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Finanzen

Geld macht blind

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2011

Ist eine Kirche ohne Kirchensteuer gläubiger und glaubwürdiger? Eine Eremitin, die sich der Armut verpflichtet hat, über den Papst und die Privilegien

Geld macht nicht glücklich – aber es beruhigt ungemein. Neben der Gesundheit und dem Frieden zählt der Wohlstand zu den erstrebenswertesten Zielen der Menschen in den westeuropäischen Ländern. Für Christen ist die Sache mit dem Geld ein schwieriger Seiltanz. Pecunia, Ecclesia und Fides – drei Damen, die oft unter einem Dach leben, deren Verhältnis aber selten ohne Komplikationen ist. Die Kirchengeschichte ist voller Beispiele, in denen allmählich wachsender Wohlstand Glaubensgemeinschaften aus der Spur brachte.

Geht also Kirche und Geld nicht zusammen? Muss Kirche arm sein, um glaubwürdig zu wirken?

Die Schwierigkeit bei diesem Thema liegt in dem Wert, den das Geld, den das Materielle in unserer und in fast allen menschlichen Gesellschaften hat. Geld ist Macht; Geld schafft Identität; es ist verbunden mit Einfluss, Ansehen, es schmeichelt dem Ego und hebt das Selbstbewusstsein. Wer Geld hat, ist meist ein gern gesehener Gast. Im Gegenzug: Wer kein Geld hat, ist ohnmächtig; er ist ein Habenichts; er zählt nichts, hat selten die Möglichkeit, etwas zu beeinflussen, er steht in der Regel am Rand. Und wer am Rand steht, wird immer mehr an den Rand gedrängt, bis er darüber stolpert und fällt und im schlimmsten Fall liegen bleibt.

Die Rede Benedikts XVI. im Konzerthaus in Freiburg hat wunde Punkte berührt und Aufregung verursacht. Der Papst hat angemahnt, im Blick auf die Dringlichkeit von Mission und Verkündigung die daran hindernden Verflechtungen mit den Sachzwängen in Welt und Gesellschaft zu hinterfragen und gegebenenfalls abzubauen. Ein unmöglicher Anspruch? Niemand, der die konkreten Gegebenheiten in vielen Gemeinden kritisch anschaut, wird es übersehen können: Viel Zeit, viel Arbeit und viel, viel Geld wird für Gebäude und Anlagen aufgewendet. Wie viele Kontakte, Sitzungen, Kollekten betreffen das „Ambiente“: der neue Anstrich in der Kirche, die ewig steigenden Heizkosten, der moderne Ambo, Restaurierung von Bildern, Statuen, Krippen, Neugestaltung der Außenanlagen. Anfragen aber nach weiterem Personal für Einzelseelsorge, priesterlose Gottesdienste, eine intensivere Katechese für Erstkommunionkinder und Firmlinge, die nach dem großen Tag weiter begleitet, für Erwachsenenkatechumenat oder Aufbau von Hospiz und Beistand für Trauernde werden abgelehnt mit der Begründung mangelnder Finanzen.

Ein Ungleichgewicht, das nicht nur Papst Benedikt gegen den Strich geht, sondern auch vielen anderen Gläubigen.

Geld ist Macht – aber Geld macht auch blind. Die Beschäftigung mit den finanziellen Notwendigkeiten des Alltags ist für das geistliche Leben eine starke Herausforderung. Geistliches Leben hier verstanden als grundsätzliche Ausrichtung des Lebens aus dem Glauben im Alltag eines jeden Christen. Es ist ein subtiler Kampf, der stattfindet im Herzen und im Denken. Er beeinflusst einen weit mehr, als es die oberflächliche Selbsterkenntnis normalerweise wahrhaben will. Das Bildwort Jesu von den Dornen, die den keimenden Samen ersticken, ist scharf und treffend. Jesus kannte den Ablauf von Saat und Ernte und Matthäus überlieferte eine Deutung des Herrn: „In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum, und es bringt keine Frucht“ (Mt 13,22).

Wenn die Beschaffung der Finanzen, wenn Fundraising und Kirchenbasare ein Übergewicht bekommen, gerät das Wichtigste im Leben der Kirche aus dem Blick: der einzelne Mensch und seine Gottesbeziehung. Also ist eine an Geld arme Kirche authentisch?

Wäre dem so, müsste der westeuropäische Kirchenblick voll Bewunderung zu den lateinamerikanischen und asiatischen Ortskirchen wandern. Dort haben die Christen wesentlich weniger Finanzressourcen. Aber sind die Kirchen dort stabil? Blühen sie unangefochten? Gibt es dort keine Probleme? Nein! Auch dort muss die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus glauben, kämpfen, vieles aushalten, ist angefochten und muss manches erleiden. Nur liegen die Schwierigkeiten anders, sind die Sorgen und Nöte auf anderen Gebieten. Doch auch dort leben und arbeiten und glauben die Christen in den Verhältnissen ihrer Umwelt und versuchen in ihnen Schritte zur Veränderung zu tun zum Wohl aller. Unterstützt mit Spenden aus Europa, die helfen, dort Kirche zu sein.

Die vielfältigen Aufgaben, die in unserem Land mithilfe von Organisationen und Strukturen gegeben werden können, sind Stütze und Ausdruck des Glaubens. Sie helfen letztendlich mit, dass die Botschaft vom Mensch gewordenen Gott nicht verstummt und Hilfe zur Verkündigung wird – selbst wenn kein Wort von Gott dabei gesprochen wird. Es ist an vielen Orten die Umsetzung von Mission, wie sie das Zweite Vatikanum im Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche formulierte: „Außerdem sind die Verhältnisse manchmal von der Art, dass für bestimmte Zeit die Möglichkeit fehlt, die Botschaft des Evangeliums direkt und sofort vorzulegen. Dann können und müssen die Missionare geduldig, klug und zugleich mit großem Vertrauen wenigstens Zeugnis ablegen für die Liebe und Güte Christi und so dem Herrn die Wege bereiten und ihn in gewissem Sinne gegenwärtig werden lassen“ (AG 6).

Sicher trifft das nicht immer und bei jeder Gelegenheit zu. Aber jedes noch so kleine Zeugnis einer liebevollen Tat ist Zeugnis der Liebe Gottes.

Arme Kirche contra reiche Kirche? Die Gegenüberstellung kann so nicht gemacht werden. Nicht das Geld an sich ist es, das von Gott wegzieht. Nicht der Mangel an Geld ist es, der den Menschen automatisch für Gott öffnet und die Kirche neu erblühen lassen wird. Wie immer im geistlichen Leben liegt der entscheidende Angelpunkt im Herzen eines jeden Christen. Die Rede des Papstes hat einen wichtigen Impuls für die Kirche gegeben – für alle Ortskirchen, nicht nur für die deutsche.

Aber seine Worte waren ein Impuls – die Umsetzung in den täglichen Glaubensweg, die Übersetzung seiner Mahnung steht noch aus. Denn Neues sagte der Papst nicht. Seit Jahren sind viele Christen in unserem Land auf der Suche, mit nicht wenig Sehnsucht, oft mit viel Frust, wo im religiösen Betrieb Hilfe für Glaubens- und Gotteserfahrung zu finden ist. Mit Geld ist diese Sehnsucht nicht zu stillen. Es fehlt an Augen und Ohren, die sich dem einzelnen Menschen zuwenden. Der hohe Anspruch in der Konzerthausrede muss umgesetzt werden in konkrete Bemühungen, die hindernden Verflechtungen, den Ballast der Finanzverwaltung, die Fesseln von Geldbeschaffung zu mindern um der Kontakte zum Menschen willen. Dass es dazu neue Wege braucht, ist vielen klar. Denn der Reichtum der Kirche liegt ja nicht in den Finanzreserven. Der Reichtum sind die Menschen. Aus ihnen erbaut sich Christus seine Kirche. Eine starke Bewegung hin an die Basis, hin zu den Menschen, hin zu den Suchenden, Zweifelnden, Trauernden und Hoffnungslosen mit leiser, liebevoller, ansprechender und ansprechbarer Präsenz wird die Kirche neu blühen lassen. Und so wird sie sich auch neu nach „dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt?…, bilden, dann wird sie sich von der menschlichen Umgebung tief unterscheiden, in der sie doch lebt oder der sie sich nähert“, wie Papst Benedikt aus der Enzyklika „Ecclesiam suam“ Papst Pauls VI. zitierte.

Die Rede des Papstes in Freiburg hat wunde Punkte berührt und mit Recht. Er mahnte Veränderungen an, und das muss angegangen werden. Die jeden und jede subtil beeinflussende Macht des Geldes und die Auswirkungen einer Fixierung auf womöglich schwindende Finanzen muss unbedingt erkannt und abgebaut werden. Das gilt für die deutsche Kirche. Das gilt für jede Kirche. Letztlich sind alle Christen in der Gefahr, sich vom Mammon allzu stark abhängig zu machen. Auch der Papst. Denn die Reise in sein Heimatland hat an die 30 Millionen Euro gekostet. Viel, viel Geld für vier Tage.

Maria Anna Leenen lebt seit 18 Jahren als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück. Sie widmet ihr Leben dem Gebet, arbeitet aber auch als freie Autorin und Publizistin.

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Alexa Hennig von Lange (Schriftstellerin und Radiomoderatorin)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Katholisch, Papst, Wirtschaft