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Neuerscheinung

Glauben ist Glauben ist Glauben

Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2012

Der alte Mann und das Kind: Papst Benedikt XVI. hat sein drittes Jesus-Buch veröffentlicht. Es ist ein Skandal mit Ansage

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Die Theologin Uta Ranke-Heinemann haderte jüngst in Sandra Maischbergers Talkshow mit der katholischen „Märchenreligion“. Vor 25 Jahren hatte sie wegen öffentlicher Zweifel an der Jungfrauengeburt ihre Lehrerlaubnis verloren, bei Maischberger verlor sie nur noch ihren Ohrstöpsel. Deutsche Bischöfe schweigen mittlerweile zu dem ganzen Themenkomplex, es gibt schließlich Wichtigeres als Unterleibsgeschichten. Taugt die Jungfräulichkeit nicht mehr zum Skandal?

Doch. Das schreibt der Papst höchstselbst. Das dritte Buch seiner Jesus-Reihe soll sich zwar mit dem Kind befassen, aber in der ersten Hälfte widmet sich Joseph Ratzinger ausschließlich der pränatalen Phase. Buddhistisch sanft spricht der 85-Jährige das Thema an: „Ist es also wahr, was wir im Credo sagen: ,Ich glaube… an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria‘? Die Antwort lautet ohne Einschränkung: Ja.“

Eine Uta Ranke-Heinemann wird von Joseph Ratzinger nicht einmal ignoriert. Kirchenvater Augustinus bekommt überraschend einen Rüffel, der Chefdenker einer kirchenähnlichen Vereinigung hingegen erntet Lob: „Karl Barth hat darauf aufmerksam gemacht, dass es in der Geschichte Jesu zwei Punkte gibt, an denen Gottes Wirken unmittelbar in die materielle Welt eingreift: die Geburt aus der Jungfrau und die Auferstehung aus dem Grab, in dem Jesus nicht geblieben und nicht verwest ist. Diese beiden Punkte sind ein Skandal für den modernen Geist.“

Wer katholisch sein will, sollte demnach sein Heil nicht in talkshowgängigen Erregungsangeboten suchen, sondern im Skandal des Christentums: im Geheimnis und im Gehorsam. Joseph Ratzinger nimmt, wie in den beiden älteren Jesus-Bänden, naturwissenschaftliche und historische Einwände ernst, doch er nimmt sie nicht an: Nein, Maria und Joseph waren kein normales Ehepaar; nein, Jesus hatte keine Geschwister; nein, der Stern über Bethlehem war keine optische Täuschung. Gerade das Unwahrscheinliche macht Gott wahr.

Der alte Mann und das Kind – auf Seite 69 kommt diese Kombination endlich zustande. Benedikt XVI. gibt im Kapitel über den Stall von Bethlehem mitnichten den Märchenonkel, eher schon den katholischen Hemingway. Die rührende Story, raunt er, ist nicht ohne den schockierenden Tod am Kreuz zu haben. Benedikt verzichtet auf süßliche Krippenidylle ebenso wie auf Süßer-die-Kassen-nie-klingeln-Konsumkritik.

Der alte Mann will das Mehr: Ratzingers Weihnachtsthema ist das Verhältnis von göttlicher Gnade und Freiheit, da legt er jede buddhistische Sanftheit ab: „Gott ist Liebe. Aber die Liebe kann auch gehasst werden, wo sie das Heraustreten über sich selbst hinaus fordert. Sie ist nicht romantisches Wohlgefühl. Erlösung ist nicht Wellness, ein Baden im Selbstgenuss, sondern gerade Befreiung von der Verzwängung ins Ich hinein. Diese Befreiung kostet den Schmerz des Kreuzes.“

Bis zum Schluss bleibt ungeklärt, ob Jesus eine unbeschwerte Kindheit hatte oder ob er ein guter Schüler war mit optimal vernetzten Synapsen. Solche Spekulation überlässt der Papst den Apokryphen.

Jungfrauengeburt und Auferstehung dagegen sind für ihn die wahren Prüfsteine katholischen Glaubens. Da sieht der Leser Uta Ranke-Heinemann schon den Kopf schütteln. Da hört er den deutschen Episkopat schon das Wort „Kommunikationsproblem“ murmeln. In diesem Buch findet ein alter Mann zu einem reifen Kinderglauben. Und Kinder sind ganz schön anstrengend.

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI: Jesus von Nazareth. Prolog. Die Kindheitsgeschichten. Herder Verlag, Freiburg 2012. 176 Seiten, 20 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 48/2012
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Papst