Brauchtum
Gott sieht alles
Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2011
Glaube braucht Gefühl. Und auch Mut zum Kitsch. Liebevoll verzierte Kreuze, ein Jesuskind mit Pausbacken und Maria als milde Mutter: das war eine Sprache, die einst viele Katholiken verstanden. Ein neues Buch erinnert an diese Volksfrömmigkeit vergangener Tage. Ist religiöse Erbauung überhaupt noch möglich?

Als das ZDF anno 2004 die liebsten Bücher der Deutschen ermittelte, schaffte es Paulo Coelhos „Der Alchimist“ auf Platz acht, während die „Blechtrommel“ auf Position 48 zum literarischen Little Drummer Boy schrumpfte. Lese-Experte Hellmuth Karasek zürnte. „Der Alchimist“ sei ein „schwachsinniges Erbauungsbuch“, verkündete er ex cathedra vom ZDF-Sofa. Erbauung, lautet ein Dogma der Hoch- bis Mittelkultur, ist unbedingt zu vermeiden. Der gebildete Leser darf zwar fühlen, aber er darf sich nach der Lektüre keinesfalls besser fühlen müssen als vorher.
Die Coelhos sehr vergangener Jahrhunderte hießen zum Beispiel Thomas von Kempen („Vier Bücher vom wahren Christentum“, 1605), Franz von Sales („Anleitung zum frommen Leben“, 1609) und Hieronymus Oertl („Geistlicher Frauenzimmerspiegel“, 1681). Damals wie heute war der Leser eher eine Leserin. Die christliche Erbauungsliteratur mühte sich ums sittliche Dasein der Weiblichkeit, sie offerierte mit intellektuell niedrigschwelligen Mitteln höhere Tugenden. Auf dass frommen Frauen das Schicksal einer Madame Bovary erspart bleiben möge.
Handpostillen und Christenspiegel sind mittlerweile ein Fall für Kirchen?soziologen. Das Wort Erbauung ist tot, die Sehnsucht nach Hilfe und Trost aber bleibt. Die Nachfolger der frommen Bestseller stehen als spirituelle Literatur in den Kulturkaufhäusern oder laufen als Coaching-Format bei RTL. Die Kundschaft lockt die Aussicht auf ein „gelingendes“ Leben im Hier und Jetzt. Für Tugend, die im Himmel belohnt wird, ist es zu spät.
Die Hoffnung in Buchform verkauft sich glänzend und sieht glänzend aus: Auf polierten Seiten machen sich Blütenblätter in extremer Nahaufnahme breit, für die spirituelle Aufladung sorgt ein Satz aus dem Munde einer Hildegard von Konfuzius-Coelho. Naturmotive – vom Schneekristall bis zum Wüstensand – haben das biblische Personal abgelöst. Im Andachtsbüchlein der Urgroßmütter senkte Maria verlegen den Blick, heute schaut die fast heilige Margot der Kundschaft vom Cover aus mitten ins Gesicht.
Der österreichische Künstler Thomas Parth, dessen Bilder wir auf dieser und der nächsten Seite zeigen, traut sich trotz allem, sein neuestes Werk als „Erbauungsbuch“ zu kennzeichnen. Er hat in Tirol die welken Blüten alpenländischer Volksfrömmigkeit systematisch festgehalten: Kapellen, Wegkreuze, Votivtafeln, Heiligenfiguren, den Gekreuzigten mit und ohne Dornenkrone, allein oder in der Kreuzigungsgruppe. Es gibt Ganzkorpusaufnahmen und allein acht Fotos von verschiedenen Lendenschurzen.
Lichtorgel statt Harmonium
„Gott sieht alles im heiligen Land Tirol“ hat er das Buch genannt. Aber Gott hat keine Spiegelreflexkamera dabei, und Thomas Parth offensichtlich auch nicht. Seine Fotos sehen so aus, als habe Großonkel Franzl sie fürs Familienalbum geknipst. Wie ein volkstümliches Gegenstück zu perfekt ausgeleuchteten Ars-Sacra-Prachtbänden. Im Volkston erklärt der Tiroler in kleinen Texten, was es mit der Dreifaltigkeit, der Schmerzensmutter und dem kleinen Jesulein auf sich hat. Der fünfjährige Jesus, weiß Parth zu berichten, konnte andere Kinder tot umfallen lassen. „Dieses Kindheitsevangelium wurde nicht in die Bibel aufgenommen“, vermerkt der Autor lakonisch. Ist das erbaulich oder bricht da einer Steine aus dem Kirchenbau?
Ganz in Schwarz hat Parth sein Werk gehüllt, wie ein altes Gebetbuch liegt es in der Hand. Der vorkonziliar sozialisierte Katholik ist geneigt, bei diesem haptischen Gefühl ein demütiges Lied anzustimmen: „Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschar“. Doch die ersten Sätze des Büchleins verströmen keinen Kirchenliedsound, Parth wirft statt des Harmoniums die Lichtorgel an. Er erzählt im Vorwort aus der Dorfdisco. Ein fremdes Mädchen bezauberte in seiner Jugend ihn und seine Freunde. Ein Mädchen aus einer anderen Liga, schwärmt er. Der jüngste der Jungs fiel vor der Schönen auf die Knie und rezitierte ergriffen: „Du lobwürdige Jungfrau/ Du gütige Jungfrau/ Du Sitz der Weisheit/ Du Ursache unserer Freude/ Du geheimnisvolle Rose.“ Für heutige Teenager kaum vorstellbar: Der Junge wollte weder Maria noch das Mädel beleidigen. Als katholischer Bub kannte er kein größeres Kompliment.
Thomas Parth blamiert diese alte katholische Welt nicht, er klagt die Kirche nicht wegen Volksverdummung an. Das heilige Land Tirol bleibt Heimat, gerade weil das Blattgold an manchem Heiligenschein so rührend angekratzt ist. „Es ist vorbei“, flüstern die Fotos. „Vergesst uns nicht!“, flehen manche Heilige stumm. Verloren und ein bisschen schief stehen die einstigen Volkslieblinge in Ecken herum, dahinter bröckelt die Wand; die Sonnenblumen vor dem bekrönten Jesuskind in der Kapelle des Wintersportmekkas Fiss lassen die Köpfe hängen. Was Parth bescheiden als Erbauung tituliert, offenbart sich als raffinierte Melange aus Wehmut, Staunen und ironischem Ernst. Zurück zum Alten will er nicht.
Erbauung war in früheren Jahrhunderten die Kehrseite der Angst. Nach Erbauung sehnte sich, wer die Knie wund gescheuert hatte von Dauerdemut, wer zu oft Erniedrigung verspürte. Der Katholizismus schlug Wunden und gab die Salbe gleich mit: Maria hörte als beste Freundin selbstloser zu als die Klatschweiber im Dorf und erst recht aufmerksamer als der eigene Ehemann. Der heilige Antonius half beim Schlüsselsuchen, der Jesus am Wegkreuz winkte dem Betrunkenen heim. Diese Gottesmutter, dieser Heilige und dieser Heiland flößten Gläubigen keine Furcht ein. Die Volksfrömmigkeit zelebrierte zwar die Höllenangst mit Heulen und Zähneklappern, aber die Hände der Kunsthandwerker blieben ruhig genug, um jede Falte eines Gewandes zu drapieren und jede Pore im Gesicht der Gottesmutter rosarot zu malen.
So schwachsinnig, wie Literaturpäpste von der Couch aus behaupten, war Erbauung mitnichten. Sie zeugte von einer sinnvollen Überlebensstrategie. Der schlicht-schlaue Katholik des 17., 18. und 19. Jahrhunderts durchsuchte die Religion nach Nützlichem und Aufmunterndem, nach Menschlichem und Alltagstauglichem. Nur mit Normen und Rigorismen hätte er es nicht aushalten können. Der Mensch fügte sich in sein Schicksal, und der Glaube fügte sich ins Leben.
Das Wort Patchwork kannte damals kein Bergbauer, Buddha hatte es noch nicht über die Alpen geschafft. Aber zurechtgeflickt und passend gemacht wurde Religion auch in der Tiroler Bergwelt. Volksfrömmigkeit meint auch die selbst gebastelte Glaubensdecke voller katholischer Motive, ein bisschen zerfetzt, nicht ganz auf Kante genäht, aber schön weich. Rom war weit, und Hauptsache, das Flickwerk wärmte. Volksfrömmigkeit ist nichts anderes als eine Patchworkreligion, bloß ohne Dalai Lama und Kabbala.
Glauben für die Hosentasche
Wer baut schon noch eine Kapelle, um Gott zu danken? Wer hängt sich ein Kreuz mit Korpus vors Haus? Heutige Frömmigkeit gibt sich individuell. Mit Handschmeichlerkreuzen und Schutzengeln verdienen moderne Devotionalienhändler ihr Geld. Gott sieht alles, auch das kleine glatt polierte Kreuz für Zwischendurch entgeht ihm nicht. Aber die Fotografen, die sehen von unserer Hosentaschenfrömmigkeit in 100 Jahren nichts mehr. Sie verschwindet so spurlos wie das wunderschöne Mädchen nach dem Marienlob.
Es verließ die Disco und erschien nie wieder.





