstigkeit aus Glauben. Sie haben es sich allerdings in der Regel nicht leicht gemacht. Heiliger Widerspruch macht traurig, das Leiden an der Kirche ist die Kehrseite einer tiefen Liebe zu ihr und hat weder mit Bequemlichkeit zu tun noch mit der Neigung, die Angelegenheiten der Kirche schicker und moderner haben zu wollen. Das vorausgesetzt, könnten beide Kirchen Menschen vertragen, die sich und andere vernehmlich fragen, was Jesus zu dieser oder jener Entwicklung sagen würde. In Demut und in frechem Widerspruch, wo es nötig ist.

Erschienen in:
Ausgabe 36/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Papst