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Notizen für die Ewigkeit

Gotteshäuserkampf

Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2012

Wo Norbert Lammert gern zitiert werden will, spricht er präzise.

Norbert Lammert beherrscht die Dramaturgie kirchlicher Empfänge. Seine Sätze sind unendlich lang, die Pausen vor Einschüben, Umstandsbestimmungen und Relativierungen klug gewählt, bis kurz vor der Grenze, wo Zuhörer Angst bekommen, dass er den Faden verliert. Aber der Bundestagspräsident redet souverän. Nur wo er zitiert werden will, greift er zu präzisen Ausdrücken und kommt bald zum Punkt. Er schätzt sein Publikum richtig ein: Es folgt ihm stets willig und lacht an den vorgesehenen Stellen. Hier hat er ein Heimspiel. In der noblen Wolfsburg in Mülheim an der Ruhr, der Akademie des Bistums Essen, ist ihm Beifall sicher, zwischendurch und am Ende ganze 45 Sekunden lang. Die 400 Gäste des Jahresempfangs, gemeinsam ausgerichtet von Bischof Franz-Josef Overbeck und der Akademie, freuen sich über jede Anspielung. Auf die Spannungen zum Beispiel zwischen Bischof und Basis. Das Ruhrbistum muss sparen, mehr als andere Bistümer, denn es ist jung und braucht das Geld, weil es dramatisch geschrumpft ist.

Im Duisburger Norden tobt ein Gotteshäuserkampf. Laien streiten dafür, dass jeweils ihre Kirche vom großen Schließen ausgeschlossen bleibt. Lammert berichtet von Anrufern bei ihm zu Hause im nahen Bochum: Er solle dem Bischof in die Speichen des Sparrads greifen. Das könne er natürlich nicht tun. Aber offenbar ist Lammert der Meinung, dass Laien in solchen Fragen ein paar Worte mitreden können sollten. Denn in Dinge dieser Erde seien nicht alle Geweihten gleich eingeweiht. Er hebt zu einem Schachtelsatz an: Dass ein Geistlicher, zu dessen lang dauernder Ausbildung der Umgang mit Immobilien nicht zwingend und nicht immer gehöre (Lachen), bei der Beurteilung und Bewirtschaftung von Häusern in jedem Fall mit Abstand besser geeignet sei (Lachen in den vorderen Reihen) als ein Laie, dessen Ausbildung und mitunter jahrelange Erfahrung ihn zu einem kundigen Urteil in Fragen von Bauen und Wohnen befähige (Raunen von links), „das erschließt sich mir nicht von vornherein“ (rasch anschwellendes Gelächter, in frenetischen Applaus übergehend).

Bischof Overbeck sitzt in der ersten Reihe und braucht einen Moment, bis er mitlacht. Zwischen Kirche und Welt müsse es knirschen dürfen, sagte Lammert. Overbeck lud zuvor zum Dialog im Bistum ein, „den ich initiiert habe“. In der siebten Reihe beugte sich ein Rentner im flammroten Pullover zu seinem Nachbarn und sagte: „Weil wir ihn dazu gezwungen haben.“ Overbeck spricht von der Kirche und den Kirchen, die in der Gesellschaft sichtbar bleiben sollen. „Kirche“ im Plural kommt nicht jedem katholischen Bischof über die Lippen. Das Dialogprojekt heißt „Zukunft auf katholisch“. Overbeck wünscht sich Initiativen von Gemeinden. Und schränkt ein, dass das Bistum über vieles reden könne, aber in einer Weltkirche mitunter woanders entschieden werde. Nach den Ansprachen und den Einlagen einer Jazzband aus Journalisten bleibt er noch lange und beweist Zuhörqualitäten.

Dagegen bricht sein Kollege Rainer Woelki in Berlin von seinem eigenen Empfang schon nach dem Händeschütteln wieder auf. Sein Weg führt nach Rom. Der Heilige Vater hat zur Audienz gerufen. Manches wird wirklich woanders entschieden.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2012
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Notizen für die Ewigkeit
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Innenpolitik