Das Wesentliche: G.I.
Freundliche Fremde
Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2012
Mit dem Abzug Tausender US-Soldaten aus Deutschland endet die Nachkriegszeit – doch niemanden scheint es zu interessieren.

Danke Amerika, die Zeit mit dir war schön! 70 Jahre ist es her, dass deine Soldaten zu uns als Feinde kamen und zu Freunden wurden. Sie brachten uns Demokratie, Jeans und Coca-Cola. Außerdem sorgten sie für Farbe in unserem auf arisch, blond und blauäugig geeichten Genpool. Über 66 000 Kinder sollen laut Statistischem Bundesamt nach 1945 von alliierten Soldaten in Westdeutschland gezeugt worden sein. Die meisten davon haben wir euch zu verdanken. Das war aktive Aufbauhilfe an der bundesrepublikanischen Demografie, selbst wenn es nicht im Marshallplan stand. Damals sahen das viele Deutsche natürlich anders. Mit den G.I.s, so die Legende, kam nicht nur die Freiheit, sondern auch die Sünde nach Deutschland. So als wäre Deutschland in den Jahren unter Hitler in moralischer Hinsicht unbefleckt gewesen und Elvis Presleys Hüftschwung verderblicher für die deutsche Jugend als ein kleiner, schmutziger Blitzkrieg, den man nach dem bösen Erwachen am liebsten vergessen würde.
Amerika, das war die Fremde. Auf die einen wirkt sie bedrohlich, auf die anderen aufregend. Mit dem G.I. bekam sie ein Gesicht – und nicht nur eins, Hunderttausende Gesichter. Mit dem G.I. gleich in der Kaserne um die Ecke wurde Amerika ein Teil von uns. Friends will be friends – und was schweißt Freunde enger zusammen als ein bisschen Verliebtsein und ein gemeinsamer Feind: die Russen.
Mit dem Rotarmisten stand für viele in Westdeutschland das Negativbeispiel gleich hinterm Zonenzaun. Man konnte sich also glücklich schätzen als West-Zoni, man musste dankbar sein, es hätte ja alles so viel schlimmer kommen können. Hatte der Rotarmist nicht mit Gewalt genommen, wofür der G.I. bezahlt hatte, ob es nun goldene Uhren, Nazi-Kitsch oder Liebe waren?
Irgendwann war der Zonenzaun weg und der Rotarmist auch, doch der G.I. blieb. Glücklich war man in Deutschland weiterhin. Zehntausende US-Soldaten brachten Wohlstand in so manches Provinznest, das ansonsten wohl den Wölfen oder den Kleingartenvereinen überlassen worden wäre.
Dankbar aber waren wir nur noch, wenn einschlägige historische Gedenktage es verlangten. Ansonsten teilte man sich dasselbe Land wie die Angestellten einer Firma denselben Aufzug: Man grüßt sich, wenn man sich trifft, ansonsten geht man sich aus dem Weg.
Dieses Desinteresse am anderen ging so weit, dass man sich in Deutschland während der Kriege in Afghanistan und im Irak zwar über die Bush-Administration und ihre Methoden empörte, dabei aber ignorierte, dass man selbst zum amerikanischen Aufmarschgebiet geworden war. Der US-Soldat in Deutschland, früher Vorbild oder Hassobjekt, auf jeden Fall unübersehbar, war nun zum Unsichtbaren geworden. Man demonstrierte nicht gegen ihn, man dachte nicht einmal daran, man demonstrierte gegen Bush und gegen Amerika, denn beide waren schön weit weg. Aus Freunden waren Fremde geworden. Und jetzt gehen also auch die freundlichen Fremden unter uns. Tausende US-Soldaten will US-Präsident Barack Obama aus Europa und besonders aus Deutschland abziehen, um sie im Pazifik zu stationieren. Damit erkennt Amerika an, dass es von Deutschland nichts mehr zu erwarten hat – nichts Schlechtes, aber auch nichts Gutes. Sicherheitspolitisch sind wir den USA mittlerweile so egal, wie wir es vor dem Krieg gewesen sind. Umgekehrt ist es wohl nicht anders. Selbst das Wort G.I. – die Abkürzung für „Galvanized Iron“, eine Aufschrift, mit der einst Metallmülleimer verschönt wurden – wirkt heute wie ein Anachronismus aus der Zeit, als Bill Ramsey noch sein „Souvenirs, Souvenirs“ trällerte.
Die Nachkriegszeit ist vorbei, hieß es, als der Kalte Krieg zu Ende ging. Dann soll sie passé gewesen sein, als der Euro die D-Mark ablöste; die Mark war nie mehr als eine Nachkriegswährung. Dann kämpften deutsche Soldaten im Ausland und wieder sagten alle, die Nachkriegszeit, das war einmal. Immer verbarg sich dabei hinter der Formulierung der stille Wunsch nach alter Größe. Vielleicht aber ist die Nachkriegszeit erst dann Geschichte, wenn sie egal geworden ist. So wie eine Beziehung erst wirklich vorbei ist, wenn man nichts mehr füreinander empfindet. Danke Amerika, die Zeit mit deinen Jungs war schön!





