Brief an die Bundeskanzlerin
Gewöhnliche Politiker
Aus: Christ & Welt Ausgabe 03/2012
Wulff ist ein außergewöhnlicher Politiker, findet Nikolaus Brender.

„Der soll Bundespräsident sein? Dieses Würstchen? Nein, er ist ein ganz gewöhnlicher Politiker!“ Seine aufgestaute Empörung über das würdelose Treiben des Christian Wulff entlud sich in diesem einen Satz: „Ein ganz gewöhnlicher Politiker!“ „Das Gegenteil ist richtig“, entgegnete ich: „Wulff ist ein außergewöhnlicher Politiker.“ Gewöhnlich hantieren die meisten Politiker nicht mit Halbwahrheiten. Gewöhnlich vermeiden sie auch Unwahrheiten. Gewöhnlich suchen sie ihr Heil nicht in kindisch-verdrucksten Ausreden. Gewöhnlich halten sie Abstand zu Personen, die sie in Interessenkonflikte treiben könnten. Gewöhnlich lassen sie sich auch nicht ins Luxusleben locken. Gewöhnlich wissen sie zwischen Freunden und Freunderln zu unterscheiden. Leider nicht immer, aber gewöhnlich bleiben sie mit beiden Beinen auf der Erde.
Zu diesen gewöhnlichen Politikern zähle ich auch Sie, Frau Bundeskanzlerin. Umso bedauerlicher ist es, dass Ihr Bundespräsident so außergewöhnlich ist. Er blamiert nicht nur das hohe Amt, schlimmer, er verletzt es tief. Er gibt dem ohnehin schwer angeschlagenen Ruf der Politiker durch sein persönliches Geschlängel noch den Rest. Der Bundespräsident, die Nummer eins des Staates, ist die peinliche Bestätigung der Vorurteile, die über Politiker kursieren. Deshalb passt es auch, dass er aufs Vergessen setzt, sich auf die Standardmethode Aussitzen verlegt. Dass Ihre Knappen, Frau Bundeskanzlerin, der Generalsekretär der CDU, der Fraktionsvorsitzende und andere, den schnellen Schlussstrich zugunsten ihres Parteifreunds fordern, gehört zum Geschäft. Sie als gewiefte Taktikerin aber wissen sehr genau, dass ein Schlussstrich ohne hinterlegte Wahrheit lediglich ein Bindestrich ist: zu weiteren Recherchen, zu neuen Vermutungen und zu quälenden Verdächtigungen – zu einem Zustand zermürbenden und vergifteten Misstrauens. Sie haben Christian Wulff zum Präsidenten gemacht. Sie stehen deswegen in der besonderen Verpflichtung, ihn auf den Pfad der Wahrhaftigkeit zu lenken. Es ist höchste Zeit dazu, denn die verbissene Auseinandersetzung in diesen Tagen droht das sensible Verhältnis zwischen freier Presse und Politik zu zertrümmern. Trotz mancher Grenz- und Rollenüberschreitung von beiden Seiten und trotz mancher Konflikte haben Presse, Medien und die Politik den Bürgern dieses Landes die Kultur eines freien, unabhängigen und vielfältigen Journalismus garantiert. So, wie er im Grundgesetz verankert ist. Es liegt sicherlich auch an den Journalisten selbst, den Verlegern und den Rundfunkanstalten, diese Kultur nicht dem Quoten-, dem Auflagen- und Konkurrenzwahn zu opfern.
In der Causa Wulff aber liegt es vor allem an Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, für die Transparenz zu sorgen, zu der sich die Inhaber von Staatsämtern per Eid verpflichtet haben. Ja, es gibt Wichtigeres als die nervigen Fehltritte des Bundespräsidenten. Er hat es in der Hand, den Blick auf das Wichtige endlich freizulegen: mit Worten oder mit Taten. Vielleicht helfen Sie ihm dabei!





