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Kassensturz

Geheimnisvoller Geldsegen

Aus: Christ & Welt Ausgabe 31/2014

Transparenz ist das Zauberwort, mit dem die katholische Kirche Vertrauen zurückgewinnen will. Doch bisher legen nur zwei Bistümer ihre Finanzen offen: Speyer und – ausgerechnet – Limburg

Foto: 2014 Ralf Kopp/www.gierfrisst.de

Bekannt geworden ist Speyer durch seinen Dom, die größte romanische Kirche der Welt, Verkörperung des mittelalterlichen Kaisertums. Arm geworden ist das Bistum durch die französische Besetzung unter Napoleon. Ihr heutiges Gesicht bekam die Stadt Speyer als Zentrum der bayerischen Rheinpfalz. Mit knapp 600000 Katholiken und 134 Millionen Euro Einnahmen liegt das Bistum Speyer eher im Mittelfeld der 27 deutschen Bistümer. Trotz des historischen Augenscheins residiert am Domplatz 3, dem Sitz der Finanzverwaltung der Diözese, eine Art Avantgarde. Das Bistum macht als erstes Ernst mit der finanziellen Transparenz der katholischen Kirche Deutschlands.

Unter dem Druck der Affäre um Franz-Peter Tebartz-van Elst folgte am vergangenen Freitag das Bistum Limburg dem Vorbild in Speyer und veröffentliche seine Vermögensverhältnisse. Die Glaubwürdigkeit der Kirche hänge auch davon ab, wie sie mit Geld umgehe, sagt der Apostolische Administrator Weihbischof Wolfgang Grothe. Hektisch hatten viele Diözesen auf dem Höhepunkt des Skandals im vergangenen Herbst allerlei nicht überprüfbare Zahlen publiziert, etwa die Haushalte der Bischöflichen Stühle. Doch nachhaltige Transparenz sieht anders aus.

So wie in Speyer zum Beispiel. Dort veröffentlicht man nicht nur Haushaltsplan und jährliche Wirtschaftsrechnung, sondern auch eine Bilanz mit der Darstellung aller Vermögenswerte. Und das im Gegensatz zu allen anderen Diözesen nicht nur für das Bistum selbst, sondern für alle fünf zentralen Körperschaften. Dazu gehören neben dem Bistum der Bischöfliche Stuhl, das Domkapitel, die Emeritenanstalt (das Priesterversorgungswerk) und die gemeinsame Pfründestiftung des Bistums.

Tatjana Mast, Finanzdirektorin der Diözese, erklärt die Hintergründe so: „Wir haben hier im Bistum die Umstellung gemacht von der kameralistischen auf die doppische Buchhaltung. Das fing 2010 an beim Bistum und hat sich jetzt zuletzt auch beim Bischöflichen Stuhl niedergeschlagen.“ Als allgemein darüber diskutiert wurde, dass Unternehmen ihre Zahlen offenlegen, fragten sich die Speyrer: Warum machen wir das eigentlich nicht auch? „Die Nachfrage war ja da“, sagt Mast. Domkapitular Peter Schappert, Diözesanökonom und Leiter der Hauptabteilung Finanzen und Immobilien des Bistums, ergänzt: „Die Vorarbeiten haben wir geleistet, weil die gesamten Zahlen da lagen, und die Entscheidung ist gemeinsam gewachsen, hier im Haus, mit der Öffentlichkeitsarbeit, mit dem Bischof und dem Generalvikar.“

2008 wurde Karl-Heinz Wiesemann im Alter von 48 Jahren Bischof von Speyer, er holte sich Franz Jung, einen 43-Jährigen, als Generalvikar und hatte auch die Chance, sein neunköpfiges Domkapitel mit Leuten seines Alters zu ergänzen. Gut 300 Millionen Euro beträgt das addierte Bilanzvermögen der fünf diözesanen Körperschaften. Grundlage war das Handelsgesetz, Wirtschaftsprüfer wurden beteiligt. „Die Wertpapiere sind überhaupt kein Problem, weil die Werte einfach erhältlich sind“, sagt Mast, „und bei den Grundstücken haben wir es so gemacht, dass wir die Grundstücke selbst mit den Bodenwerten bilanziert haben und bei den Gebäuden meist auf einen Restbuchwert von einem Euro gegangen sind.“ Es handele sich im Regelfall um alte Gebäude, nichts, was in den letzten zehn oder zwanzig Jahren gebaut worden wäre.

Tatjana Mast vertieft das Thema am Beispiel des Speyrer Doms, der zum Bilanzvermögen des Domkapitels gehört. Der Speyrer Dom ist in der Bilanz mit einem Euro enthalten. Den Wert könnte man bestimmen nach dem Ertrag, der allerdings liegt nach Abzug aller Kosten bei null. Man könnte ihn bilanzieren nach dem Verkehrswert. Doch welches wäre ein Vergleichsgebäude? Der Wiederherstellungswert ist bei einem kunsthistorisch einmaligen Gebäude, das seit 1981 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, auch nicht festzustellen. Deshalb der eine Euro.

Andere Diözesen sind erheblich reicher als Speyer. Limburgs zentrale Körperschaften zum Beispiel mit 644000 Katholiken im Bistum haben ein Bilanzvermögen von etwa einer Milliarde Euro. Doch mit dem Begriff Vermögen geht Tatjana Mast sehr vorsichtig um: „Wir schauen nicht auf das Vermögen, sondern auf das Eigenkapital – was gehört also wirklich uns? Das ist, wie wenn Sie als Privatmann ein Haus kaufen für 500?000 Euro. Das finanzieren Sie dann bei der Bank mit 400?000 Euro. Dann haben Sie als Vermögen 500000 Euro in Ihrer Bilanz stehen, tatsächlich aber gehören Ihnen nur 100?000 Euro.“

Deutlich erkennbar ist das beim Bischöflichen Stuhl in Limburg, wo am 31. Dezember 2012 dem Bilanzvermögen von etwa 80 Millionen Euro Schulden in Höhe von knapp 30 Millionen Euro entgegenstanden, ein Drittel davon beim Bistum. Die Schulden waren höher als der Bilanzwert des neuen Bischofspalastes.

Das Zusammenzählen der Bilanzsummen aller fünf zentralen Körperschaften ist nicht ganz korrekt, denn die zentralen Körperschaften eines Bistums haben alle ihre eigene Zweckbindung. In Speyer kann das Geld nicht einfach hin und her geschoben werden, wie das offensichtlich anderswo geschah. Der Dienstwagen des Bischofs gehört zum Bistumshaushalt. „Alles, was der Bischof für seine Amtsführung braucht, wird von der Diözese beglichen. Die Erträge des Vermögens des Bischöflichen Stuhls werden für einzelne Sonderprojekte verwandt wie zum Beispiel für ein Exerzitien- und Bildungshaus“, sagt Tatjana Mast.

In Limburg ist das anders. Jahre werde man brauchen, schreibt Finanzdezernent Gordon Sobbeck in der Etatbroschüre, um das Tohuwabohu persönlicher Ausgaben für den Bischof und notwendiger Ausgaben für die Kirche aufzulösen.

Die Emeritenanstalt in Speyer enthält nur Vermögen, das zur Zahlung von Priesterpensionen verwendet werden darf. Priester haben keine normale Rentenversicherung, sondern für ihre Versorgung im Alter das Geld, das in der Emeritenanstalt für sie angelegt ist. Da nach der Französischen Revolution während der französischen Besatzung der linksrheinischen Pfalz alles Kirchengut enteignet wurde, haben damals sowohl die Pfarrgemeinden als auch das Bistum ihre Latifundien verloren, jahrhundertelang Rückgrat der Finanzierung der Pfarrer. Seit der Neugründung des Bistums 1817 erst hat sich ein neuer Deckungsstock für Priesterpensionen gebildet, er besteht aus Wertpapieren.

Die so angelegten 83 Millionen Euro werfen knapp vier Millionen Euro Ertrag ab. Die reichen nicht aus, um die Pensionen der 149 pensionierten Pfarrer über 70 (das ist die Pensionsgrenze in Speyer) zu zahlen. Es fehlen 40 Millionen Euro als zusätzliches Kapital für die Sicherstellung der Pensionen auch der heute aktiven 157 Seelsorger. Deshalb sollen in den nächsten Jahren jeweils einige Millionen Euro in die Altersrückstellungen der Emeritenanstalt fließen. Da steht das Bistum Limburg, erst 1825 gegründet, finanziell besser da: 196 Millionen sind in Wertpapieren angelegt, aus deren Ertrag die Pensionen bezahlt werden können.

Die Pfründestiftung dagegen, eine andere der fünf zentralen Körperschaften, besitzt nur Wertpapiere in Höhe von 19 Millionen Euro, dafür Liegenschaften mit einem Bodenwert von 44 Millionen Euro. „Die Pfründestiftung ist eine Stiftung, deren Erträge nur zur Bezahlung von Priestergehältern verwendet werden dürfen. Es hat wenig Sinn, diese Vermögen zu addieren, weil es ja den Eindruck erweckte, man könne das Geld, das für Priestergehälter vorgesehen ist, einfach in Kindergärten stecken“, sagt Tatjana Mast.

Aus 134 selbstständigen Pfründestiftungen der Kirchengemeinden hat das Bistum zum 1.Januar 2013 eine gemeinsame Pfründestiftung des Bistums gemacht und damit die Pfarrer von viel Verwaltungsarbeit entlastet, eine zentrale wirtschaftliche Steuerung des Grundbesitzes und der Geldanlagen ermöglicht.

Was aber erbringen die Anlagen, die Wertpapiere von knapp 200 Millionen Euro in Speyer und etwas über 700 Millionen Euro in Limburg? Zwischen drei und 3,6 Prozent liegt die Wertpapierrendite, die Liegenschaften bringen weniger, weil sie in erster Linie Agrarflächen und Weinberge sind.

An einem Punkt kommt die Transparenz aber auch in Speyer und Limburg systembedingt an ein Ende: Zahlen gibt es nur für die zentralen Körperschaften, nicht für die Kirchengemeinden. Das gilt für alle deutschen Bistümer mit ihren 11000 selbstständigen Pfarreien.

Die evangelische Kirche dagegen versucht alle zehn Jahre in einem Kraftakt die Einnahmen aller 23 Landeskirchen und etwa 15?000 Kirchengemeinden zu konsolidieren und gemeinsam zu veröffentlichen. Das letzte Mal geschah das 2005, die damaligen Einnahmen wurden im Jahr 2013 auf 9,93 Milliarden hochgerechnet, das sind etwa drei Milliarden Euro mehr, als die sehr komplexe Addition aller veröffentlichten Einnahmen der 27 deutschen Bistumshaushalte ergibt.

„Derzeit ist es noch nicht möglich, die Haushalte der Kirchengemeinden zu konsolidieren“, sagt Peter Schappert, „weil wir aufgrund der unterschiedlichen Software, die in diesen Buchungskreisen verwendet wird, diese nicht zusammenführen können, sodass wir auch keinen Gesamtüberblick haben.“ Das Bistum führt gerade für die fünf zentralen Körperschaften eine neue Software ein, die dann in einem zweiten Schritt, 2016, auch bei den Kirchengemeinden eingeführt werden soll. „Dann ist es auch möglich, zu konsolidieren, wenn man es denn möchte“, sagt Finanzdirektorin Mast. „Aber das muss natürlich abgestimmt werden, ob es überhaupt gewünscht ist, denn das sind die Zahlen der einzelnen Kirchengemeinden. Da kommt es auf die an, man kann nicht einfach über deren Kopf hinweg berichten.“

Speyer als Vorreiter für Transparenz unter deutschen Bistümern? Wer bei der Deutschen Bischofskonferenz nachfragt, ob alle anderen nachziehen, bekommt eine sehr allgemeine Antwort. „Die Vollversammlung des Verbandes der Diözesen in Deutschland arbeitet an dem Thema. Ohne derzeit eine zeitliche Perspektive benennen zu können, sind wir auf einem guten Weg“, sagt Pressesprecher Matthias Kopp.

Das Erzbistum Köln hat kürzlich eine Transparenzoffensive angekündigt, doch wer weiß, wie weit die geht? In München wird man erst 2016 bessere Zahlen vorlegen können, und dann nur für das Bistum, nicht für die anderen zentralen Körperschaften. Peter Schappert aus Speyer sagt: „Wir fühlen uns nicht als Vorreiter. Wir haben die Grundlage dafür konstant erarbeitet. Unter Rücksichtnahme darauf, dass Öffentlichkeit und Gläubige den Kirchen gegenüber das Recht haben, zu sehen, wie es aussieht, finden wir es ganz normal, das zu veröffentlichen.“

Die Reaktion bei den Finanzdirektoren im Verband der Diözesen Deutschlands erklärt die Speyrer Finanzdirektorin so: „Viele meiner Kollegen stehen vor den Problemen, die wir auch hatten. Viele haben noch die Kameralistik, und da lassen sich die Zahlen nicht so einfach veröffentlichen, sie haben keine Bilanz. Aber fast überall läuft die Umstellung auf doppelte Buchführung, sodass in den nächsten Jahren alle ihre Zahlen veröffentlichen können. Es gab keine negativen Reaktionen bisher.“

Diese Sicht könnte etwas zu optimistisch sein. Bis jetzt veröffentlichen noch nicht einmal alle Bistümer ihre Einnahmen nach einem klar nachvollziehbaren Schema. Selbst die Kirchensteuereinnahmen werden – meist ohne Hinweis – unterschiedlich dargestellt, einmal brutto, einmal netto. Brutto bedeutet: Konzerne zahlen meist die abzuführende Lohnkirchensteuer an das Bistum an ihrem Unternehmenssitz, diese muss dann an die Bistümer der Wohnsitze der Mitarbeiter verteilt werden. Nur wenige sind bisher zur Doppik, einer modernen Form der doppelten Buchführung für öffentliche Körperschaften, übergegangen.

Die Finanzkammer des Bistums Limburg hatte, wie Speyer im engen Austausch mit den anderen Diözesen in der Mitte Deutschlands, bereits 2003 diesen ersten Schritt zur Transparenz gemacht, durfte aber öffentlich keinen Gebrauch davon machen. Transparenz war kirchenpolitisch nicht gewünscht, Intransparenz reklamierte die Kirche als ihr gutes Recht. Weitere Schwachpunkte: In den Bistümern reden ganz unterschiedliche Gremien mit, der Generationenwechsel bei den Verantwortlichen hat zum Teil noch nicht stattgefunden, die Software muss erst angeschafft werden.

In reichen Bistümern ist es eine mühsame Arbeit, für die Liegenschaften korrekte Verkehrswerte zu finden, zu entscheiden, welche Beteiligungen mit welchem Wert einbezogen werden in eine transparente Darstellung. Das Erzbistum Köln hat Immobiliengesellschaften im Ausland, die Immobilien in zentraler Lage in Köln besitzen (siehe DIE ZEIT Nr.8/2014, www.zeit.de/2014/08/bistum-koeln-finanzen). In Speyer wurden seit 2005 hundert Gebäude veräußert, um mit deren Verkaufserlös die notwendigen Ausgaben leisten zu können. In München werden die größten Bauvorhaben aus nicht veröffentlichten Nachtragshaushalten finanziert. Die Schere zwischen den Interessen der reichen und der armen Diözesen in Sachen Transparenz geht weit auseinander.

Zurzeit berät das Gremium der Finanzdirektoren im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz über Transparenz. Worin aus ihrer Sicht das Minimum dafür bestehen sollte, formuliert die Finanzdirektorin aus Speyer so: „Wir haben für alle zentralen Körperschaften eine Gewinn- und Verlustrechnung erstellt und eine Bilanz mit den wichtigsten Positionen. Das ist auch verständlich für Leute, die sonst weniger mit solchen Zahlen anfangen können. Es ist sinnvoll – wie wir das hier gemacht haben –, zu erläutern, was die einzelnen Körperschaften ausmacht, denn uns sind die Begriffe vertraut, aber nicht jedem Interessierten, und deutschlandweit werden sie unterschiedlich gebraucht.“

In Speyer zumindest ist diese Offenheit gut angekommen. Es fand zuerst eine Pressekonferenz statt, bei der es kaum Rückfragen gab. Danach wurde das Transparenzvorhaben dem Priesterrat, dem Pastoralrat und dem Katholikenrat vorgetragen. „ Es gab interessiertes Nachfragen und Erleichterung, dass es so leicht darstellbar war. Ansonsten keine nennenswerte Reaktion wegen zu viel oder zu wenig“, erzählt Peter Schappert.

Keine Kritik, das ist für Kirchenleute fast schon Lob. Dabei ist die Offenlegung des Vermögens eigentlich nur eine Nebenwirkung. Die betriebswirtschaftliche Literatur sieht die Einführung der Doppik als Voraussetzung für eine bessere Steuerung der Finanzen in öffentlich-rechtlichen Körperschaften wie Gemeinden, Sozialverbänden und Kirchen an. Wer modern führen will, setzt auf doppelte Buchführung – und auf Transparenz.

Franz-Peter Tebartz-van Elst hatte bei seinem Amtsantritt 2008 in Limburg die Möglichkeit, sein Bistum modern und transparent zu führen. Er wollte etwas anderes – die katholische Kirche leidet dauerhaft unter den Folgen.

 

 

Erschienen in:
Ausgabe 31/2014
Redakteur:
Ernst Dohlus (Freier Journalist)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Wirtschaft