Das Wesentliche: Deutscher Islam
Geist ist geil
Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011
Studien am Koran konnten früher gefährlich werden. Das soll sich nun ändern, zumindest an deutschen Universitäten. Im Islam steckt ein emanzipatorisches Potenzial.

Hat Amerika es besser? Amerika hat Amina Wadud. Sie ist schwarz und wurde mit 20 Muslimin, am Ende einer Suche nach Sinn und Orientierung. Als ihren spirituellen Mentor gibt sie aber bis heute ihren Vater an, einen Pastor der sozial fortschrittlichen methodistischen Kirche. Seither kämpft sie den Gender Jihad, den Kampf um die Gleichberechtigung der Frau im Islam. Nachdem sie einen Lehrstuhl an der Islamischen Universität in Malaysia erhalten hatte, ließ sie sich zum zweiten Mal scheiden und zog ihre fünf Kinder allein auf. Bekannt wurde sie 2005, als sie in New York ein Freitagsgebet leitete, vor Besuchern aus der Türkei und Ägypten. Allerdings wollte keine Moschee sie hereinlassen. Daher musste sie in einer anglikanischen Kirche islamisch vorbeten. Seit 19 Jahren lehrt sie Islamwissenschaften an der Universität von Richmond im Bundesstaat Virginia. Und sie ist nicht allein. Am Ithaca College in New York kämpft ihre Kollegin Asma Barlas aus Pakistan ebenfalls dagegen, dass Männer die emanzipatorische Botschaft des Islam unter einer Macho-Exegese verschüttet haben, wie sie meint. Amerika zeigt: Auch der Islam hat seine Elisabeth Schüssler Fiorenza und seine Oda-Gebbine Holze-Stäblein.
Das wird jetzt deutlicher als je zuvor. Weil die akademische Welt vor einer Neuerung steht. An den vier deutschen Universitäten Münster/Osnabrück, Erlangen/Nürnberg, Tübingen und Frankfurt werden mit Finanzhilfe des Bundes islamische Studien eingerichtet. In Frankfurt am Main finanziert die Universität zusätzlich einen Lehrstuhl für Koranexegese. Bisher kam das Geld dafür von der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Zudem präsentiert die private Stiftung Mercator an diesem Donnerstag in Berlin ihre ersten sieben Kollegiaten. Für deren Promotionen stellt sie dreieinhalb Millionen Euro bereit. Im nächsten Jahr sollen weitere acht Graduierte dazukommen. Die Stiftung der Duisburger Unternehmerfamilie Schmidt, die zu den Eignern der Metro Group gehört, fördert Wissenschaft und Integration. Hinter den Graduierten stehen damit auch Erträge aus den „Geiz ist geil“-Kampagnen der zum Konzern gehörenden Saturn-Medienmärkte.
Zu den jetzt Geförderten gehört Nimet Seker, die auch schon in Christ & Welt zu Wort kam. Sie forscht über Amina Wadud und Asma Barlas. „Ich habe nach einem zeitgenössischen Ansatz gesucht, der mit meinem Leben zu tun hat“, sagt sie. Auch wenn sie nicht politische Konsequenzen zieht wie Wadud. Wichtig ist Seker, die Frage von der Koranexegese aus anzugehen. Da hat Wadud, sagt sie bei aller Kritik, „die richtige Grundannahme: Im Islam steckt ein emanzipatorisches Potenzial.“ Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei auch aus dem Buch des Islam abzuleiten.
Wenn islamische Studien zum Kanon deutscher Universitäten gehören: Könnte Frankfurt oder Tübingen einmal in einem Atemzug mit Kairo genannt werden? Nimet Seker bejaht: Dass Deutschland zu den Ländern gehört, in denen der Islam ausgelegt wird, hält sie für möglich: „Das hängt ganz wesentlich an der Qualität der Forschung.“ Doch der deutsche Islam dürfe kein Islam nur für Deutschland sein. Das reibe sich mit dem universalen Anspruch der Religion.
Ihre Kollegen promovieren über das islamische Recht und über frühe Abschriften des Korans. Auch das hat Potenzial zur Provokation. Denn das Wort Allahs bekam Mohammed nach konservativer islamischer Tradition durch den Erzengel Gabriel Wort für Wort offenbart. So viel Heiligkeit hat die Forschung an den Quellentexten lange behindert. Inzwischen erkundet die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften die Entstehung früher Koranhandschriften und die Mehrdeutigkeit der Texte. Eine der Kollegiaten, Tolou Khademalsharieh, die aus dem Iran stammt, untersucht drei frühe Manuskripte. Allmählich, das zeigen die Arbeiten, kommen die Religionen einander auch hier näher. Die heiligen Bücher unterscheiden sich, aber die Arbeitsmethoden liegen eng beieinander.





