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Fragen an Norbert Bolz

„Halsstarrigkeit im Namen Gottes“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 45/2011

Muss Katholizismus modern sein? Der Medientheoretiker und Religionswissenschaftler Norbert Bolz über die neue Macht der Unzeitgemäßheit.

Kommunikator: Norbert Bolz lehrt an der Technischen Universität Berlin. © Gregor Hohenberg/laif

Christ & Welt: Sind die Piusbrüder die Vergangenheit oder die Zukunft der katholischen Kirche?
Norbert Bolz: Sie sind beides. In ihrem Dogmatismus und Traditionalismus wird der Urtext des Christentums sichtbar, von dem sich die Kirche mit den Jahrhunderten immer weiter entfernt hat. Oft wird heute vergessen, dass das Dogma ein identitätsstiftender Teil des Katholizismus ist. Der Papst will daran erinnern und ihn stärken.

C & W: Indem er die Piusbrüder umschmeichelt und liberale Katholiken wie Hans Küng oder die südamerikanischen Befreiungstheologen mit Nichtachtung straft?
Bolz: Indem er zwischen den beiden Extremen vermittelt, das ist die große dialektische Aufgabe, die sich dieser Papst gestellt hat: einerseits eine in einer modernen Gesellschaft überlebensfähige Kirche zu gestalten und andererseits das zu stärken, was das Christentum dogmatisch zum Christentum macht.

C & W: Warum redet er mit den Piusbrüdern, mit den Küngs dieser Welt aber nicht?
Bolz: Warum sollte er? Diese Seite des Katholizismus ist nicht kontrovers, sondern Mainstream. Küng ist der Liebling von Massen und Medien. Der Liberalismus hat kein Imageproblem. Die andere, die reaktionäre Seite ist die problematischere. Sie zurückzuholen in die offizielle Welt der katholischen Kirche ist schwieriger. Aber das ist das Wesen des Katholizismus, so wie ihn Benedikt versteht, eine Einheit im Angesicht der Widersprüche zu schaffen.

C & W: Küng mag Mainstream sein mittlerweile, aber die Befreiungstheologie ist es nicht. Nach ihrer großen Zeit in den Siebzigern führt sie ein Schattendasein. Grund genug, sie heim in den Schoß der Kirche zu holen?
Bolz: Die Befreiungstheologie hat ihre besten Tage hinter sich. Eine politische Kirche in ihrem Sinne ist heute genauso wenig ernst zu nehmen wie ihre Protagonisten. Sie ergeht sich im Revolutionspathos, das im Angesicht einer Diktatur sinnvoll sein mag, aber heute, wo es kaum mehr Diktaturen gibt, doch sentimental und naiv wirkt. Das katholische Integrationsinteresse des Papstes liegt deshalb mehr auf der Reaktion als auf der Revolution. Dumm ist das nicht.

C & W: Es ist also besser, ein Reaktionär zu sein als ein Gutmensch?Bolz: Sagen wir mal so: Der Papst wäre schlecht beraten, auf einmal zum Gutmenschen zu werden. Aber da sehe ich auch keine Gefahr.

C & W: Mit der Hinwendung zum Dogma frustriert der Papst aber viele Laien. Mit Ansprachen wie der von der Entweltlichung der Kirche predigt er langfristig die Kirchen leer.
Bolz: Das muss nicht so sein. Die Frustration der Laien ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen steht eine wachsende Sehnsucht vieler Menschen nach Strenge, Tradition, Liturgie und dogmatischer Festigkeit. Benedikts Hinwendung zum Dogma ist nicht unbedingt ein Weg ins gesellschaftliche Abseits, vielmehr gibt er seiner Kirche durch die Macht der Unzeitgemäßheit möglicherweise eine neue Relevanz.

C & W: Ob dadurch die Kirchen voller werden, ist aber doch eher fraglich.
Bolz: Die evangelischen Kirchen sind aber auch leer. Im Falle des Protestantismus sieht man, in welche Sackgasse der Weg einer radikalen Anpassung an den Zeitgeist führt. Die katholische Kirche dagegen spielt bewusst mit der Dialektik des Unzeitgemäßen. Diese Halsstarrigkeit im Namen Gottes hat einen auratischen Effekt, den man nicht unterschätzen sollte.

C & W: Die Kirchen müssen also erst mal richtig leer werden, damit sie irgendwann wieder voll werden können?
Bolz: So sieht es der Papst, und ich halte dieses Kalkül nicht für unrealistisch. Benedikt ist der erste Pontifex, der den Mut hat auszusprechen, was alle wissen: Die Kirche muss mit ihrem Schrumpfen leben. Deshalb sagt er, dass kleiner zu werden auch heißen kann, wendiger und lebendiger zu werden. Im Prozess des Gesundschrumpfens verschwindet, so die Theorie, die Langeweile, die mit dem Entstehen einer Orthodoxie automatisch in eine Organisation sickert. Zum Vorschein kommt die Lehre selbst.

C & W: Und damit der Urtext und die Piusbrüder.
Bolz: So ist es.

C & W: Die Piusbrüder stehen aber, vom Holocaust-Leugner Williamson einmal ganz abgesehen, auch für eine jahrhundertealte Tradition des Antisemitismus in der katholischen Kirche.
Bolz: Und da darf es auch für den Papst keine Zugeständnisse geben. Auch in der katholischen Kirche muss ein Minimum an Pragmatismus und Realitätsgerechtigkeit gelten. Gerade beim Thema Antisemitismus dürfen rein dogmatische und theologische Überlegungen nicht ausschlaggebend sein. Man kann hier die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht ausklammern. Insoweit war es notwendig, wenn auch etwas spät, dass sich der Papst wie die Piusbrüder von den Holocaust-Leugnungen des Pater Williamson öffentlich distanziert haben. Andernfalls hätte gerade für einen deutschen und dazu noch traditionalistischen Papst die Gefahr bestanden, mit den Ansichten Williamsons identifiziert zu werden.

C & W: Aber er wurde es anfänglich durch sein Schweigen. Johannes Paul II. wäre dieser Fehler nicht passiert.
Bolz: Nein, Johannes Paul hatte ein glücklicheres, weil spielerisches Händchen im Umgang mit den Medien – vielleicht ein Nebeneffekt der Ausbildung zum Schauspieler in der Jugend. Wobei sich generell die Frage stellt, ob die katholische Kirche sich überhaupt den medialen Imperativen der Moderne anpassen muss.

C & W: Das wird so manchem Bistumspressesprecher aber die Schweißperlen auf die Stirn treiben. 
Bolz: Es wird den Umgang mit Skandal in der katholischen Kirche jedenfalls nicht leichter machen. Aber eine Hoffnung gibt es für den schwitzenden Pressesprecher.

C & W: Und die wäre?
Bolz: Unter dem nächsten Papst könnte alles wieder ganz anders sein.

Das Gespräch führte Raoul Löbbert.

Erschienen in:
Ausgabe 45/2011
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Medien, Lebensstil