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Gerechtigkeit

Gott zahlt Mindestlohn

Aus: Christ & Welt Ausgabe 38/2012

Was das Gleichnis vom Weinberg zur Altersarmut sagt. Gedanken der Autorin, Lyrikerin und Theologin Christina Brudereck

Jesus erzählte: Ein Weinbergbesitzer hat viel Arbeit zu vergeben. Es ist Erntezeit. Am frühen Morgen heuert er Tagelöhner an, Kulis, Arbeitssuchende, und vereinbart den Lohn mit ihnen: Einen Silbergroschen sollen sie bekommen für einen Tag Arbeit. Das ist nicht super großzügig, aber fair. Die Arbeitenden sind einverstanden. Fünf Mal noch geht der Weinbergbesitzer an diesem Tag auf den Markt, um Leute zu finden. Ein letztes Mal um fünf Uhr. Dann wird der Lohn ausgezahlt. Der Besitzer fängt mit den Letzten an. Sie bekommen einen Silbergroschen. Genau die Summe, die mit den Ersten vereinbart wurde. Die rechnen sofort: „Wenn man für eine Stunde Arbeit einen Silbergroschen bekommt, wie viel mehr wohl, wenn man den ganzen Tag lang gearbeitet hat?“ Aber ihre Erwartung wird enttäuscht. Die Ersten bekommen genauso viel wie die Letzten.

„Pah“, sagt einer. „Dann komm ich morgen auch spät.“ Der Besitzer meint gelassen: „Was denn? Tarifabkommen! Ihr habt zugestimmt, ich hab’s eingehalten. Stört euch, dass ich großzügig bin?“ Letzte werden Erste sein, Erste Letzte. Was wäre, wenn Konzerne so handeln würden wie der Weinbergbesitzer? Oder Lehrerinnen allen die gleiche Note gäben? Was für eine Gerechtigkeit ist das, wenn der eine, der nur eine Stunde gearbeitet hat, genauso viel bekommt wie derjenige, der seit morgens früh malocht? Wenn diejenigen, die nicht eingezahlt haben in die Rentenkasse, am Ende auch versorgt werden? Solche Geschichten sind keine politischen Reformpapiere. Aber sie wollen uns locken, diese Welt anders anzusehen. Wir brauchen sie zur Erinnerung. Daran, dass es etwas gibt, das man mit Geld nicht kaufen kann. Eine Währung, die uns anders erfüllt, als ein Gehalt es jemals könnte, ein Lohn, ein Silbergroschen. „Ungerecht!“ Unsere Art zu rechnen eckt an mit Gottes Art: großzügig, gerecht, gnadenvoll, ohne Bedingung, ohne Unterschied.

Was, wenn dieses Gleichnis Maßstäbe gesetzt hätte? Dann wäre vielleicht am nächsten Morgen niemand auf dem Marktplatz erschienen. Weil der Wettbewerb fehlte, funktioniert das Ganze nicht mehr. Wenn es sowieso Altersruhegeld gibt – warum dann überhaupt noch arbeiten? Die Arbeiter tauchten um fünf Uhr auf und lachten sich schon ins Fäustchen. Aber da war der Besitzer nicht da. Er hatte seinen Weinberg verkauft, meistbietend, versteht sich. Alles blieb beim Alten. Eine einmalige Laune, ohne weitere Wirkung. Hier sehe ich die größte Not unserer Zeit, die sagt: „Wir können eh nichts ändern und gehen doch am Ende leer aus.“ Aber was, wenn die Geschichte anders mit uns weiterginge? Und sich in den Alltag einmischte, in den Alltag von Kulis, Textilarbeiterinnen, Arbeitern und Rentnerinnen? Was passierte, wenn wir uns mit den Letzten identifizierten? Was für ein Erlebnis! So beschenkt zu werden! Mehr zu bekommen als ausgerechnet. So viel hatten die Kulis schon ganz lange nicht mehr verdient. Na ja, verdient? Es war eigentlich ein Geschenk. Gratis, gratia, grace, Gnade. Es bedeutete: satt werden, Selbstvertrauen, Glück.

Und es bedeutete: Als der Nächste um Hilfe bat, um Nachsicht, als der Nachbar und das Nachbarland Unterstützung brauchten und die Generation neben einem, die Älteren, die Ärmeren – da konnte niemand mehr sagen: „Mir hat ja auch noch nie jemand irgendwas geschenkt.“ Bekommt jeder Mensch, was er verdient? Wäre das gerecht? Wären wir dann wirklich zufrieden? Ehrlich: Bekommen wir nicht alle mehr? Sind nicht der Wind, das Grün, die Sonne, das Leben sowieso geschenkt? Dürften wir das Wasser privatisieren? Ist Gott großzügig, was rechne ich? Erste und Letzte? Diese Kategorien sind in Gott aufgehoben. Alle sind Beschenkte. Alle haben etwas zu geben.

Ich stelle mir vor, Jesus unterbricht diese Nach-Erzählungen. „Menschenskinder! Es geht doch gar nicht um den Lohn. Das Leben ist ein Geschenk!“ Dann reichte er seinen Vertrauten den Kelch mit Wein. Und sagte: „Ich schenke. Ich gebe alles. Ein Beispiel dafür, dass Hingabe echte Größe ist und selig macht. Erinnert euch gegenseitig: Es gibt mehr als das, was man kaufen kann. Im Abendmahl feiern wir das Teilen. Es reicht für alle.“

Erschienen in:
Ausgabe 38/2012
Redakteur:
Christina Brudereck ()
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Lebensstil, Jesus, Wirtschaft