Zukunftsschau
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Aus: Christ & Welt Ausgabe 51/2011
Die Trendforscherin Birgit Gebhardt wagt einen Ausblick auf die Welt in 25 Jahren. Ihre Prognose: Die Wirtschaft ist allmächtig, aber ein kleines Plätzchen für Gott bleibt.

Christ & Welt: Im Jahre 2037 wird Ostdeutschland voller Demenzdörfer
sein, Roboter werden Pflegebedürftige versorgen und wer noch arbeitet, wird Gehirndopingpillen frühstücken. Hat es Sie gegruselt, als Sie dieses Szenario aufgeschrieben haben?
Birgit Gebhardt: Nein, ich schreibe ja keine Phantasmen zusammen, sondern ich beschreibe, was wir aus heutigen Trends ableiten können. Demenzdörfer gibt es schon in Holland, der Bedarf ist eindeutig da. Was das Gehirndoping anbetrifft: Studien aus Deutschland zeigen, dass Kinder in steigendem Maße mit Medikamenten ruhiggestellt werden, damit sie in der Schule mithalten können.
C & W: Möchten Sie in dieser Welt leben?
Gebhardt: Ich möchte schon gern das Jahr 2037 erleben. Dann wäre ich so alt wie Geoffrey, einer der Protagonisten meines Buches. Und wahrscheinlich würde ich wie er ein bisschen aussteigen wollen. Ob ich diese Welt gut und human fände, ist eine andere Frage. Zunächst einmal kam es mir darauf an, zu zeigen, worauf wir zusegeln.
C & W: Zusegeln klingt sehr passiv. Warum sagen wir rückblickend oft: Das haben wir nicht gewollt? Wessen Wille geschieht da?
Gebhardt: Unter freien Entscheidungen verstehen wir sehr individuelle, ja egoistische Entscheidungen. Das heißt, wir bedenken die gesellschaftlichen Konsequenzen unseres Tuns nicht. Was wir demografischen Wandel nennen, ist das Ergebnis sehr persönlicher Abwägungen. Wer für sich sagt: „Ein Kind reicht“ oder „Ich möchte gar kein Kind“, wirkt an den gesellschaftlichen Konsequenzen mit. Wir werden nicht von einem diffusen Wind getrieben, wir machen uns die Zukunft schon selbst.
C & W: Die Welt, die Sie beschreiben, ist auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zugeschnitten. Deren Wille geschieht.
Gebhardt: Die ökonomischen Triebkräfte sind sehr stark, vor allem die Mittelschicht wird davon umgetrieben. Es erscheint mir auch angesichts der Verschuldung sehr fraglich, ob wir unseren Wohlstand und Sozialstaat in den nächsten 25 Jahren erhalten können. Nicht Deutschland wird die Standards definieren, sondern die neuen, wachsenden Märkte in Asien. Deutschland hat gute Chancen, das Land der Ideen zu bleiben. Aber jeder Einzelne wird flexibler werden müssen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden sich auflösen.
C & W: Die Deutschen sperren sich gegen Innovation, schreiben Sie im Vorwort. Soll das ein Vorwurf sein?
Gebhardt: Ja, das ist kritisch gemeint. Es nützt nichts, immer wieder die Vergangenheit heraufzubeschwören. Angstgetriebenes Festhalten lähmt.
C & W: Aber gerade die Konservativen klagen doch, dass sich Deutschland viel zu schnell verändert.
Gebhardt: Deutschland hat sich tatsächlich stark verändert. Aber ich beobachte immer noch eine Hybris gegenüber den asiatischen Ländern, die wir uns nicht leisten können. Ich kritisiere gar nicht explizit die Konservativen, auch bei den Grünen gibt es eine Neigung, nur am Bestehenden festzuhalten.
C & W: Fühlen Sie sich als Prophetin?
Gebhardt: Absolut nein. Ich habe weder einen religiösen Anspruch, noch will ich hier den Guru markieren. Ich möchte zum Überlegen und Handeln anregen.
C & W: Ihre drei Protagonisten Geoffrey, Nana und Romina sind sehr flexibel, beruflich wie privat. Sind die eigentlich glücklich?
Gebhardt: Sie wirken sehr getrieben, das stimmt. Ihr Leben kommt uns aus heutiger Sicht sehr anstrengend vor. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich an ihnen beispielhaft die Konflikte aufzeige, die ich kommen sehe.
C & W: Was ist Glück anno 2037?
Gebhardt: Die Sehnsüchte bleiben die gleichen wie heute, sie sind sehr traditionell: eine intakte Familie und ein sicherer Job, der Wunsch, bedingungslos geliebt zu werden, bleibt stark. Aber ich zeige ja an einer Person wie Nana, dass die Lebenswirklichkeit oft anders funktioniert und es noch anstrengender wird als heute, in der Arbeitswelt einen Platz für Kinder zu finden.
C & W: Die Sehnsucht nach einer intakten Familie bleibt, aber die Oma wird 2037 vom Roboter versorgt. Das will nicht zusammenpassen. Lügen die Leute in Umfragen?
Gebhardt: Das will ich nicht behaupten. Vielleicht ist unsere Wahrnehmung des Roboters bisher einfach sehr negativ und restriktiv. In meinem Buch gibt es da auch ein paar kuscheligere Varianten. Aber eine Generation, die mit Computerspielen aufgewachsen ist, findet nichts dabei, wenn der Roboter alten Menschen, vielleicht auch Kindern, vorliest. Wir machen uns noch nicht klar, wie teuer menschliche Zuwendung werden wird. Der Arbeitnehmer der Zukunft wird, auch aufgrund der ökonomischen Zwänge, die Zeit für andere sehr dosieren müssen.
C & W: Verdient Trendforschung vor allem mit der Sehnsucht der Menschen Geld?
Gebhardt: Zum Teil. Wir erkunden im Auftrag von Unternehmen Sehnsuchtsfelder, Werte und Ängste. Unsere Kunden sind Konsumartikelhersteller, aber auch Medienhäuser. Interessanterweise sind in Deutschland die Ängste inzwischen größer als die Sehnsüchte.
C & W: Ängste wovor?
Gebhardt: Vor dem Verlust der Sicherheit. Es gibt eine sehr verzerrte Wahrnehmung von Risiken. Deutschland ist kein gefährliches Land, die Angst vor Kriminalität ist dennoch stark ausgeprägt. Die Menschen beziehen das, was sie in den Medien sehen, unmittelbar auf ihr Leben. Für Gated Communitys, also bewachte Wohngegenden, gibt es hier sicherlich auch bald einen Markt.
C & W: 2037 scheint alles kontrollierbar, alles machbar. Frauen, die jenseits der 50 noch Kinder bekommen, sind keine Seltenheit mehr. Ist in dieser Welt noch Platz für Gott, den Allmächtigen?
Gebhardt: Der Machbarkeitsglaube ist sehr dominant, dafür ist die Reproduktionsmedizin ein gutes Beispiel. Aber trotzdem wird da noch Platz für den Glauben sein. Gerade weil die Welt so funktional ist, wird es eine Sehnsucht nach dem Metaphysischen geben. Es wird einen Bedarf nach Gespräch und Selbstverortung geben. Ob die Kirchen davon profitieren können, hängt von ihnen selbst ab. Sie müssen viel stärker als bisher überlegen, wie sie sich positionieren wollen. Wir sehen derzeit, dass spirituelle Angebote geradezu explodieren, Adressaten der Sehnsucht sind aber nicht mehr die Kirchen, sondern entweder Persönlichkeits-Coaches oder die freie Esoterikszene.
C & W: Was raten Sie?
Gebhardt: Sich vielleicht weniger mit sich selbst zu beschäftigen. Mehr hören, was draußen gewünscht und benötigt wird. Die Trennung zwischen katholisch und evangelisch zum Beispiel beschäftigt die Kirche mehr als die Menschen.
C & W: Mit dem Ende der Trennung tun sich Trendforscher leichter als der Theologen.
Gebhardt: Schon richtig, aber meine Perspektive ist eben auch nicht die Kirchenpolitik. Die Trennung wirkt jedenfalls sehr unzeitgemäß. Die Konfessionen müssten mehr das Verbindende hochhalten – auch mit globaler Perspektive
C & W: In Ihrem Buch spielt ein Kloster eine Rolle. Was stimmt Sie
so optimistisch, dass es in 25 Jahren überhaupt noch Klöster geben wird?
Gebhardt: Das Kloster ist eine Art Hort, um Spiritualität zu erfahren. In diesem Kloster sind Nonnen und Mönche, buddhistische wie christliche. Einer meiner Protagonisten, Geoffrey, sucht dort eine Auszeit. Die Klöster der Zukunft machen Angebote für Sabbatical- oder Kurzzeitpilger, sie bieten Entschleunigung für die Leistungsgesellschaft. Für ein Kloster sehe ich aber auch noch ein anderes Feld: Es ist der Ort, an dem wir etwas über unsere Wurzeln erfahren. Ahnenforschung könnte, sehr irdisch formuliert, ein interessantes Geschäftsmodell sein. Das Versprechen wäre: Du kannst dich hier finden. Deine Wurzeln und deinen Geist.
C & W: Am Ende Ihres Buches stürzt Romina mit dem Flugzeug ab. Was glaubt sie, was danach kommt?
Gebhardt: Das fragt sie sich gar nicht. Nur in Bezug auf ihre Familie fragt sie sich, was aus Mann und Kindern wird. Sie fragt sich zwar kurz vorher: Hätte ich noch beten sollen? Aber das scheint gar nicht aus ihr selbst zu kommen. Sie schafft es dann auch gar nicht, weil ihr die Zeit und Konzentration fehlt. Ich habe das Gebet scheitern lassen, um zu zeigen, wie sehr wir dieser Welt verhaftet sind. Die Rückkehr zur Religion, die nach dem 11. September manche erhofft hatten, hat in Deutschland höchstens kurzzeitig stattgefunden.
C & W: Vor 25 Jahren waren die Prognosen: Es wird kein Öl mehr geben, keinen Schwarzwald mehr wegen des sauren Regens, und der Atomkrieg stand auch unmittelbar bevor. Schreibt man solche Bücher eigentlich, um recht zu behalten?
Gebhardt: Natürlich kann man einen Zeitraum von 25 Jahren nicht in seiner eintreffenden Wirklichkeit vorhersagen. Mein Buch verbindet deshalb Fakten der Gegenwart und Fiktion. Ich sage klar, auf welche Daten ich mich stütze. Recht behalten würde ich gern, was den Markt für neue Produkte anbetrifft. Ich hoffe aber, dass sich manche Entwicklung verhindern lässt. Das Jahr 2037 soll mich auch noch überraschen können.
Das Gespräch führte Christiane Florin.





