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Haltung, bitte!

Geht mit Gott

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2013

„Vor einiger Zeit hörte ich, dass Eltern ihre Kinder segnen, bevor die sich auf den Weg zur Schule machen. Geht das denn, oder dürfen das nicht nur Geistliche machen? Eigentlich finde ich es einen schönen Gedanken. Ich mache mir oft Sorgen, was unseren Kindern alles passieren kann.“ Ricarda W.-K., aus der Nähe von München

Das wäre ja noch schöner, wenn die Geistlichen das Monopol auf den Segen hätten! Der Segen passt in jede Lebensstation und kann von allen ausgesprochen oder empfangen werden. Sicher haben Sie auch schon einmal einen Segen für einen Menschen gespendet. Oder zumindest in einen Segenswunsch mit eingestimmt: „Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen!“ ist ja ein gängiges Geburtstagsständchen. Nur singen wir es oft ohne Sinn für das, was wir da tun.

Wer jemanden segnet, spricht seinem Gegenüber Gottes Kraft und Schutz zu. Das dürfen, ja das sollen alle, die auf diese Kraft hoffen. Martin Luther hat einen Morgen- und einen Abendsegen verfasst, den zu sprechen er allen Christen empfiehlt. Ein kleines Ritual zwischen Zähneputzen und erstem Kaffee. Ein Moment des Luftholens vor dem großen Trubel, zwei Minuten, in denen die nervöse Sorge über den Verlauf des Tages ausgesprochen und abgegeben werden kann. Was für eine starke Geste, über den eigenen Kindern einen Segen zu sprechen! Das heißt ja: Ihr seid nicht allein. Geht mit Gott. Mit ihm kann ich euch getrost ziehen lassen. Manche Eltern legen für eine Sekunde ihre Hand auf den Kopf der Kinder. Die spüren die Wärme in der Geste des Schutzes.

So einen Segen kann man auch still für sich sprechen, wenn einem große Gesten zwischen Turnbeutel und Teenager-Nörgeln unpassend erscheinen. Besser als der hektische Sermon zwischen Tür und Angel ist ein Segen allemal. „Hast du dein Pausenbrot? Passt du bitte in Mathe besser auf? Reiß dich bei der Klassenarbeit zusammen, sonst wird das nichts mit dem Abitur.“ Ganz schön schwer, sich diese Mischung aus Wunsch und Nötigung zu verkneifen. Noch schwerer, sich einzugestehen, dass in dieser nutzlosen Morgenpredigt vor allem die eigenen Ängste stecken. Ein Segen ist kürzer und wirkt!

Erschienen in:
Ausgabe 40/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch