Geistesgegenwart
Gott lacht in den Sternen
Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2012
Ist Theologie mit Astronomie vereinbar? Der Weltraum-Experte und ehemalige Dominikanermönch Jacques Arnould über Glauben, Wissen und unbekannte Flugobjekte

Christ & Welt: In einem Ihrer Bücher zitieren Sie Edgar Allan Poe, wonach „ein wenig Wissenschaft uns von Gott entfernt, mehr Wissenschaft uns zu ihm zurückbringt“. Hat Poe recht?
Jacques Arnould: Wenn man auf die Geschichte der Moderne zurückblickt, scheinen sich die Wissenschaft und Gott nicht gut zu vertragen. Die Entdeckungen eines Galileo oder eines Darwin haben uns auf den ersten Blick Gott nicht nähergebracht. Ein doppelter Trugschluss! Erstens sollte man Gott nicht mit den Systemen verwechseln, die um seine Existenz herum konstruiert wurden. Die Existenz Gottes bleibt stets eine Frage, die wir nicht so schnell klären können. Zweitens sollte man die Wissenschaft nicht auf ihre technischen Aspekte reduzieren. Es ist eine Vereinfachung, zu behaupten, sie sei eine sichere Sache, weil sie einfach funktioniert. Die Satelliten kreisen um die Erde; Raketen werden erfolgreich in die Erdumlaufbahn geschickt. Alles Beweise, dass Wissenschaftler recht hätten. Uns Adam und Eva zu servieren bringe daher nichts… Das ist die gängige Denkweise, die uns tatsächlich von Gott entfernt.
C & W: Wie lautet die Alternative?
Arnould: Wenn man die wissenschaftliche Methode näher betrachtet und entdeckt, dass sie mehr mit Suchen als mit Wissen zu tun hat, ist die Perspektive gleich ganz anders. Wenn die Wissenschaft nicht auf eine Anhäufung von Kenntnissen reduziert wird, ist sie für jeden, der Gott als Frage versteht, geradezu eine Anregung. Denn sie nährt den fragenden, forschenden Geist. Nach meiner Erfahrung sind Forscher keine arroganten Menschen mit zementierten Sichtweisen. Vielmehr machen sie das stete Fragen zu ihrem Lebensstil. Daher können sie sehr wohl in Dialog treten mit allen, für die Gott nichts Selbstverständliches ist, etwas, was man in einem Schrank abstellen könnte.
C & W: Die Frage nach der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Gott, von Vernunft und Glauben stellt sich die Philosophie doch seit Urzeiten.
Arnould: Gewiss. In dieser Debatte gibt es auch alle denkbaren Positionen. Jeder fragt sich, was die räsonierende Vernunft, die einem manchmal so kalt erscheint, mit dem Glauben als Elan und mit Hoffnung zu tun hat. Der Glaube muss Begeisterung sein – ein Enthusiasmus. Ich mag dieses Wort, auf Altgriechisch die „Besessenheit durch Gott“, weil es auf eine innere Dimension hinweist. Die Vernunft hingegen, die Ratio, macht nicht immer Spaß. Es ist also ein Spagat, den jeder für sich aushalten muss.
C & W: Welchen Weg schlagen Sie vor?
Arnould: Was wäre ein Werk der Vernunft, eine Haltung, die das Menschliche im Glauben ignoriert? Unter Glauben verstehe ich nicht nur etwas Religiöses, sondern ein Vertrauen, das man einbringt, wenn der Rückgriff auf das Handfeste nicht möglich ist, ein Wagnis des Unbekannten. Eine Vernunft, die so etwas außer Acht lässt, wäre nicht mehr menschlich. Umgekehrt wäre eine dem Enthusiasmus verfallende Vorgehensweise auch nicht menschlich, wenn sie nicht die Anerkennung des anderen mit der rationalen Suche nach einem Stück Wahrheit verbinden würde. Glaube und Vernunft sind gewissermaßen Gegensätze. Der eine sagt: Lebe, was du denkst. Die andere sagt: Wie kannst du so naiv sein? Doch beide gehören zum Menschsein!
C & W: Bei den Vorbereitungen zum Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils befasst sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema „Wissenschaft und Religion“. Wie positioniert sich die katholische Kirche in dieser Debatte?
Arnould: Es fällt schwer, davon ein einheitliches Bild zu zeichnen. Im Allgemeinen bin ich optimistisch. Die Kirchen – und besonders die katholische Kirche – haben mit Blick auf ihre Beziehung zur Wissenschaft Fortschritte gemacht. Das wird evident, wenn man die vier vergangenen Jahrhunderte zum Vergleich heranzieht. Die Kirche sah mit Skepsis diese Macht aufziehen, die nicht die Religion bekämpfte, sondern bloß ihre Autonomie behaupten wollte. Die Autorität der Wissenschaft war die Autorität der Fakten. Plötzlich entdeckte man Berge auf dem Mond, die Sonne war nicht mehr so perfekt und die Erde so unvollkommen?… Eine ganze Kosmologie wurde unter Beweis gestellt. Das beunruhigte die religiöse Institution: Wohin führt es, wenn man anfängt, alles zu hinterfragen? Die Wissenschaft war viel zu beschäftigt, um sich mit der Theologie zu befassen. Der Konflikt war eine Art Nebenwirkung.
C & W: Ist der Konflikt jetzt beigelegt?
Arnould: So einfach ist es nicht. Die Angst vor der Wissenschaft, die als verstörend empfunden wird, ist bei einigen noch spürbar. Vor zwei Jahren wurde zum Beispiel der 200. Geburtstag von Darwin gefeiert. Ein Bischof – wer, könnte ich nicht mehr sagen – sagte dazu: „Ich bin zufrieden, weil Darwin nicht recht hatte.“ Als ob es darum ginge! Das zu hören macht mich sehr skeptisch. Wir müssen Barrieren abbauen, weil sich die Gesellschaft für die Wissenschaft mit wachsender Neugier interessiert.
C & W: Geht es darum, mit der Zeit zu gehen? Wo befinden sich die
restlichen Baustellen?
Arnould: Der Schwerpunkt der katholischen Katechese liegt seit rund 30 Jahren auf einer narrativen Pädagogik. Das bedeutet, dass Kinder und Heranwachsende Zugang zum Glauben durch eine Erzählung – die Bibelgeschichte – bekommen sollen. Es ist verständlich und effektiv. Das Risiko besteht darin, diese Geschichte für die bloße Realität zu halten. So sind Kinder verwirrt, die dann im Biologieunterricht ganz anderes über die Entwicklung der Menschheit hören. Ob man die Liturgie wieder in den Mittelpunkt der Katechese stellen sollte, ist nicht ausgemacht. Doch es wäre wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Außerdem ist die Ignoranz über die Wissenschaft – was sie ist, wie sie funktioniert – noch viel zu groß. Das bezieht sich keineswegs nur auf Katholiken! In der Debatte über den Klimawandel wurde deutlich, dass die meisten von uns Wissenschaftler mit Experten verwechseln. Es wird von der Forschung erwartet, dass sie Lösungen anbietet.
C & W: Ist Unkenntnis ein Nährboden für Missverständnisse?
Arnould: Ja. Die Kontroversen um Darwins Theorien zeigen das auch. Die Gegenseite wird so verachtet, dass man den Feind nicht mal kennenlernen möchte. Das gilt in beiden Richtungen. Ich hatte mir sehr viel von dem Buch des Biologen Richard Dawkins, „Der Gotteswahn“, versprochen. Ich war sehr enttäuscht!
C & W: Sie warnen Wissenschaft und Religion vor gegenseitigem Missbrauch. Was kann man sich darunter vorstellen?
Arnould: Lesen Sie zum Beispiel einige Anhänger des Kreationismus. Einige ignorieren die Wissenschaft relativ konsequent. Andere stellen ihre Thesen als wissenschaftlich vor: eine große Falsifikation, die von mangelndem Respekt vor der Arbeit der anderen zeugt. Ein anderer Missbrauch liegt in der Idee, dass Gott als „Lückenbüßer“ fungiere. Gott ist die Erklärung für alles, was man sonst nicht erklären kann: die Geheimnisse der Natur, die Ordnung der Welt. Der Apostel Paulus erwähnt dieses Staunen schon in den Briefen an die Römer. Im Angesicht der Unendlichkeit ist der Glaube an einen Gott – wenn nicht Jesus Christus – so etwas wie der Königsweg.
C & W: Was ist daran denn gefährlich?
Arnould: Gefährlich ist, dass man aus einer Frage den Beweis für die Existenz Gottes schlussfolgert. Hier am CNES haben wir eine Ufo-Abteilung für Erscheinungen, die nicht anders erklärlich sind! Ähnlich würde man sagen, die Komplexität der Welt sei auf Gott zurückzuführen, weil ich sie mir sonst nicht erschließen kann. Was passiert aber, wenn morgen die Fragen von heute beantwortet werden, wenn die Wissenslücken schrumpfen? Gott passt nicht mehr rein, für ihn gibt es keinen Platz mehr! Einmal mehr wird er für tot erklärt! Schon der belgische Abbé Georges Lemaître warnte Papst Pius XII., als dieser die Theorie des Urknalls als Beweis für die Richtigkeit der Schöpfungsgeschichte heranziehen wollte.
C & W: Beim CNES arbeiten Sie als Experte für ethische Fragen.
Warum braucht eine Agentur für Weltraumforschung jemanden wie Sie?
Arnould: Zuerst muss ich etwas klarstellen: Hier bin ich nicht als Theologe angestellt. Im laizistischen Frankreich gehört es sich nicht, in einer öffentlich-rechtlichen Institution über theologische Fragen zu diskutieren. Meine Rolle besteht vor allem darin, die Wissenschaftler dazu aufzufordern, Gründe und Konsequenzen ihres Tuns mit Blick auf die Menschen und die Erde nicht zu vergessen.
C & W: Warum verpufft so viel Geld im All? Sollte man nicht besser unsere wirtschaftlichen, ökologischen oder politischen Probleme lösen?
Arnould: Als ob mit Geldscheinen ausgestopfte Raketen ins All geschickt würden! Von Verschwendung kann keine Rede sein, weil die Raumfahrt eine Industrie ist; ihre Investitionen unterstützen die Wirtschaft. Auch sollte man immer die Relation im Kopf haben. Eine Erkundungsmission auf dem Mars kostet kaum mehr als die weltweite Ausstrahlung einer Sportveranstaltung wie der Fußball-WM. Die Gesellschaft muss sich über ihre Prioritäten klar werden.
C & W: Kritiker der Raumfahrtindustrie beklagen die militärische Nutzung und die Überwachungstechnologien, die Freiheiten bedrohen. Wie sehen Sie das?
Arnould: Wir befinden uns tatsächlich in einer extrem überwachten Gesellschaft. Die Gefahren darf man nicht leugnen. Doch wir sind dadurch verantwortlich füreinander geworden. Damit will ich sagen, dass im Gegensatz zu den Vierzigerjahren niemand mehr sagen kann: Über dieses Verbrechen wusste ich nicht Bescheid. Was militärische Spionage angeht, darf man auch Fortschritte nicht außer Acht lassen: Frankreich und andere Europäer sind beim zweiten Konflikt im Irak nicht einmarschiert, weil sie über eigene Informationen verfügten. Die europäische Kooperation ist ein wichtiges Ziel. Insgesamt ist das Wichtigste und Wunderbare an Weltraumprogrammen: Sie fördern Phantasie und Zusammenarbeit. Klettverschlüsse wurden nicht im All erfunden – so lautet ein gängiges Bonmot –, sondern auf der Erde. Was die Raumfahrt uns beigebracht hat, ist zusammenzuarbeiten. Zum ersten Mal sind vor kurzem russische Sojus-Raketen aus Französisch-Guayana gestartet. Eine Premiere!
C & W: Inwiefern hat die Raumfahrt die Menschheit verändert – wie Hannah Arendt einmal fragte, mit Blick auf die Conditio humana?
Arnould: Was man vom Humanismus gesagt hat, gilt meiner Meinung nach auch für die Raumfahrt: Es ginge darum, die Dimension der Menschheit auf die Welt auszudehnen und die Welt auf die Dimension des Menschen zurückzubringen.
C & W: Und wo bleibt Gott?
Arnould: Gott? Er lacht, denn er ist an seinem Platz in den Sternen – obwohl Gagarin ihn nicht gesehen haben soll – genauso wie unter uns Menschen!
Das Gespräch führte Claire-Lise Buis.
Lesetipp: Jacques Arnould: Icarus’ Second Chance. The Basis and Perspectives of Space Ethics. With a Foreword by Buzz Aldrin. Springer Verlag, Wien 2011. 202 Seiten, 106,95 Euro. Im Netz zu lesen auf der Seite www.springer.com.





