www.zeit.deProbe-Abo

Ethik

Gibt es das Recht auf ein Kind?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2011

Familienministerin Kristina Schröder will künstliche Befruchtungen wieder bezahlen. Und setzt sich über alle Bedenken hinweg. Was sie versprechen will, kann niemand halten.

Kristina Schröder, die Bundesfamilienministerin, hat alle Fragen schon hinter sich gelassen. Sie will Eltern den Kinderwunsch wieder bezahlen, wenn er nur durch eine künstliche Befruchtung zu erfüllen ist (siehe Links unten). Die Krankenkassen haben die Finanzierung 2004 eingeschränkt und damit die Zahl der Behandlungen in Deutschland auf 50 000 halbiert. Jetzt liegt sie mit rund 76 000 etwa auf dem Stand von 2001. Die Initiative der Ministerin sagt: Ja, es gibt ein Recht auf ein Kind. Denn die Gesellschaft soll es erfüllen. Was die Krankenkassen nicht mehr finanzieren, sollen jetzt die Haushalte von Bund und Ländern übernehmen. Eine Antwort, die stillschweigend über Ethik und Nachdenklichkeit hinweggeht – wenn sie sich als politisch durchsetzbar erweisen sollte.

Steht dem Recht auf ein Kind nur ein ökonomisches Problem im Weg? Darauf gibt es radikale Antworten, radikaler noch als die der Ministerin. Etwa von Richard Posner, dem US-Bundesberufungsrichter aus Chicago, einem der am meisten zitierten Juristen der Welt. Er vertritt eine Ethik des reinen Kapitalismus und fordert offene Märkte. Für Drogen, für Organe, für Kinder. Nein, würde er korrigieren, „für Elternrechte“. Dass Arme leer ausgehen, ficht ihn nicht an. Wer nicht zur Mehrung des Wohlstands beitrage, verdiene keine Unterstützung.

Wo bleibt die Moral? Posner legt sie ausdrücklich beiseite, nicht nebenher wie die Ministerin: Sie tauge nicht als Maßstab. Weil sie nicht rational zu begründen sei. Bei Abtreibung, Leihmutterschaft oder auch bei künstlicher Befruchtung löse Moral keine Konflikte, sondern verstärke sie. Selten hat sich ein Denker so verrannt. Denn das Prinzip der Wohlstandsmaximierung hat mit der Moral gemeinsam, dass es sich ebenso wenig rational begründen lässt. Posner gibt das zu und beschränkt sich deshalb darauf, das System mit allen Konsequenzen darzustellen und schlicht durchzurechnen, ob es tatsächlich, wie er meint, am wenigsten Konflikte erzeugt. Posner stellt richtige Fragen: Wie viel will eine Gesellschaft ausgeben für soziale Sicherung, für Krankheit, für Alte und für Junge, für Selbstbestimmung? Welche Schwerpunkte setzt sie und warum? Abtreibungen gehen auf Krankenschein, künstliche Befruchtungen nicht.

Doch Antworten, die sich aufs Geld beschränken, sind unkompliziert, unaufwendig und unmenschlich. Denn den Menschen bewegen mehr als ökonomische Impulse. Er will anderen als materiellen Gewinn maximieren, er will glauben, hoffen und lieben, er will Hoffnung beziehen und Liebe verschenken. Und er kann verzweifeln und ist auf andere angewiesen. Nirgends zeigt sich das ursprünglicher als am Anfang des Lebens.

Wie viel will eine Gesellschaft ausgeben, um Eltern den Kinderwunsch zu erfüllen? Wie viel kann sie sich dabei leisten? Weltweit – da hat Posner recht – entscheidet das Geld, wer sich Hoffnung auf ein Kind machen kann. Ärzte, Labors, Apotheker und Pharmahersteller in der Reproduktionsmedizin erwirtschaften weltweit gut zehn Milliarden Dollar, haben Fachleute hochgerechnet. Fast die Hälfte werden in den USA umgesetzt. In Angola und Usbekistan gibt es kein Recht auf Nachwuchs. Deutschland verdient mit: Der Darmstädter Dax-Konzern Merck etwa ist Marktführer im weltweiten Geschäft mit unterstützenden Hormonpräparaten. Der Reproduktionsmediziner Robert Edwards, der im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Medizin erhielt, hat auch eine Ökonomie begründet, deren Macht die Parlamente spüren. Er half 1978, dass das erste künstlich gezeugte Kind das Licht der Welt erblickte, Louise Joy Brown – und mit ihr die Erwartung, dass niemand mehr Kinderlosigkeit hinnehmen müsse. Recht auf ein Kind – die westlichen Gesellschaften lernen gerade, andersherum zu denken. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, 1989 als einer der jüngsten großen Kodizes verabschiedet, ist zwar von den meisten Ländern der Erde ratifiziert worden. Aber es braucht Zeit, bis es ins gesellschaftliche Bewusstsein eingesickert ist, Fragen, die Kinder betreffen, vom Kind aus zu denken. Posners Modell zeigt sich hier als gestrig. Er spricht deshalb ausweichend von Elternrechten. Würde er zugeben, dass er Kinder zum Verkauf freigibt, würde sofort deutlich, dass sein Konzept in die frühe Neuzeit zurückfällt, in der die Ungeborenen und Heranwachsenden noch zum Besitz zählten. Auch die christlichen Kirchen bestehen darauf, dass das Kind in allen Abwägungen mit seinen Rechten vorkommt, und stehen damit an der Spitze einer neuen Nachdenklichkeit. Die ist angebracht.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Familie, Innenpolitik, Ethik