Das Wesentliche: Puritanismus
Gottgefälliges Geld
Aus: Christ & Welt Ausgabe 03/2012
Abrechnung und Rechenbeispiel: Ist politische Korrektheit vor allem eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?

Der Theologe Thomas Baumann steht auf Kriegsfuß mit der Political Correctness. So weit, so gut, das tun viele. Manche finden den Tanz um die möglichst diskriminierungsfreie Bezeichnung albern, manche wittern darin eine neue, aus den USA importierte Zivilreligion. Aber wer wäre jemals darauf gekommen, einen im engeren Sinne religiösen Ursprung hinter der politischen Korrektheit zu vermuten, wie es Baumann in seinem kürzlich erschienenen Buch „Moderne Irrtümer und ihre Herkunft“ (Sankt Ulrich Verlag) versucht? Darin identifiziert er die Puritaner, die er als guter Katholik selbstverständlich auf der Seite der Ketzer verortet, als Vorläufer der modernen politischen Korrektheit. Genauer gesagt: Er problematisiert ihr Verhältnis zum Kapitalismus. Dessen Grundlage ist die protestantische Arbeitsethik, das wusste schon Max Weber. Viel Ethik, viel Arbeit, viel Geld.
Bei politisch korrektem Verhalten geht es laut Thomas Baumann vor allem um Arbeit und Geld. Die Political Correctness deutet er als eine der wirkungsvollsten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen unserer Zeit. Glaubt man Baumann, ist die Schließung eines Opelwerks Peanuts gegenüber den vielen arbeitslosen Frauen- und Ausländerbeauftragten, die unsere Straßen überfluten würden, sollte man je die politische Korrektheit abschaffen. Oder, um es pointiert mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Wenn der schwedische freikirchliche Pastor verurteilt wird, weil er – wohlgemerkt nicht in einem Fernsehinterview, sondern in einer Predigt in seiner Kirche – gesagt hat, dass Homosexualität dem Willen Gottes widerspricht, so finanziert er ja vielleicht gerade damit den staatlichen Zuschuss für eine Antirassismuskampagne oder den örtlichen CSD-Umzug.“
Könnte es aber vielleicht sein, dass das Geld gar nicht das Ziel, sondern die Ursache der Political Correctness ist? Will sagen: Verhalten sich die Menschen wirklich politisch korrekt, um reich zu werden, oder werden sie nicht vielmehr politisch korrekt, weil sie schon reich sind? Fest steht zumindest: Nur wer nicht darüber nachdenken muss, wo er etwas zu essen herkriegt oder wie er den kalten Winter überstehen soll, kann sich getrost anderen Dingen zuwenden, zum Beispiel der Frage, ob man Astrid Lindgrens Pippi-Bücher mit dem Wort „Negerkönig“ wegwerfen und durch die Ausgabe mit „Südseekönig“ ersetzen soll. Und das Tolle ist, dass es sich dabei um eine problema perpetua handelt. Denn was eben noch politisch korrekt war, kann morgen schon wieder als diskriminierend erklärt werden. So werden aus Negern erst Schwarze, dann Farbige… so lange, bis es irgendwann vermutlich einmal „Maximalpigmentierte“ heißen wird. Somit hat sich der saturierte Wohlstandsbürger in Form der politischen Korrektheit einen wunderbaren Zeitvertreib mit hohem ethischem Anspruch geschaffen, ganz gemäß dem schönen Motto: „Wer keine Probleme hat, macht sich welche“.
Nun sollte man allerdings, bei aller berechtigten Kritik an der politischen Korrektheit, nicht in eine reflexhafte Trotzhaltung verfallen und um jeden Preis politisch inkorrekt sein wollen. Es ist ja nicht grundsätzlich falsch, auf seine Wortwahl zu achten und somit die Gefühle anderer zu respektieren. Das Problem ist nicht die politische Korrektheit an sich, sondern ihre Überbewertung. Man kann heutzutage als Manager ein Unternehmen in den Ruin treiben, aber trotzdem mit einer großzügigen Abfindung belohnt werden. Gleichzeitig musste jüngst ein Unipräsident unverzüglich seinen Hut nehmen, weil er – eher beiläufig – angedeutet hatte, Männer könnten für bestimmte Wissenschaftsgebiete besser geeignet sein als Frauen. An solchen Beispielen merken wir, dass unsere gesellschaftliche „Strafverfolgung“ zuweilen aus dem Ruder läuft. Unser Rechtssystem lehnt ein Gesinnungsstrafrecht aus gutem Grund ab und verurteilt nur die Umsetzung in die Tat. Denn schon Jesus mahnte: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“
Sebastian Moll ist evangelischer Theologe und Buchautor. Von ihm erschien zuletzt: „Jesus war kein Vegetarier“.





