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Jahresthema

Heilig ist peinlich

Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2012

Jede Großdebatte um Politiker-Affären von Guttenberg bis Wulff zeigt: Wir sehnen uns nach Vorbildern und moralischen Instanzen, aber noch lieber demontieren wir sie. Sind wir überhaupt reif fürs Positive?, fragt die neue Artikelserie in Christ & Welt

Glauben Sie, dass Sie eines Tages heiliggesprochen werden? Was für eine Frage, werden Sie denken. „Ich bin weder Mutter Teresa noch Märtyrer.“ Heilig sind immer die anderen. Scheinheilig natürlich auch. Längst hat sogar in katholischen Gegenden der Geburtstag den Namenstag als Grund zum Feiern abgelöst, anonyme Schutzengel aus dem Klostershop übernehmen im Alltag die Dienstleistungen der Schutzpatrone. Ohne das gleichnamige Prinzip hätte nicht einmal Sankt Florian überlebt. Weder in bayerischen Büros noch auf rheinischen Schulhöfen ward der Seufzer „Heiliger Bimbam!“ oder „Heiliger Strohsack!“ in den letzten Jahren vernommen. Schuberts Kirchenchor-Hit „Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr, heilig ist nur Er“ weht nur noch wie ein ferner Klang aus einem volksfrommen Jahrhundert ans Ohr. Der zeitgemäße Christ nimmt tolerant bis gleichgültig hin, wenn Er, sein Herr, öffentlich verunglimpft wird. Heilig ist peinlich.

Der Sinn fürs Nicht-Profane scheint uns abhandengekommen zu sein, im Ernst wie im Spaß, in Segen wie im Fluch. Nur ein heiliger Rest, ein Hauch Transzendenz ist noch da: Demoskopen aller Couleur versüßen den großen Kirchen jede bittere Zahl mit der Botschaft, eigentlich suche der säkularisierte Mensch von heute nach Sinn und Orientierung. Er wolle Vorbilder und nicht bloß Abziehbilder des Zeitgeistes.

Jede Großdiskussion um das Amtsethos eines Spitzenpolitikers legt die Sehnsucht nach Reinheit offen, auch wenn in solchen Debatten der Kirchenkalender nie gezückt wird. Der heilige Christian, dessen Namenstag am 14. Mai begangen wird, wirkt etwas blass. „Märtyrer unter Kaiser Diokletian Anfang des 4.?Jahrhunderts“, lauten die dürren Worte im ökumenischen Lexikon. Ein schuldloses Opfer also. Wer mit dem Vornamen Karl gesegnet ist, hat viele Namensgeber zur Auswahl, er kann sich etwa an Karl dem Großen messen oder am Pfarrer Karl Leisner, der dem NS-Regime widerstand.

Zum „Götterliebling“ hatte die CSU ihren Karl-Theodor erklärt, sie erhob ihn zur Ehre der politischen Altäre. So weit war Christian Wulff nie. Aber wenn schon nicht als Person, so stand er qua Amt im Ruf, eine „moralische Instanz“ zu sein. Dieser Titel, den einst der Schriftsteller Günter Grass gepachtet hatte, ist nichts anderes als die profanisierte Heiligsprechung durch den Medienbetrieb. Ein bisschen Vatikan ist überall, und Journalisten sind gern Heiligenscheinwerfer.

Und noch lieber Heiligenscheinräuber. Doppelmoral bietet doppelt und dreifach so viel Stoff wie Moral, jeder Schein des Anstoßes lässt sich grell ausleuchten. Echte Heilige gehören deshalb in die Anekdotensammlung, nicht in die Zeitung. Spätestens hier werden Sie widersprechen: So zynisch sind Sie nicht. Sie wünschen sich mehr gute Nachrichten, mehr Lichtgestalten, mehr Wohlwollen. Aber auch Sie sind Teil der unheiligen Allianz: Warum kaufen Sie ein Buch über die zerrüttete Familie Kohl auf die Bestsellerliste? Ganz ehrlich: Hätten Sie auch eines mit dem Werbeversprechen „Die Kohls – eine fast heilige Familie“ vom Stapel neben der Kasse gegriffen?

Franz von Sales, Schutzpatron der Journalisten, hat vor einigen Jahrhunderten auch einen Erfolgstitel geschrieben. „Anleitung zu einem frommen Leben“ hieß das Werk. Die wenigsten Journalisten dürften es gelesen haben. Und Sie, liebes Publikum, wahrscheinlich auch nicht. Machen Sie sich nichts vor, Sie sind keinen Deut besser als „die“ Medien, die Sie verachten. Auch Sie lesen lieber als über das fromme Leben über das Leben des Frömmsten, dem die schöne Nachbarin gefällt.

Doch das macht nichts. Das Heilige ist nicht das erschlagend Gute, es meint nicht das permanent porentief Reine, das den Betrachter schmutzig und beschämt zurücklässt. Das bezeugen die Heiligen selbst: Kirchenvater Augustinus führte vor seiner Läuterung ein Leben, gegen das sich die frisch verfilmte Biografie des Playboys Rolf Eden keusch ausnimmt. Ausgerechnet jener Jünger, der voller Angst um sein Leben dreimal ein falsches Zeugnis wider seinen Nächsten abgab, wurde zum Felsen, auf dem Jesus seine Kirche baute. Und dass der oben genannte große Karl auch immer moralische Größe bewies, behauptet nicht einmal das Aachener Stadtmarketing in seinen Hochglanzbroschüren. Zum Heiligen gehören Mut, Wahrhaftigkeit und Umkehrbereitschaft, aber auch Versagen, Straucheln und Zweifeln. Heilig ist menschlich, nicht übermenschlich.

Die Redaktion von Christ & Welt hatte vor einigen Wochen – es muss um Sankt Martin herum gewesen sein – einen Verdacht: Die Geschichte vom Mantelteiler, der den Bettler vor dem Erfrieren rettet, fasziniert uns mehr als alle Manteltarifverhandlungskommentare zusammen. Der lesende und schreibende Mensch lebt nicht vom Profanen allein.

Christ?&?Welt wird im neuen Jahr in lockerer Folge der Frage „Was ist heilig?“ nachgehen. Denn das Heilige gehört eben doch in die Zeitung. Nicht als hübsche Schnurre aus vergangener Zeit, nicht als putzige Mittlerfigur zwischen Mensch und Gott, sondern als Provokation. Ist es überhaupt möglich, ernsthaft Positives zu denken? Kann man etwas Unantastbares formulieren und dabei ein zupackender Zeitgenosse bleiben? Können wir Hoffnung vermitteln, ohne zu beschönigen? Kann man die Worte Hoffnungsträger oder Lichtgestalt ironie- und hämefrei niederschreiben?

Heilig sind nicht immer nur die anderen. Das Heilige ist das andere. Nehmen Sie’s persönlich.

Erschienen in:
Ausgabe 01/2012
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität, Kirchen