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Selbstverständnis

Gott ist der Maßstab, nicht das eigene Ich

Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2013

Ein Amtsträger muss ganz und gar katholisch sein, sagt der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Er darf sich aus dem Glaubensschatz der Kirche nicht nur das herauspicken, was ihm gefällt

Foto: Hermann J. Knippertz/dapd/ddp

Wie katholisch muss ein Amtsträger sein? In einem Wort könnte die Antwort lauten: „Ganz!“ Das geht schon aus der griechischen Wurzel des Begriffs hervor, der so viel wie „Ganzheit, Vollständigkeit, Fülle“ bezeichnet. Katholizität ist von daher kein Gemischtwarenladen, aus dem man sich das aneignet, was einem liegt, und das andere beiseitelässt. Katholizität ist die Bezeichnung für einen Organismus, dessen Teile in lebendiger Verbindung untereinander stehen. Ähnlich wie im menschlichen Körper, in dem die Organe nur lebendig sind, wenn sie mit dem Gesamtorganismus in Verbindung sind, so ist es mit den Gliedern der katholischen Kirche: Die Berufung jedes Einzelnen ist eingebettet in das Ganze der Kirche.

Dabei gibt es zwischen den Teilen und dem Ganzen durchaus eine Wechselbeziehung. Die katholische Kirche an einem Ort ist zum Beispiel nur so lebendig, wie gläubige katholische Christen sich durch ihr Lebenszeugnis, ihren Einsatz und ihren Glauben den Sendungsauftrag Jesu zu eigen machen. Aber umgekehrt gilt: Der Glaube lebt vom Zeugnis, vom Weitersagen – nicht nur gegenwärtig, sondern vor allem durch die Geschichte! –, und daher notwendig von der Gemeinschaft der Kirche. Lebendiges katholisches Christsein ist nur möglich, wenn wir uns beschenken lassen vom Wort Gottes, den Sakramenten und dem, was wir den Glaubensschatz der Kirche nennen.

Die Kirche wiederum lebt und existiert nicht durch menschliche Größe (oder Schwäche), sondern allein durch Gottes Kraft und Willen. So gibt es nur einen „Hirten“ der Kirche, und das ist Jesus Christus selbst. Aller Hirtendienst in der Kirche gibt nur Anteil an diesem einen Hirtendienst Jesu Christi. Das dreistufige Amt in der Kirche – Bischof, Priester, Diakon – hat die Aufgabe, den Hirtendienst Jesu Christi in seiner Kirche konkret, präsent und berührbar zu machen. Voraussetzung dafür ist die feste Überzeugung, dass die Kirche nicht irgendeine menschliche Organisation ist, sondern ein Organismus, der von Christus selbst gestiftet, geführt und gelenkt wird und der dazu über die Fülle dessen verfügt, was zum Heil der Menschen notwendig ist – siehe oben „katholisch“.

Dazu gehört auch die Glaubensüberzeugung, dass die Bischöfe in Verbindung mit dem Papst in Fragen des Glaubens und der Moral „Dolmetscher“ des Willens Gottes sind – nicht aus eigener theologischer oder menschlicher Vollkommenheit, sondern weil sich Christus selbst an seine Kirche bindet und sie zu Dolmetschern seiner Botschaft macht: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“ (Lk 10,16).

Ohne diesen Glauben und ohne dieses Vertrauen könnte ich als Weihbischof beispielsweise mein Amt nicht ausführen. Ich tue dies aber mit Freude und trotz meiner Grenzen als Mensch, weil ich fest darauf vertraue: Das, was ich zu geben und verkünden habe, ist nicht auf „meinem Mist“ gewachsen, sondern stammt vermittelt durch die Kirche Jesu Christi letztlich von Gott selbst. Und das bedeutet in der Konsequenz: Maßstab meiner Verkündigung ist nicht das, was ich mit meinem begrenzten Verstand derzeit einsehe, sondern Maßstab der Verkündigung ist der Glaubensschatz der Kirche. Daran muss auch ich mich immer wieder messen. Wenn es Bereiche des Glaubens oder der Moral gäbe, die ich nicht akzeptieren könnte, dann wäre ich als Amtsträger der falsche Mann am falschen Platz.

Katholischsein bedeutet vor diesem Hintergrund das Vertrauen: Gott ist größer als ich, und ich traue Gott mehr zu als mir selbst. In der Glaubens- und Morallehre der Kirche spiegelt sich die Weisheit Gottes wider – auch dort, wo sie mein Fassungsvermögen übersteigt.

Wie katholisch muss also ein Amtsträger sein? Die Antwort: ganz! Würde ich nur zu ausgewählten Elementen der katholischen Kirche Ja sagen und andere verneinen, dann machte ich mein eigenes Ich zum Maßstab dessen, was katholisch ist. Ich bin dankbar, der katholischen Kirche als einer Gemeinschaft anzugehören, die mich davor bewahrt.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2013
Redakteur:
Dominik Schwaderlapp (Generalvikar, Erzbistum Köln)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Papst, Lebensstil, Jesus