www.zeit.deProbe-Abo

Großes Gott, wir loben dich

Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2013

Um Kinder diskriminierungsfrei religiös zu erziehen, könnte man auch „das liebe Gott“ sagen, erzählte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder vor einer Woche im ZEIT-Interview. Hat sie Recht? Eine Selbstverpflichtung

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder spricht mit ihrer kleinen Tochter auch über Gott. Das verriet sie vor einer Woche in einem Interview mit der ZEIT. Um möglichst diskriminierungsfrei zu erziehen, könnten die Eltern „das liebe Gott“ sagen, sagte die Christdemokratin. Bei Satirekennern rattert sofort die Assoziationsmaschine: Heinrich Böll erzählte in seiner Kurzgeschichte über Doktor Murkes gesammeltes Schweigen schon in den 1950er-Jahren von einem religionspolitisch korrekten Menschen. Besagter Doktor soll Gott nachträglich aus einem Radiobeitrag verbannen und durch die Formulierung „Jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzen. Das wird komplizierter als gedacht: Gott ist über viele Fälle erhaben, höhere Wesen sind es nicht.


So weit wie Bölls Geschöpfe geht die Familienministerin dann doch nicht. Ihre Tochter ist eineinhalb Jahre alt, da sind selbst bei optimaler frühkindlicher Förderung kaum mehr als Dreiwortsätze drin. „Mama, lass uns über jenes liebe höhere Wesen, das wir eventuell verehren, reden“ – einen derart geschlechtssensiblen Satz schafft wohl nicht einmal ein Ministerinnenkind. „Das liebe Gott“ geht da deutlich reibungsloser über die Lippen.

Ob erwachsene Gemeindemitglieder eines Tages aus voller Brust das Kirchenlied „Großes Gott, wir loben dich“, anstimmen? Ob sich die Kantorei mit der Zeile „Wer nur das liebe Gott lässt walten“ anfreunden könnte? Ob sich „Ein feste Burg ist unser Gott“ als Bastion gegen geschlechtsneutralisierende Anwandlungen behaupten kann?

„Das liebe Gott“ klingt so parodieanfällig wie die Bibel in gerechter Sprache. Politiker aus dem Gott-mit-dir-Land Bayern haben sofort dagegen protestiert. Im Internet hob ein Shit-Storm an. Auch ZEIT-Leser kritisieren in Briefen und Mails Schröder heftig. Einen personalen Gott, so das Hauptargument, dürfe man nicht in ein Neutrum verwandeln. Es ist leicht, sich über das transzendente Dingens lustig zu machen. Es ist verführerisch, sich mit theologisch Ernst über das Naive zu erheben. Aber eigentlich ist Kristina Schröders Idee, wie das politische Berlin zu sagen pflegt, ein notwendiger Reformvorstoß. Denn Gott sieht sprachlich mindestens so alt aus wie auf den Bildern eines Schnorr von Carolsfeld. Vater, Höchster, Allmächtiger, Herrgott, kombinierbar mit lieber, guter, gnädiger, gütiger – viel mehr hat die Gott-Lobby über die Jahrhunderte nicht zusammengetragen. Den Spöttern und Lästerern fiel stets mehr ein als den Gläubigen.

Vor einigen Wochen hat Christ?&?Welt unter dem Titel „Die Herrschaft des Kein“ die Sprache der Glaubensprofis kritisiert. „Sie hinterlassen, wenn sie diskutieren, Blamierte und Versehrte. Sie hinterlassen, wenn sie beten, wörtlich Betäubte“, stand da. Triumphierend von Gott zu sprechen ist leicht, gewinnend offenbar schwierig. Papst Benedikt XVI. twitterte kurz vor Weihnachten: „Freudig hört Maria, dass sie die Mutter von Jesus, dem Sohn Gottes, werden soll. Die Einheit mit Gott schenkt die wahre Freude.“ Wirkt das gewinnend? Offenbar, denn der 85-Jährige versammelte in kurzer Zeit mehr als 1,2 Millionen Follower hinter sich. Aber ein wenig steif kommt Gott auch im Flattermedium daher.

Was Predigten und Pontifikalämter nicht schaffen, erledigen bisweilen Prominente. In der Weihnachtsausgabe der Illustrierten „Bunte“ bekannte zum Beispiel die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig, es sei gut zu wissen, „dass es da jemanden gibt, der schützend die Hand über mich hält“. Und sie meinte damit gewiss nicht Peer Steinbrück. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann erklärt, er könne sein Amt angstfrei ausüben, weil er Rückhalt habe bei Gott und seiner Familie. Bei der SPD schwebt Gott schutzengelgleich über den Dingen, bei den Grünen hält er den Rücken frei. Wer recht hat, dürfte dem Publikum gleichgültig sein. Bei beiden kommt Gott gut rüber.

Und gut Rüberkommen ist existenziell. Das Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster fand jüngst heraus, dass jeder fünfte Deutsche sich Gott nach den eigenen Bedürfnissen zurechtglaubt. Die Kirchen, vor allem die katholische, finden Patchwork-Religion mindestens so schlimm wie die Tatsache, dass Elche statt Ochs und Esel zu weihnachtlichen Leittieren avanciert sind. Aber so wie das Christfest ohne Kommerz ähnlich vergessen wäre wie das ökonomisch unerschlossene Pfingsten, so ist auch Gott ohne eine Prise Buddha und Kabbala heute kaum noch vermittelbar. Dogmatik hin, Pfarrer Gauck her. Ganz gleich, ob in die Steintafeln am Berg Sinai auch ein Bilderverbot gemeißelt war: Damit Gott heute überhaupt eine halbwegs feste Burg sein kann, braucht er noch ein paar Adjektive zusätzlich. Er soll tröstlich sein oder grausam, gerecht oder willkürlich, gnädig oder rachsüchtig, schützend oder verletzend, mütterlich oder väterlich. Gerade diejenigen, die glauben, dass der Allmächtige unser Gehirn geschaffen hat und nicht unser Gehirn den Allmächtigen, sehnen sich diese menschlichen Züge herbei.

Journalisten haben keinen Verkündigungsauftrag. Auch dann nicht, wenn sie bei einer Wochenzeitung für Glaube, Geist, Gesellschaft arbeiten. Medienarbeiter werden Pfarrern, Pastoralreferenten und Bischöfen die Arbeit im Weinberg des Herrn nicht abnehmen. Schrille Glaubensbekenntnisse von Publizisten berühren mindestens so unangenehm wie Facebook-Fotos von einer entgleisten Glühwein-X-mas-Party. Aber wir Journalisten können nach Menschen suchen, die aufrichtig, inspirierend und amüsant über den Glauben sprechen. Wir können zeigen: Gott ist nicht langweilig.

Für das neue Jahr hat sich Christ?&?Welt vorgenommen, Kristina Schröders Kinderzimmergedanken ernst zu nehmen. Die Ministerin hat ihren Vorschlag zwar umgehend relativiert, uns hat er inspiriert. Wir werden weniger über die Kirchen schreiben und mehr über das Glauben, wir werden seltener die Christen & die Welt in evangelisch und katholisch unterteilen. Wir werden, wenn Floskelgefahr droht, ein irritierendes „Ach, du liebes Gott!“ einstreuen. Bleiben Sie, liebes Leser, wachsam wie Doktor Murke. Wie wir unsere evangelisch-katholische Truppe kennen, halten wir uns nach zwei Wochen nicht mehr an die eigenen Vorsätze.

 

Erschienen in:
Ausgabe 01/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Familie, Innenpolitik, Jesus