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Grüne Revolution

Früchtle des Zorns

Aus: Christ & Welt Ausgabe 14/2011

Baden-Württemberg war 58 Jahre fest in CDU-Hand. Das trieb viele Linksalternative ins Exil nach Berlin-Kreuzberg. Ein Südwest-Dissident bekennt

Ihr langer Marsch ist endlich zu Ende. Der Weg hat sich gezogen. Viele sind unterwegs „davongesprungen“, wie man in diesen Breiten sagt. Jetzt wurde die alte politische Utopie der südwestdeutschen Linksalternativen doch noch Wirklichkeit. Nach 58 Jahren Dauerherrschaft der CDU in Baden-Württemberg glaubten sie eher, der Neckar würde eines Tages flussaufwärts fließen, als an solch einen sensationellen grünen Wahlsieg. Festgemauert in der Erden stand das Machtfundament der „Schwarzen“. Ausgeformt wurde es in Hans Filbingers Regierungsjahren von 1966 bis 1978. Der glühende Verfechter des verschwundenen politischen Katholizismus etablierte jenen selbstherrlichen Regentenstil in Herzog-Carl Eugen-Manier, den seine Nachfolger nachahmten. Für die „Proteschtler“, die sich dieser landesväterlichen Autorität nach 1968 nicht mehr unterordnen wollten, drängte sich in deren Augen ein nicht gerade bescheidener, dennoch zwingender Vergleich auf: Hatte der Absolutist im 18.?Jahrhundert den Dichtergenius Friedrich Schiller schon aus seinem Herrschaftsgebiet vergrault, so trieb nun ein Ministerpräsident mit schillernder NS-Vergangenheit die intelligentesten Landeskinder fort in die großen Städte.

All jene, die dem Ländle in den Siebziger- und Achtzigerjahren aus politischen Gründen frustriert den Rücken kehrten, blicken nun mit Bewunderung aus ihrer Berliner Maisonettewohnung auf die wackeren Landsleute daheim. Dass man nun nicht ohne Stolz wieder von „daheim“ spricht, ist nicht selbstverständlich. Endlich bietet das alte Heimatland auch wieder eine politische Heimat. Schwäbischer Bauernkrieg und badische 1848er-Revolution, auf die man sich berufen konnte, waren dann doch schon etwas verblasst. Das subkulturelle Kreuzberg, das war eigentlich nur Emigration. Die gnadenlos urbane Fremde machte man sich schmackhaft bei Kässpätzle und Trollinger in einer umtriebigen schwäbischen Kneipenszene, die es mit Döner-Kebab-Buden lässig aufnehmen konnte.


So viel die Reaktorkatastrophe in Fukushima zum Sturz von Stefan Mappus auch beigetragen haben mag, diese Niederlage wurde vor allem nach schwäbischer Hausmacherart zubereitet. Das scheinbare Naturrecht, im Ländle ewig regieren zu dürfen, schien die CDU aus einem verlässlichen Untertanengeist im Volke abzuleiten, der vor jedem Honoratioren seine Kappe zieht. Der sollte nur nicht vom Demonstrationsrecht Gebrauch machen, hatte man ihm schon in der Kinderschule den Vers eingebläut: „Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst.“ Der Landesfürst Mappus hätte lieber ein anderes Sprichwort im Auge behalten sollen: „Hüte dich vor dem Zorn eines geduldigen Menschen.“

Die nachhaltige Wut, die die Menschen auf ihren langen Marsch trieb, speiste sich an alten Stationen, die nun wieder auftauchten aus dem Orkus der Geschichte. Der südbadische Ort Wyhl ist die Geburtsstätte der deutschen Anti?atomkraftbewegung. Zahlreiche Bürgerinitiativen bündelten dort ihre Kräfte und etablierten neue Widerstandsformen wie Platzbesetzungen und Sternmärsche. Filbingers Warnung von 1975, das Land werde unregierbar, wenn sich bei Großprojekten „irgendwelche ideologische oder andere Interessen mit mittelbarer und unmittelbarer Gewalt widersetzen“, klingt heute für Mappus und Stuttgart 21 wie ein Menetekel. Das Verwaltungsgericht Freiburg stoppte 1977 den Meilerbau, doch nicht etwa, weil die Richter seine Strahlung für gefährlich hielten, sondern weil er als politisch nicht durchsetzbar galt. Ein zäher Sieg.


Im badischen Boxberg wehrten sich Bauern und Umweltschützer von 1978 bis 1987 unter dem Fähnlein des bauernrevoltierenden „Bundschuh“-Symbols erfolgreich gegen eine Daimler-Benz-Autoteststrecke. Sie hätte staatliche Grundstücksenteignungen zur Folge gehabt. In der Mutlanger Heide waren von 1983 bis 1990 Pershing-II-Raketen stationiert. Der Ort bei Schwäbisch Gmünd wurde zum Anlaufpunkt für Friedensdemonstranten. 3000 Sitzblockierer, unter ihnen Heinrich Böll, wurden dort wegen Nötigung festgenommen und zu Geldstrafen von 20 Tagessätzen verurteilt. Später hob das Bundesverfassungsgericht die Urteile als verfassungswidrig auf. All das ist nicht vergessen.

Solche Kämpfe bilden den Humus, auf dem die Grünen in diesen Tagen gedeihen. Sie gingen am 30.?September 1979 in Sindelfingen aus mehreren Antiatom-Bürgerbewegungen hervor. Sofort gelang ihnen 1980 mit 5,3 Prozent Stimmenanteil der Einzug in den Landtag. So viel bodenständigen Rückhalt kennt sonst nur noch die CDU. Doch deren strahlender Erfolg, das Bundesland mit seinen rückständigen Strukturen zum führenden Industriestandort der Bundesrepublik gemacht zu haben, hat sie womöglich über die Jahre geblendet. Aber auch das Volk hat sich gewandelt. Aus dem „Bäuerle“ ist ein global denkender Diplom-Landwirt geworden. In den Uni-Städten Freiburg, Heidelberg und Tübingen hat sich ein wohlhabendes grünes Bürgertum herausgebildet, das nicht mehr an Wahlkampfständen verschrumpelte Möhren mümmelt und Autobahnen zu Krötenwanderwegen umfunktionieren will. Den Aufbruch in das Ökozeitalter begrüßt es mit umweltverträglichem Bausparvertrag und Bio-Crémant. Aus den renitenten Landeskindern von einst sind satte Mittfünfziger geworden, die zwischen Jakobsweg und Jakobsmuschel oszillieren und mit Ayurveda-Kuren und Wellness-Wallfahrten sich selbst und damit die Welt retten.

Etwas bieder wirkte dagegen der Werbespot des grünen Spitzenkandidaten Kretschmann. Als Kleingärtner pflanzt er mit schlichtem Ackerbaugerät, das nicht bei Manufactum erstanden wurde, ein Bäumlein. So rustikal-?romantisch wie einst die kniende Frau auf dem Fünfzig-Pfennig-Stück ist er nicht. Ist er deswegen gleich ein falscher Fuffziger, der den Industriestandort in eine grüne Hölle verwandelt? Jetzt erst werden die Lebensentwürfe dieser Generation mit der Wirklichkeit konfrontiert. Werden sie ihr wohl standhalten?

Erschienen in:
Ausgabe 14/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Kultur, Innenpolitik