www.zeit.deProbe-Abo

Griechenland

Hab ich wirklich noch die Wahl?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 25/2012

Vor einem halben Jahr beschrieb eine Athener Lehrerin in Christ & Welt, wie ihre Familie die Krise spürt. Seitdem wurde alles schlimmer. Ein Brandbrief vor dem neuerlichen Urnengang

Die Sonne ist noch nicht ganz hinterm Meer hervorgekommen, in der Natur regt sich noch nichts. Gerade habe ich ein paar Weinblätter aus unserem Feld vor dem Haus abgeschnitten. Bis um acht Uhr sollten sie gefüllt sein, danach muss ich in meine Schule, um Deutsch zu unterrichten. Dolmadakia sind bei uns ein beliebtes Mittagessen, es kostet fast nichts, lediglich den Reis muss ich dazukaufen, alles andere haben wir selbst.

Während ich in der Küche hantiere, läuft im Fernsehen eine Morgensendung, die die prekäre Lage dieses Landes so kurz vor den Neuwahlen ziemlich gut widerspiegelt: Eigentlich sollten die eingeladenen Politiker über unser Verhältnis zu den Finanzmärkten und zur EU sprechen, ob sie die Krise noch abwenden könnten. Stattdessen warben alle eingeladenen Volksvertreter nur für sich und schoben dem Gegner die Schuld in die Schuhe. Die Kommunistenführerin Aleka Papariga fand Neuwahlen überflüssig, möchte mit dem Volk nichts zu tun haben, wettert gegen Europa und will den Euro wieder loswerden. Mit der Krise hat sie selbstverständlich nichts zu tun. Nicht anders verhalten sich die Erzfeinde der Linken, die Rechtsextremisten. Auch sie spielen sich als Retter Griechenlands auf und wollen für die Schuldentilgung keine politische Verantwortung übernehmen.

Plötzlich höre ich im Fernsehen das Geräusch schallender Ohrfeigen. Ich schrecke hinter meinen Weinblättern auf und sehe einen Tumult in der Talkshow! Ein junger Vertreter der rechtsextremistischen Partei, ein 30-jähriger Anhänger der Obristendiktatur, schlägt der Kommunistin Liana Kanelli mehrfach ins Gesicht. Davor hatte er bereits einer Vertreterin der gemäßigt linken Partei von Alexis Tsipras ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet, weil sie polemisierte, mit den Rechten würde Griechenland um 500 Jahre zurückgeworfen werden.

In Anbetracht der aufkommenden Extremisten werden wir moderaten Griechen, die wir brav weiter unsere Steuern bezahlen und auf keinen Fall den Euro verlieren möchten, mangels bürgerlicher Alternativen doch wieder die alten Parteien wie Nea Dimokratia oder Pasok wählen müssen. Und das, obwohl wir keinen geringen Groll gegen sie hegen, weil sie uns in abwechselnd ins Chaos gestürzt haben. Die Pasok-Sozialisten haben es gerade besonders schwer in der Wählergunst. Da das Wort „listis“ auf griechisch Dieb bedeutet, wird ihnen das Wortspiel zum Verhängnis: Im Volksmund werden sie nur noch die „Sozialdiebe“ genannt.

Ohnehin glaube ich keiner Partei mehr, die die große Lösung anbietet. Mit kleinen Lösungen würde ich mich schon begnügen: Die existenzielle Grundsicherung wie Nahrung, Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung ist längst nicht mehr gewährleistet.

Meine 30-jährige Bekannte Maria leidet an Leukämie. Seit zwei Monaten muss sie ihre Medikamente selbst kaufen und ins Krankenhaus mitbringen. 1500 Euro kostet die Spritze, die sie regelmäßig benötigt, damit ihr Immunsystem nicht zusammenbricht. Aufgrund der griechischen Zahlungsunfähigkeit liefern die internationalen Pharmakonzerne keine Medikamente mehr. In den Apotheken sind viele Arzneien nicht mehr erhältlich. Jetzt zählt nur noch Bares, und das nach der langen Zeit, in der Medikamente und Krankenhausaufenthalte für die Griechen umsonst waren. Die Polikliniken haben keine Watte, keinen Spiritus und keine Verbände mehr. Der Staat kann die Ärzte nicht mehr bezahlen.

Ähnlich wie den Ärzten geht es auch den Lehrern. In den letzten Monaten haben die Pädagogen noch einmal ein Drittel ihrer Gehälter eingebüßt. Ich bekomme als Gymnasiallehrerin gerade noch 800 Euro im Monat. Es gibt aber immer noch gut verdienende Beamte, die durch Bestechung zu ihren Ämtern kamen und deren Gehalt niemand antastet.

Die griechischen Schüler sind immer weniger daran interessiert, Deutsch zu lernen, seit die Deutschen so brachial die Rettungsschirmherrschaft über unseren Staatshaushalt aufspannen. Pennäler wählen an den Gymnasien lieber Französisch neben Englisch als zweite Fremdsprache. Wohl bald fällt deshalb wegen sinkender Nachfrage meine Stelle weg. Von der Schulbehörde wurde mir bereits mitgeteilt, dass diejenigen Lehrer als Erste ihre Beschäftigung verlieren, die nicht genügend Interessenten für ihren Unterricht zusammenbekommen.

In der dritten Klasse habe ich neulich das Gedicht von Günter Grass über unser von der EU und den Märkten gedemütigtes Land behandelt. In Deutschland gab es dafür Häme. Meine Schüler hat das Gedicht tief bewegt. Vor allem die Stelle: „Was mit der Seele gesucht, gefunden dir galt, wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert./ Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land, dem Dank zu schulden Dir Redensart war.“ Es gibt also doch auch noch in Deutschland Menschen, die Sympathie für uns haben und die uns nicht vergessen!

Fünf junge Leute bekommen von mir kostenlosen Gruppenunterricht in Deutsch. Alle fünf werden sie auswandern müssen, weil sie keine Arbeit mehr haben. Nur die Freundin von Andreas, einem Ingenieur, hat noch ihren Job als Friseuse behalten. Wegen der Bevormundung und Entmündigung des griechischen Volkes durch die Bundeskanzlerin und den Finanzminister schäme ich mich gerade ein bisschen dafür, eine halbe Deutsche zu sein. Kostenlos Deutschunterricht zu erteilen ist meine kleine Wiedergutmachung. Ich kann leider nicht anders helfen. Meine Gruppe möchte in sechs Monaten die Sprache erlernen, und die teuren Deutschkursinstitute könnten die Teilnehmer nicht bezahlen.

Eines macht mich besonders betroffen: Ich wollte den Griechen die schöne deutsche Sprache näherbringen, sie sollte dem Austausch der Kulturen dienen und nicht dazu, Griechen für die Ausreise nach Deutschland fit zu machen, sodass es hier bald keine Ärzte, keine Architekten mehr geben wird, weil unsere Kinder im Ausland arbeiten.

Der Architekt Jannis ist vor einem Jahr entlassen worden. Er hatte in meinem Haus eine Dreizimmerwohnung gemietet, er war ein froher, netter Mensch. Jetzt ist er nur noch nett. Zu allem anderen fehlt das Geld. Er kann sich mit anderen Arbeiten nicht mehr ernähren, muss zurück ins Elternhaus. Seine Eltern richten ihm sein Jugendzimmer wieder ein. Seine Freundin hat ihn verlassen. Er würde gern nach England übersiedeln. Deutsch will er nicht lernen, obwohl ich es ihm kostenlos angeboten habe...

Zu all dem kommt, dass Athen und auch die gesamte Gegend von marodierenden illegalen Einwanderern aus Pakistan, Afghanistan und Nigeria bevölkert wird, die am untersten Ende der Nahrungskette stehen und keine Aussicht auf Arbeit haben. Unter Einsatz ihres Lebens erreichen sie unsere offenen Grenzen, stranden hier und bleiben hängen, weil kein europäisches Land sie uns abnimmt. Wo es nichts zu essen gibt, kommt es zu Morden und Diebstählen, die wiederum Gegengewalt erzeugen.

Vorgestern hat ganz in unserer Nähe ein Medizinstudent einen albanischen Dieb, der in sein Haus eindrang und seine Mutter mit dem Messer bedrohte, durch einen Schuss mit seinem Jagdgewehr getötet. Die Polizei erschien erst gar nicht, sie ist offenbar unterbezahlt oder ausgelastet mit dem Personenschutz für die angefeindeten Politiker. Der Albaner und sein Komplize beraubten in den letzten Monaten so ziemlich alle Häuser in meiner Umgebung. Wir halten uns inzwischen einen Wachhund und haben Sicherheitsschlösser an unseren Türen angebracht.

Im Stadtzentrum von Athen können wir jedenfalls nicht mehr einfach so spazieren gehen. Es gibt Straßen, wo das inzwischen ganz unmöglich geworden ist. Dort herrscht eine schwarze Drogenmafia. In einer anderen Ecke kontrollieren schwer bewaffnete rumänische Kriminelle das Pflaster. Keine staatliche Ordnungsmacht beschützt uns mehr. Das spielt den Rechtsextremen in die Hände. Mancher ältere Athener, der sich bedroht fühlt, holt sich rechtsradikale Schlägertrupps als Leibwache zu Hilfe, wenn er zur Bank oder zum Einkaufen gehen muss. Das bringt den Rechten in den Städten einen großen Wählerzuwachs.

Im Supermarkt werden neben der Kasse Körbe aufgestellt, in die Menschen, die wie wir noch etwas verdienen, Lebensmittel hineinlegen können, die sie für hilfsbedürftige Familien mit kaufen. Meist sind es Grundnahrungsmittel, aber auch Waschmittel oder Süßigkeiten für die Kinder. Sie sind von der Krise besonders betroffen. Ausgehungert sitzen sie zuweilen bei mir im Unterricht, an ihnen wird zuerst gespart. Kirchliche Suppenküchen oder privat organisierte Volksspeisungen, an denen auch ich mitwirke, sollen die schlimmste Not lindern. Der Staat tut für diese Kinder nichts.

Vor ein paar Tagen saß bei mir eine Bekannte auf der Veranda. Wir tranken Kafedaki und sie schwärmte mir vor, wie gut doch Alexis Tsipras, der Vorsitzende des neuen linken Parteienbündnisses Syriza, sei, der in den letzten Wahlen als gemäßigter Linker zum griechischen Shooting-Star wurde. Als ich dagegenhielt, dass sich dieser Herr Tsipras vom Euro verabschieden will, belehrte sie mich strahlend, wie gut es doch sei, mit der Drachme einen Neuanfang zu wagen. Sie sagte wörtlich: „Ich habe nichts mehr außer Schulden bei der Bank und bin nun auf die Hilfe von Freunden angewiesen. Deshalb wähle ich jetzt links.“ Dieser Satz, ausgerechnet von ihr ausgesprochen, macht mich rasend. Als sie die Kredite von den Banken aufnahm und damit ihre Villa baute und einen neuen Mercedes anschaffte, gingen wir unserer Arbeit nach und haben uns wegen der hohen Steuerbelastung keine Urlaubsreise gegönnt. Unser kleiner Familien-Opel genügte auch! Jetzt sollen wir erneut bezahlen für Schulden, die wir gar nicht gemacht haben, für Kredite, die wir niemals aufgenommen haben? Ich komme für ihren Mercedes auf und werde kritisiert, weil ich mich nicht von der linken Anti-Euro-Stimmung mitreißen lasse. Ich erkläre ihr, dass es gerade mein linkes soziales Gewissen war, das mich daran hinderte, Konsumkredite in Anspruch zu nehmen oder irgendwelche faulen Beziehungen zu nutzen, die mir zu einem lukrativen Posten verholfen hätten. Kleinlaut gibt sie zu, dass ich recht hätte, will aber diesen Sonntag trotzdem gegen den Euro stimmen. Sie möchte, wie sie sagt, nicht noch weiter sozial absinken. In den Linken sieht sie ihre einzige Rettung.

Es gibt nur noch eine Minderheit unter den Griechen, die für den Euro stimmen wird. Nicht diejenigen, die mit ihm alles verloren haben, noch weniger jene, die durch ihn noch mehr gewonnen haben. Viele reiche Griechen haben ihr Schwarzgeld längst auf internationalen Konten geparkt und kaufen sich jetzt Immobilien im Ausland.

Ich wage gar nicht daran zu denken, wie die Neuwahlen an diesem Sonntag ausgehen werden. Die vorige Protestwahl, das gebe ich zu, hat auch mir Genugtuung verschafft, als ich sah, dass die Parteien, die das Land in den Ruin trieben, entmachtet wurden. Aber mit Rache lässt sich kein Staat machen. Mit Reue schon eher. Was wir aber ganz sicher brauchen, sind Verbündete, die uns wirklich helfen, nicht den deutschen und amerikanischen Großbanken.

Erschienen in:
Ausgabe 25/2012
Redakteur:
Marga Diamantaki (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Ethik, Wirtschaft