Erotik
Gestatten, Kim Shatner
Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2012
Das Buch „Vögelbar“ fehlte in keinem Artikel. Doch wer ist der Autor? Für Christ & Welt hat er erstmals über seine Motive, seine Moral und seine Bewunderung für den Papst gesprochen
Wer Kim Shatner sucht, die Frau, die den Milliardenkonzern Weltbild ins Unglück stürzte, landet irgendwann hier: im Land der hüfthohen Zäune, der gemauerten Gartengrills, der Spitzengardinen hinterm Küchenfenster, kurz, in einer durchschnittlichen deutschen Reihenhaussiedlung vor einem durchschnittlichen deutschen Reihenhaus. Darin wohnt die Skandalautorin. Ihr Erstlingsroman stand am Anfang der größten katholischen Medienkrise der letzten Jahre.
Im Herbst 2011 empörten sich konservative Katholiken: Die deutschen Bischöfe hätten angeblich seit Jahren über ihre Weltbild-Verlagsgruppe mitverdient am schmutzigen Geschäft mit der Pornografie. Kaum ein Medium, das sich damals nicht ergötzte an der vermeintlichen klerikalen Doppelmoral. In keinem Bericht durften die alles sagenden Titel der erotischen Erbauungsliteratur aus dem Weltbild-Online-Verkauf fehlen – Publikationen wie „Sag Schlampe zu mir“ oder „Die Anwaltshure“. Doch kein Titel brachte den kirchlichen Sündenfall auf einen so plastisch-drastischen Nenner wie Kim Shatners „Vögelbar“. Die Affäre des Weltbild-Konzerns aus dem bayerisch-schwäbischen Augsburg erschütterte so den globalisierten katholischen Kosmos, von den USA über Ungarn bis hinein ins tiefe Indonesien.
Wer aber ist Kim Shatner?
Ihr Klingelschild ziert ein sehr deutscher Doppelname, der partout nicht nach Porno klingen will. Ein drahtiger Mittfünfziger im eng anliegenden schwarzen Anzug öffnet die Tür. Es folgen ein zupackender Händedruck, eine formelle Begrüßung und schließlich eine Gewissheit: Kim Shatner ist eigentlich ein Mann. Dieser Mann.
Und dieser Mann, der sich Kim Shatner nennt, hat viel zu verlieren. Deswegen möchte er auch nicht, dass sein wahrer Name in der Zeitung steht. Kim Shatner ist freier Unternehmensberater. Für ihn ist der gute Ruf überlebenswichtig, Selbstbewusstsein ist sein Arbeitsauftrag. Er muss sich stets gut verkaufen; Zweifel gilt als Schwäche. Davon abgesehen hat Kim Shatner Familie. Seit 30 Jahren ist er verheiratet. Er hat zwei Töchter, 22 und 25 Jahre alt, denen will er allzu viel Aufmerksamkeit ersparen. Aber weder er noch sie, das möchte er jetzt mal klarstellen, hätten ein Problem mit „Vögelbar“. Alles wunderbar, sagt er und lehnt sich zurück in einem seiner mattweißen Wohnzimmersessel. Kaffee und Plätzchen stehen auf dem Tisch wie bei einem Firmenmeeting. Kim Shatner lächelt.
Doch was ist mit Weltbild, ist da auch alles wunderbar? Shatners Buch hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Verlag nun verkauft werden soll. Fühlt er als Autorin da keine Schuld? Kim Shatner lacht und bleibt gelassen: „Die Entscheidung der Bischöfe ist nur konsequent. Der Kapitalismus verträgt sich nun mal nur schwer mit frohen Botschaften.“ Wer sich auf ihn einlasse und Unternehmer spiele, müsse die Markt-Spielregeln akzeptieren, das wisse er als Unternehmensberater nur allzu gut. Und der Markt wolle nun mal „Vögelbar“. „Außerdem“, jetzt beugt sich Kim Shatner nach vorn und macht hinter jedem Wort eine kleine, dramatische Pause, „muss die Botschaft rein bleiben.“ Ja, das glaube er, sagt er gut gelaunt. Ganz recht, er glaube. Dann wieder einer dieser Momente der Stille, gefolgt von einem Satz, der im Zusammenhang mit
„Vögelbar“ merkwürdig klingt: „Ich bin ein Sohn unserer heiligen Mutter Kirche.“
Kim Shatner meint das wohl ernst. Christ sei er, und mehr noch: Katholik. Und als wäre es die Steigerung all dessen, sagt er noch: „Ich bin ein Papst-Bewunderer.“ Alles habe er von ihm gelesen. „Nicht nur ,Das Salz der Erde‘, auch die Sachen aus den Sechzigern!“ Überhaupt lese er viel, vor allem über das Christen- und Judentum. Einen „Bücherozean“ habe er in seinem Keller. Auf dem lasse er sich gern immer wieder treiben. Die Idee zu „Vögelbar“ sei ihm allerdings nicht dort gekommen, sondern beim Bügeln. Das macht Kim Shatner als emanzipierter Mann natürlich selbst. Doch warum er „Vögelbar“ geschrieben und veröffentlicht habe, das könne er nicht sagen.
„Geheimnis“, murmelt er mit zu viel Spritzgebäck im Mund, „das ist der Mensch: Geheimnis.“ Geschrieben habe er übrigens schon vorher in seiner Freizeit, meist Religionsthriller im Dan-Brown-Stil. Anders als „Vögelbar“ erschienen die nicht unter einem Pseudonym und bei einem anerkannten Verlag, sondern unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit. Geld jedenfalls sei nicht der Grund für den Genrewechsel gewesen. Er verdiene genug. Und reich werden mit Literatur und Erotik, das könne man vergessen.
Vielleicht, sagt er, bewahre die sündhafte Phantasie vor der Sünde im
Alltag. Denn sündigen, das will Kim Shatner nicht. Er lebe die katholische Sexualmoral, sagt er, er sei treu. Möglicherweise habe „Vögelbar“ deshalb raus aus ihm gemusst. Das Buch jedenfalls liest sich so wie eine literarische Entladung, wie ein Erdbeben: Eine Eruption im Bett folgt der anderen, ohne Plot, ohne Spannungsbogen, ohne erkennbaren Sinn, außer dem offensichtlichen.
Natürlich weiß Shatner, dass er anders ist als andere Katholiken. Anders auch als so mancher seiner männlichen Beraterkollegen. Heiligabend gingen die immer in die Christmette und machten auf heile Familie, obwohl sie jeden Swingerclub der Region am Rotstich der Tapeten erkennen könnten. Kim Shatner lacht bitter, dann haut er mit der Hand einmal kräftig auf das matte Weiß der Armlehne: „Die Zeit der Mauscheleien ist ein für alle Mal vorbei.“ Das habe Kim Shatner von Benedikt XVI. gelernt.
Doch wie steht es um seine eigene Moral? Immerhin hat Benedikt XVI. auch gegen die Verbreitung von Erotik und Pornografie gewettert. Müsste sich Kim Shatner als guter Katholik nicht an das päpstliche Verbreitungsverbot halten? Das will er nicht. Seine an Karate erinnernden Handbewegungen beim Sprechen, seine schnellen Urteile, der schlüpfrige Witz, die gezielten Provokationen, sie alle zeigen: Dieser Mann ist es gewohnt, Befehle zu geben, nicht aber, sie zu empfangen; zu reden, nicht aber, zu schweigen und zu gehorchen. Demut sieht anders aus, Reue auch. Und Sünde ohne Reue ist ziemlich unkatholisch. Deshalb mag Kim Shatner den Papst noch so sehr bewundern: Der Papst will ihn nicht, nicht so, nicht in seiner Kirche.
Shatner steht auf, schnauft, macht eine Runde durchs Wohnzimmer, setzt sich wieder. „Das ist mir egal“, sagt er, der Papst sei das Licht und das Licht müsse strahlen. Das sei seine Natur. „Doch wo Licht ist, da fällt Schatten. Wer etwas anderes sagt, ist ein Heuchler.“ Nicht einmal der Papst würde wohl behaupten, dass seine Kirche frei sei von Sünde und von Sündern – Sündern wie ihm, Kim Shatner. Der Mensch sei halt nicht nur „ad imaginem Dei“, also nach dem Bild Gottes, geschaffen, er habe auch eine gefallene Natur. „Mauschelei“ fange dort an, wo man das nicht wahrhaben will, wo man vorgibt, das Licht zu verbreiten, aber im Schatten herumwirtschaftet – so wie bei Weltbild.
Kim Shatner sieht sich als Aufklärer, doch er versteckt sich hinter einem Pseudonym, einem Schatten, auch er hat Angst, zu seiner gefallenen Natur zu stehen. Er will keine Probleme im Beruf, er will seine Familie schützen. Er will funktionieren in der „mauschelnden Welt“. Einer Welt, die dem Papst gerade deshalb so suspekt ist, dass er am liebsten seine Kirche entweltlichen würde. Ist Kim Shatner also ein guter Katholik?
Er springt auf, tritt in die Zimmermitte, haut mit der Handkante eine unsichtbare Linie in den Äther. „Da“, sagt er, „das ist katholisch. Es ist wie Stabhochsprung.“ Kommt man nicht über die Latte, hat man zwei Möglichkeiten. Die eine sei typisch deutsch: „Immer die Latte der Realität anpassen.“ Kim Shatner senkt die Linie von Augen- auf Kniehöhe. „Ein ganz schöner Niveauverlust, oder? Das kommt davon, wenn man die Lehre abhängig macht von den Möglichkeiten.“
Der zweite Weg dagegen sei eher südamerikanisch: „Dabei bleibt die Latte, wo sie ist, komme, was wolle.“ Der Trick sei, sie sich einzuprägen, sie auswendig zu lernen, bis man die Latte sehe, selbst mit geschlossenen Augen, bis man sie fühle, ohne sie berühren zu müssen. Dann ist man bereit für den großen Sprung und kann – Schritt nach vorn – locker unter ihr hindurchgehen. Kim Shatner plumpst ins Polster: „Ich bin eher Südamerikaner.“ Er sieht jetzt alt aus und erschöpft. „Die Widersprüche meines Lebens sind mir wohl bewusst“, sagt er und fährt sich mit der Hand über die Augen. Dann schaut er auf: „Doch wenn ich bete, habe ich das Gefühl, zu fliegen.“
Der Glaube, das sei für ihn immer das Staunen gewesen, der Blick in die Sterne, die Ehrfurcht, wenn man hinaufsieht und weiß: Sie werden noch da sein, wenn man selber sich in Atome aufgelöst habe. Doch beim Staunen konnte es Kim Shatner nie belassen: Er wollte hinauf zu den Sternen auf seinem eigenen Weg. Als Schuljunge etwa, da habe es ihm nie gereicht, zu wissen, was das Universum ist. Er wollte es sehen, fühlen, spüren, sagt er. In seiner Freizeit bastelte er Raketen. Er liebte es, mit Sprengstoff zu hantieren, nicht obwohl, sondern weil es gefährlich und aufregend war. Dann staunte er, wenn seine Rakete für immer verschwand dort oben im Himmel.
Nein, er bereut nichts. Der Mann aus dem Reihenhaus ist „Vögelbar“. Das Buch gehöre zu ihm, es sei ein Teil von ihm, wie Kim Shatner ein Teil von ihm sei. Aber er sei halt nicht nur „Vögelbar“, sondern auch Ehemann, Vater, Unternehmensberater, ein Mensch und als solcher ein Sünder. Und sind wir nicht alle kleine Sünder?, fragt er. Ja, dieser Mann versteht es, sich gut zu verkaufen.
Gibt es einen Himmel für Kim Shatner? Er zuckt mit den Achseln. Der Mensch ist Geheimnis.





